Die Bebauung des Grundstücks ist in weiter Ferne, trotzdem haben Verwaltung und Gemeinderat jetzt Standards definiert, die künftige Investoren dort einzuhalten haben.
Vorne rollt der Verkehr auf der B 415, hinten fließt die Schutter vorbei, daneben liegt das Herzzentrum – und zwischendrin befindet sich ein gut 7300 Quadratmeter großes Areal, das mit seiner Lage für Wohnen ideal erscheint. Denn die Natur ist nahe, die Innenstadt nicht weit und eine wichtige Verkehrsader direkt vor der Haustür. Allerdings geht es auf dem Singler-Areal nun schon seit Jahren nicht voran. Das hat dazu geführt, dass das Tischtuch zwischen Investor Uwe Birk und der Stadt mittlerweile zerschnitten ist.
Birk leitet die Deutsche Bauwert, ein Immobilienunternehmen aus Baden-Baden, das seit 2009 in Lahr insgesamt 843 Wohnungen mit 63 000 Quadratmetern Wohnfläche gebaut hat. Das Singler-Areal hatte das Unternehmen im Mai 2022 mit der Absicht gekauft, das frühere Möbelhaus abzureißen und dort 118 Wohnungen zu errichten. Auf Bitten der Stadt, das Bauvorhaben zu reduzieren, war Birk bereit, auf 90 Wohnungen runterzugehen.
Auf dem Areal sind bisher aber trotzdem noch keine Bagger angerollt. Stattdessen bietet Birk das Gelände seit einem Jahr zum Verkauf an, da es ihm beim Bebauungsplan für das Gelände zu langsam gegangen war. Nachdem das Projekt verwaltungsintern nur auf Prioritätenstufe 3 angesiedelt worden war, befürchtete der Bauentwickler eine jahrelange Verzögerung. Höhepunkt des Zerwürfnisses war seine Ankündigung, in Lahr nie mehr bauen zu wollen.
Es geht um die Frage, wie hoch gebaut werden darf
Jetzt ist Bewegung in die Angelegenheit gekommen, allerdings nicht, indem sich ein neuer Investor gefunden hätte. Vielmehr ist die Stadt in Vorleistung getreten, wenn man so will: Die Verwaltung definierte „quantitative und qualitative Standards für ein Wohnbauprojekt auf dem Singler-Areal“, wie es in der Vorlage für den Gemeinderat hieß, der am Montag darüber abzustimmen hatte. Das Resultat wird die Verwaltung gefreut haben – denn das Gremium war einstimmig für ihren Vorschlag, Regeln für die künftige Bebauung festzusetzen.
„Das macht schon Sinn“, so Klaus Schwarzwälder von den Kommunalen Freien Wähler, dem aber die von der Stadt für das Areal vorgesehene Sozialwohnungsquote von 20 bis 60 Prozent zu niedrig erscheint. „Es ist richtig, im Vorfeld Standards festzulegen“, war auch Sven Haller (AfD) überzeugt.
„Die ursprüngliche Planung war zu massiv“, blickte Ilona Rompel (CDU) auf die Auseinandersetzung mit Uwe Birk zurück. Die künftige Gestaltung des Areals könne man nun „neu denken“, sah auch Roland Hirsch (SPD) positive Aspekte des städtischen Vorgehens, das er sich so auch für das Schillinger-Areal wünscht.
„Es ist richtig, proaktiv an die Sache ranzugehen“, bestätigte Dorothee Granderath. Potenzielle Investoren wüssten jetzt, woran sie seien. Jörg Uffelmann (FDP) sprach sich ebenfalls dafür aus, auf dem Singler-Areal nicht zu sehr in die Höhe zu bauen – schließlich dürfe man dem „Schuttertäler“ – ein frischer Luftzug aus dem Schwarzwald in die Innenstadt – nicht den Weg verbauen.
Die vom Gemeinderat beschlossenen Vorgaben für das Singler-Areal sehen vor, dass dort zur B 415 hin nicht mehr als vier Geschosse errichtet werden dürfen. In zweiter Reihe, zur Schutter hin, ist sogar nur noch eine lockere Bebauung mit maximal drei Geschossen erlaubt – Birk wollte höher gehen. Außerdem darf das gesamte Gebiet höchstens zu 60 Prozent versiegelt werden, inklusive Nebenanlagen, Parkplätzen und Tiefgarage.
Auf den restlichen 40 Prozent der Fläche hat der künftge Investor Grünflächen anzulegen, wobei die Verwaltung recht konkrete Vorstellungen hat, wie es dort einmal aussehen soll: „Im Innenbereich der Wohnbebauung ist ein zentraler, gestalteter Freibereich auszubilden, der sich zur Schutter hin öffnet.“ Darüber hinaus muss entlang der Schutter ein zehn Meter breiter Streifen unbebaut bleiben. Ein Muss für die künftigen Planer ist es auch, entlang der Bundesstraße eine Baumallee mit öffentlichen Parkplätzen auszubilden.
Am Dienstagmorgen hat sich auch Markus Ibert zum Singler-Areal geäußert. „Wir sind uns nicht einig geworden“, sagte er über die Gespräche mit Uwe Birk. Dass die Stadt nun Rahmenbedigungen für das Grundstück definiere, sei legitim, so der OB beim Pressegespräch im Nachgang der Ratssitzung. Denn man habe es hier mit einer „sensiblen Stelle“ zu tun, wie geschaffen für gutes Wohnen. Aber es seien auch weitere Aspekte einzubeziehen, zum Beispiel der „Schuttertäler“ oder generell die Frage, wie die Stadt wachsen soll.
Die Stadt wollte sich Zeit lassen, Birk wollte das nicht
Der Ärger im Zusammenhang mit dem Singler-Areal war entstanden, weil Birks Projekt dort stockte. Im Herbst 2024 habe er von Baubürgermeister Tilman Petters erfahren, dass aus Sicht der Stadt ein Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan erst 2027 möglich sei, hatte Birk unserer Redaktion vor einem Jahr gesagt. Bis zum Baustart wären weitere Jahre verstrichen, das sei für ihn inakzeptabel – so hatte er es damals begründet, weshalb er für sich einen Schlussstrich unter das Projekt ziehen wollte.
Auf die Nachricht, dass der Gemeinderat tags zuvor Baustandards für das Gelände festgelegt hat, ragierte Birk bei einem Telefonat mit unserer Redaktion am Dienstag mit einer differenzierten Stellungnahme. Dass Verwaltung und Gemeinderat sich mit dem Areal beschäftigten, es dort also vorangehe, sei zu begrüßen, betonte er.
Mit Einzelheiten der nun beschlossenen Vorgaben habe er keine Schwierigkeiten. Entlang der B 415 will die Stadt etwa „eine weitgehend geschlossene Bauweise zur Lärmabschirmung“ – so einen „Bauriegel“ habe auch er im Sinn gehabt, stellt Birk fest.
Problematisch ist für ihn die Vorgabe, wie hoch gebaut werden darf. Denn im vorderen Bereich hatten seine Pläne sechs Geschosse, im hinteren Bereich vier bis fünf vorgesehen.
Im Gespräch mit unserer Redaktion wird Birk grundsätzlich, betont, dass Lahr eine wachsende Stadt sei, in der Wohnraum gebraucht werde. Von der Verwaltung sei es inkonsequent, auf dem Flugplatz Gewerbegebiete zu entwickeln, dann aber Restriktionen für den Wohnungsbau zu erlassen. Denn die Menschen, die auf diesen Gewerbeflächen künftig arbeiten, müssten auch irgendwo wohnen.
Birk kritisiert außerdem die Kommunikation der Stadtverwaltung, die ihm nicht mitgeteilt habe, dass für das Singler-Areal Baustandards festgelegt werden sollen. Erst durch den Anruf eines Zeitungsredakteurs in der vergangenen Woche habe er davon erfahren und sei „total überrascht“ gewesen. „Diese Vorgehensweise ist sehr speziell“, aber das sei nichts Neues von der Lahrer Stadtverwaltung, so der Bauentwickler. Er hätte sich auch gewünscht, dass er oder sein Planer zu der Ratssitzung am Montag eingeladen wird, um dort sprechen zu dürfen.
Birk sagt außerdem, dass es für das Singler-Areal „einige Kaufinteressenten“ gebe. Sollte sich kein Investor finden, der das gesamte Projekt alleine stemmen will, sei es für ihn auch denkbar, dass das Areal von mehreren Investoren und „in Tranchen“ bebaut wird. Er würde dann nicht ausschließen, dass die Bauwert einen Teil der Bebauung übernimmt – aber nicht den, der unter die Sozialwohnungsquote fällt.
So geht es weiter
Um auf dem Singler-Areal Wohnungen errichten zu können, braucht es eine Änderung oder Neuaufstellung eines Bebauungsplans. In ihrer Ratsvorlage äußert die Stadt sich nicht dazu, wann diese planerische Arbeit erledigt ist. Es heißt nur, dass man wegen der Größe und Komplexität der Aufgabe das Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus („Bauturbo“) nicht anwenden werde. Zum weiteren Vorgehen teilt die Stadt mit: „Nach Beschluss durch den Gemeinderat wird die Verwaltung die städtebaulichen Parameter für die Entwicklung des Singler-Areals gegenüber dem Eigentümer der Fläche kommunizieren und allen Interessenten an einer Entwicklung des Geländes zur Verfügung stellen.“