Seit 20 Jahren gibt es das Themencafé der Diakonie im Weiler Stadtteil Friedlingen. Am Freitag war dort Oberbürgermeisterin Diana Stöcker zu Gast. Es gab viel zu besprechen.
Jede Woche, immer freitags, kommen um die 20 Frauen, manchmal mehr manchmal weniger, im großen Saal des Mehrgenerationenhauses zum „Themencafé“ zusammen.
Um die ganze Bandbreite von Themen, die Familien, ganz vorwiegend mit einem Migrationshintergrund, bewegen, geht es bei diesem Angebot des Diakonischen Werks. Viele kommen jede Woche ins Mehrgenerationenhaus und halten sich den Freitag extra dafür frei.
Wie jeden Freitag haben die Frauen ein üppiges Büffet mit selbst gemachten Köstlichkeiten gerichtet: Von Falafel und orientalische Mini-Pizzen über Tomatensalat und harten Eiern bis hin zu Brownies bleibt kein Essenswunsch offen.
An diesem Morgen erwarten die Frauen einen hohen Gast. Oberbürgermeisterin Diana Stöcker.
Auch Volker Hentschel, stellvertretender Geschäftsführer des Diakonischen Werks im Landkreis und als solcher verantwortlich für das Mehrgenerationenhaus, ist mit dabei.
Ein gut gefüllter Teller steht schon bereit, als die Oberbürgermeisterin mit einem Strauß Rosen in der Hand eintrifft. Sie überreicht die Blumen an die Verantwortlichen Malesevic und Hamidi sowie Manuela Maurer, als Koordinatorin in der Diakonie-Geschäftsstelle die „gute Seele“ des Hauses.
Oberbürgermeisterin gibt Einblicke
Die Frauen – die meisten aus Weil, aber auch aus Haltingen, Binzen, Eimeldingen und sogar Rheinfelden, wo Stöcker früher Bürgermeisterin war – haben sich auf den Termin gefreut: Schnell kommt man ins Gespräch. Es gibt keine Berührungsängste.
Stöcker lobt das Essen und gibt Einblicke in ihre eigenen Frühstücksgewohnheiten – gern erst später am Morgen, gern herzhaft. So wie sie auch später, als es in einer Vorstellungsrunde auch um die Lebensgeschichten jeder einzelnen Frau geht, bereitwillig von sich erzählt, und wie sie zu dem wurde, was sie ist.
Wo sind die Bodyguards?
Ein Oberbürgermeister: Dort, wo sie herkomme, verbinde man diese Idee mit einem Mann, der sich abschottet und von einer großen Schar Bodyguards umgeben ist, wundert sich eine ältere Afghanin über das unkomplizierte Auftreten Stöckers. Eine Frau, die aus der Türkei kommt, stimmt ihr zu.
Stöcker greift den Ball auf, sagt, dass sie sich nicht bedroht fühle, und auch nicht hoffe, je bewacht werden zu müssen. Doch auch in einer freien Gesellschaft sei man Bedrohungen ausgesetzt, sagt sie im Hinblick auf den vor kurzem im Dienst zu Tode gekommenen Bahnmitarbeiter.
Erwartungen, die an eine Frau gestellt werden
Und schon sind die Frauen mitten drin in einer angeregten Debatte, was eine Oberbürgermeisterin ausmacht, und welche Erwartungen an sie gestellt werden.
Wie sie das Familienleben, das für die meisten Frauen hier im Mittelpunkt des Lebens steht, neben ihrem anspruchsvollen Job bewältigt? Ihr sei stets beides wichtig gewesen, sagt Stöcker: Familie und Beruf.
Von 16 Jahren Leitung eines Innovationszentrums in Lörrach, über Bürgermeisterin in Rheinfelden und Bundestagsabgeordnete bis hin zum Oberbürgermeisteramt kann sie bereits jetzt auf eine beachtliche Laufbahn zurückblicken. Sie ist geschieden und hat eine 25-jährige Tochter, die schon selbst im Berufsleben steht.
Solidaritätsgefühle
Und ja, so fügt sie hinzu und stößt damit sichtlich auf Solidaritätsgefühle bei den anwesenden Frauen, wenn jemand bei ihr zuhause koche, dann sei das sie, nicht ihr Lebensgefährte.
Denn dies, dass ein Mann zuhause koche, sei für viele von ihnen, allein aufgrund des anderen kulturellen Hintergrunds, nicht denkbar, erläutert Hamidi, die selbst aus Afghanistan kommt, in Moskau studiert hat und schon lange in Weil am Rhein lebt.
Heißes Thema Wohnungsfrage
Als sich eine Sozialarbeiterin in der Runde mit der Nachfrage nach einer dringend notwendigen Wohnung für eine ihrer Schutzbefohlenen an sie wendet, ein Thema, mit dem sich Stöcker durchaus beschäftigt, das aber in diesem Fall noch nicht auf ihrem Schreibtisch gelandet ist, bekommt das Gespräch noch eine andere Wendung.
Auch, wenn es womöglich scheine, als Oberbürgermeisterin habe sie vorwiegend repräsentative Aufgaben, ein Jubiläum hier, eine Kindergarteneröffnung dort, so spiele sich der Großteil ihrer Arbeit nicht vor den Augen der Öffentlichkeit ab, macht Stöcker deutlich. Abendliche Sitzungen, Gespräche mit Unternehmern und anderen Verantwortlichen, dazu die Führung eines Hauses mit deutlich mehr als 500 Mitarbeitern – Stöcker scheint im Rückblick fast selbst erstaunt, dass seit ihrem Amtseintritt erst gut eineinhalb Jahre vergangen sind.
Schwierigkeiten wurden überwunden
Viele der Frauen im Themencafé hatten mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen und haben – auch mit Unterstützung der anderen – etwas geschafft in ihrem Leben. Etwa die Bulgarin, die kein Wort Deutsch konnte, als sie nach Deutschland kam und heute als Kassierin im Rewe das Geld für ihre Familie mit verdient, die Türkin mit zwei Kindern, die in der Mensa der Rheinschule tätig ist, oder eine junge Afghanin, die in ihrem Heimatland für eine internationale Bank tätig war und mit ihrem Mann und zwei Kindern erst vor einigen Monaten über ein Aufnahmeprogramm nach Deutschland gekommen ist.
Nur Frauen aus der Ukraine sind hier nicht vertreten. Dass diese vom deutschen Staat anders – besser – behandelt werden als sie selbst, wurmt einige der Anwesenden sichtlich. Bei der Wohnungssuche würden sie bevorzugt, klagt eine Frau, die durch ihre Arbeit in einer Gemeinschaftsunterkunft beruflich mit dem Thema zu tun hat.
Hintergrund:
Die Idee für das Themencafé hatte die Pädagogin und heutige Weiler SPD-Gemeinderätin Nilufar Hamidi. Zusammen mit Ute Faber vom Diakonischen Werk rief sie es vor 20 Jahren ins Leben.
Seit rund zwei Jahren ist von Seiten des Diakonischen Werks Mirna Malesevic die Leiterin des Themencafés. Die Frau aus Kroatien hat in Halle an der Saale Erziehungswissenschaft und Soziologie studiert und ist beim Diakonischen Werk außerdem für Schwangerenberatung, Schwangerenkonfliktberatung und allgemeine Beratung zuständig. Malesevic wohnt auch im Weiler Stadtteil Friedlingen: „Ich fühle mich den Menschen nah“, sagt sie.
Es wird vom Landkreis Lörrach über das Programm „Stärke“ bezuschusst und ist fester Teil des Angebots im Mehrgenerationenhaus, das vom Bund mit 40 000, von der Stadt Weil am Rhein mit 10 000 Euro jährlich gefördert wird.