Konzert in Albstadt: So viel Leidenschaft – das freut sogar die Dix-Porträts im Kunstmuseum

Oksana Stechyshyn spielt mit viel Leidenschaft – das kommt beim Publikum im Kunstmuseum gut an.
Barbara SzymanskiBitte anschnallen! Denn am Flügel nimmt Oksana Stechyshyn Platz. Die preisgekrönte Pianistin und Komponistin spielt Auszüge aus ihrem neuen Programm nämlich mit so unglaublicher Energie und illustrer Klangkraft, dass es die Zuhörer fast von den Sitzen reißt.
Es ist eine Premiere im Kunstmuseum Albstadt im Rahmen des 50. Jubiläums. Die Ukrainerin hat das an diesem heißen Sommertag nicht besonders gut besuchte Konzert mit „Romantik & Moderne“ überschrieben: Beethoven und César Franck begegnen dem polnischen Komponisten Andrzej Nikodemowizc und seinem ukrainischen Kollegen Myroslaw Skoryk. Der Letztgenannte schafft es in einem einzigen Stück, synkopierte und stürmische, fast jazzige Passagen mit butterweichem Swing, folkloristischen Anklängen und schmelzend zarten Glissandi spannungsreich zu verzahnen.
Richtig zu Hause
Auch bei dieser Partita Nr. 5, die sich als klassische Moderne einsortieren lässt, scheint sich die Pianistin so richtig zu Hause zu fühlen. Denn hier bleibt keine der 88 Tasten des Flügels unbespielt.
Was für eine Wucht, mal schwerblütig, dann wieder mit freundlichem Girlandenwerk versehen, mit zarten Kantilenen einer Klarinette oder spitzen Tönen einer Zimbel umwölkt, entfaltet die 26-Jährige auch hier ihr hohes technisches Können, ihre sicht- und hörbare Leidenschaft mit ihrem fast empörend kräftigen Anschlag. Befreites Lächeln, tiefe Verbeugung, kräftige Beifallsbekundungen.
Einfallsreich und Temperamentvoll
Mit viel musikalischem Einfallsreichtum, Temperament, oder sprühend glanzvoller Dynamik modelliert die Tastenkünstlerin den Zyklus Prélude, choral et fugue von César Franck mit so viel Hingabe und Leidenschaft, dass man kaum zu atmen vermag. Um jedoch sofort wieder mit sprühend glanzvoller Dynamik zu herauszufordern. Melodramatik, kraftvolle Formideen oder tiefschürfende Gefühle wechseln sich so atemlos ab, dass sogar die etwas finsteren Dix-Porträts milder aus ihren Rahmen zu schauen scheinen.
Eine Appassionata wie gemalt
Behutsam, gewaltig, farbenfroh, himmelstürmend, tänzerisch, anmutig, fast malerisch und natürlich einmal mehr leidenschaftlich dürfen die Zuhörer die unter Appassionata bekannte Sonate Nr. 23 in f-moll so miterleben, wie diese von Ludwig van Beethoven wohl gemeint war: leidenschaftlich, ohne Kompromisse.
Auch bei Expressi op. 28 des polnischen Modernisten Andrzey Nikodemowicz fächert Oksana Stechyshin ihr Können auf mit Präzision trotz hohem Tempo, gewisser Rauheit des Klangspektrums, fast peitschender Dramatik und Schmeicheleien mit vertrackten Bögen und neckischen Trillern mit ungewohnten Harmonien, die das Gehör herausfordern, aber auch rasch wieder befrieden. Der Sicherheitsgurt wird nach einer knappen Stunde gelöst und alle applaudieren leidenschaftlich für dieses Konzert-Abenteuer.