Winfried Kretschmann war auf Abschiedstour im Kreis Calw. Foto: Fritsch

Nagold ist so etwas wie ein Hot-Spot im Landtagswahlkampf. Im November bot die CDU Markus Söder und Manuel Hagel auf. Die Grünen jetzt eine ganze Regierungsmannschaft.

Der Kreis Calw ist nicht unbedingt als Stammland der Grünen in Baden-Württemberg bekannt. Und doch hat ihn die Partei für ein wichtiges Treffen und einen spektakulären Wahlkampfauftritt ausgewählt.

 

Im Nachgang zur Klausurtagung der Landtagsfraktion in Altensteig trat am Dienstagabend die komplette grüne Polit-Prominenz in der Veranstaltungslocation Teufelwerk auf.

An erster Stelle natürlich Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf seiner Abschiedstournee, dann der Spitzenkandidat Cem Özdemir, Landtagspräsidentin Muhterem Aras, alle Landesminister wie Manfred Lucha oder Winfried Hermann sowie Fraktionschef Andreas Schwarz mitsamt allen 57 grünen Landtagsabgeordneten.

Auch Spitzenkandidat Cem Özdemir trat in Nagold auf. Foto: Fritsch

Das Mikrofon im sehr gut besetzten Teufelwerk in Nagold ergriff als Erster natürlich das grüne Zugpferd Winfried Kretschmann, der sich gleich mal als Fan eines ganz speziellen Nagolder Produkts outete. Er trage fast nur Anzüge des Nagolder Herstellers Digel, „obwohl die fast zu schick für einen alten Kerl wie mich sind“, ulkte der 77-Jährige. Ein Besuch bei Digel sei in diesen Tagen eigentlich vorgesehen gewesen, sei aber aus Termingründen erst einmal nicht zustande gekommen. Doch das solle nachgeholt werden, sagte Kretschmann am Rande der Veranstaltung.

Kretschmann nutzte den wohl letzten Auftritt im Kreis Calw als Ministerpräsident, um eine Bilanz seiner drei Amtszeiten zu ziehen und auch um Rechenschaft über seine Arbeit abzulegen. Unter anderem habe man den Anteil der erneuerbaren Energien von 18 auf 55 Prozent gesteigert, die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze sei seit 2010 um eine Million gestiegen.

Kretschmann schwor die Gäste des Abends noch einmal auf ein wichtiges Ziel der Grünen ein: „Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen, wird es bald keinen Schwarzwald mehr geben.“ Auf dem Weg dahin müsse man auch bereit sein, neue Wege zu gehen, so Kretschmann, der seine eigene Methode so beschrieb: „Klar in den Zielen, offen in den Wegen.“ Ganz allgemein gesprochen stellte er sich und seiner Regierung ein positives Zeugnis aus: „Wir haben ordentlich regiert“, gab sich der Landesvater selbstbewusst.

Grüne Spitzenpolitiker – hier Sozialminister Manfred Lucha (links) – stellten sich in Nagold dem Bürgerdialog. Foto: Fritsch

Ein Ministerpräsident müsse eben wissen, wie man regiert, konstatierte Winfried Kretschmann. Mit einem potenziellen Nachfolger Cem Özdemir gehe er da „leichten Herzens“, denn der habe Augenmaß, Tatkraft und Fingerspitzengefühl. Nach einem Loblied auf den Bad Uracher Cem Özdemir hatte Kretschmann zum Abschluss einen einfachen Rat parat: „Der Cem kann’s. Da machen sie nichts falsch“, sagte er unter dem tosenden Beifall der Gäste im Teufelwerk.

Der ehemalige Bundesminister Özdemir gab sich zunächst bescheiden („In Berlin habe ich einiges gelernt, vor allem wie man es nicht macht“) bevor er schnell in den Wahlkampf-Modus umschaltete, dabei auch seinen Parteifreunde eine Stilfrage ins Stammbuch schrieb: Auch im Wahlkampf müsse man so reden, dass man sich danach nicht dafür entschuldigen müsse. „Man redet da über Mitbewerber und nicht über Feinde.“ In der Politik zählten die besten Ideen und nicht die Parteibücher.

Die Veranstaltung im Nagolder Teufelwerk war sehr gut besucht Foto: Fritsch

Der „in der Wolle gefärbte Europäer“ erinnerte sich in der Folge an eine besondere Verbindung zu Nagold. Denn sein Vater sei, als er von der Türkei nach Deutschland gekommen war, in einer Stadt als erstes aufgenommen worden, und das sei Nagold gewesen.

Özdemir: „Der Nagolder Bürgersinn kann dem Land gut tun“

Auch in der heutigen Zeit könne Nagold ein Vorbild für Baden-Württemberg sein, so der Spitzenkandidat. „Der Nagolder Bürgersinn, der Nagolder Geist kann dem Land guttun“, sagte Özdemir, der noch ein weiteres Kompliment parat hatte: „Man muss nicht nach Rom gehen, um sieben Hügel zu bekommen“, so der Grünenpolitiker in Anspielung auf den Sieben-Berge-Weg in und um Nagold.

Nach den Auftritten der beiden Gallionsfiguren leitete Fraktionschef Andreas Schwarz zum eigentlichen „Bürgerdialog“ über, bei dem die prominenten Grünen-Politiker – darunter auch der Ministerpräsident – an Stehtischen zu einzelnen Themen wie Infrastruktur, Finanzen oder Gesundheit den Gästen, die nicht nur aus den Reihen der Grünen kamen, Rede und Antwort standen.