Eine neunköpfige Delegation aus Lahr hat die befreundete Stadt Kalusch in der Ukraine besucht. Die Reise bot zahlreiche bewegende Erlebnisse im vom Krieg gebeutelten Land.
Fünf Tage, neun Teilnehmer, zwei Dutzend Programmpunkte und unendlich viele wertvolle Erfahrungen: Das ist die Bilanz der Reise einer Lahrer Delegation um OB Markus Ibert in die Stadt Kalusch im Südwesten der Ukraine. Unsere Redaktion berichtet in einer mehrteiligen Serie über Emotionen und Erkenntnisse.
Vorbereitung lief über mehrere Monate
Die Vorbereitung: Ende Oktober waren die Kaluscher bei der Chrysanthema in Lahr zu Besuch. Da lud Bürgermeister Andrii Naida OB Markus Ibert zu einem zweiten Besuch (nach Dezember 2024) ein. Diesem Angebot kam der Oberbürgermeister gerne nach – und seine Idee war es auch, die Stadträte und die Presse miteinzubinden.
Die Vorbereitung übernahm hauptverantwortlich Stefan Breitner, kommissarischer Leiter der zentralen Steuerung: „Ich habe geschaut, wie wir am besten anreisen. Es sollte einigermaßen komfortabel und kostengünstig sein.“ Das erste Mal waren die Lahrer nach Warschau geflogen und von dort mit dem Zug angereist. Breitner fand eine günstigere und ähnlich schnelle Alternative: Es sollte mit dem Zug nach Wien gehen, von dort weiter mit dem Nachtzug in Richtung Kiew. Auch Abstimmungen mit dem Auswärtigen Amt galt es zu tätigen, erzählt Breitner. Die Teilnahme erfolgte schließlich aufgrund der Reisewarnung auf eigene Gefahr.
Stadträte und Pressevertreter waren erstmals eingeladen
Die Teilnehmer: OB Markus Ibert führte die Delegation an. Von der Verwaltung war Stefan Breitner dabei, hinzu kam Gabi Rauch vom Lahrer Ukraine-Hilfsverein Gemeinsam Europa.
Jede Fraktion durfte einen Stadtrat schicken. Mit an Bord waren Klaus Dorner (Freie Wähler), Roland Hirsch (SPD), Frank Himmelsbach (Grüne) und Joachim Volk (FDP). Die CDU verzichtete auf einen Teilnehmer, AfD-Stadtrat Jürgen Pietraszyk sagte kurzfristig krankheitsbedingt ab und fand keinen Nachrücker mehr.
Anreise verlief mit einigen Schockmomenten
Die Anreise: So traf sich die Gruppe am Samstag in aller Frühe um 6.30 Uhr auf dem Rathausplatz zur Abreise nach Offenburg. Dort der erste Schock: Der ICE nach München fiel kurzfristig aus. Was tun? War da die Reise schon in Gefahr? Reiseleiter Breitner behielt einen kühlen Kopf und tüftelte eine Alternativverbindung mit Umstiegen in Karlsruhe und Stuttgart aus. Trotz des ernsten Anlasses der Reise und der unplanmäßigen Änderungen herrschte eine gute Stimmung, wie schon bei einer Runde Mau-Mau im Zug nach Stuttgart deutlich wurde. Mit der Alternativverbindung klappte alles planmäßig.
Doch in Wien folgte Schock Nummer zwei: „Mein Rucksack!“, rief Ibert plötzlich auf dem Bahnsteig. Das Gepäckstück lag noch im Zug. Der OB sprintete zurück – und erreichte die Bahn noch rechtzeitig vor der Abfahrt. Schock Nummer drei: Bevor er aussteigen konnte, setzte sich die Bahn aber schon Richtung Ungarn in Bewegung. Nach kurzer Panik („Wir haben den OB verloren“) folgte aber die Erleichterung beim Rest der Gruppe: Iberts Zug fuhr dem späteren Nachtzug voraus. Er konnte also einfach an einem Bahnhof in Ungarn zusteigen. Alles gut – es wurde aber zum Leidwesen OB zum Running Gag der Reise.
Die Fahrt Richtung Ukraine im Schlafwagen wurde zu einem Abenteuer. Drei vielleicht 1,60 Meter lange Pritschen, die die Passagiere selbst beziehen mussten, standen in jedem Abteil bereit. Die Stimmung – nun auch wieder mit Ibert – war weiterhin gut und die Teilnehmer fanden sogar einige Stunden Schlaf. Kurz vor der ukrainischen Grenze stieg jedoch die Spannung. Plötzlich wurde der Gedanke immer deutlicher: Es geht in ein Kriegsland. Man begibt sich in potenzielle Gefahr.
Auf ungarischer Seite kontrollierten Beamte gegen 3 Uhr morgens den Pass – es stand die Ausreise aus der EU an. Dann fuhr der Zug über die Grenze – und die Pässe wurden erneut kontrolliert. Diesmal von ukrainischen Beamten. Es ging alles glatt. Nach 28 Stunden Reisezeit erreichte die Delegation am Sonntagvormittag den Bahnhof von Striy – eine Nachbarstadt von Kalusch.
Freundliche Begrüßung, von Landschaft wenig zu erkennen
Die ersten Eindrücke: Tania und Zoriana, zwei Mitarbeiterinnen aus dem Rathaus, begrüßten unsere Delegation herzlich. Ibert, Breitner und Rauch umarmten sie sogar – sie kannten sich bereits von der ersten Reise. Die anderen Mitglieder betraten allesamt erstmals ukrainischen Boden. Der war übrigens schneebedeckt. Es herrschten frostige Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. „Sehr ungewöhnlich“, wie Tania auf Englisch bestätigte. Normalerweise hätten sie in diesem Teil der Ukraine nur wenig Schnee im Winter.
Mit einem geräumigen Bus ging es für die Gruppe dann nach Kalusch. Von der Landschaft war aufgrund des Nebels nur wenig zu sehen. Gut zu erkennen waren die altbackenen sowjetischen Plattenbauten, die die Stadtbilder prägten. Einige moderne Gebäude wie Schulen, Hotels oder Firmen stachen jedoch hervor. Und natürlich die schmuckvollen Kirchen.
Lahr überreichte Spende an Kalusch
Der offizielle Teil: Nach dem Einchecken ins beinahe unverschämt luxuriöse Hotel, in dem die Stadt Kalusch die Lahrer unterbrachte, folgte der Empfang im Rathaus. Herzlich begrüßte Naida seinen deutschen Amtskollegen – und den Rest der Delegation. Ibert hatte natürlich gute Nachrichten dabei: „Wir möchten, dass aus der Solidaritätspartnerschaft eine richtige Städtepartnerschaft wird“, sagte er mehr an die Lahrer gerichtet. Denn für die Kaluscher war bereits klar: Es ist bereits eine tiefe Verbindung. „Wir begrüßen unsere besten Freunde“, sagte Naida, der sich sehr über den Besuch freute. Er hob den Mut der Lahrer hervor – in ein Kriegsland zu reisen sei keine Selbstverständlichkeit.
Die Lahrer hatten eine Spende im Gepäck: 50 000 Ukrainische Hrywnja – etwa 1000 Euro – überreichte Ibert. Breitner und Ibert stellten zudem weitere Hilfsgüter in Aussicht. Das weitere Programm am Sonntag, Montag und Dienstag war vollgepackt – wir werden ausführlich berichten.
Über die Stadt Kalusch
Die Stadt Kalusch ist die zweitgrößte Stadt der Region Iwano-Frankiwsk in der West-Ukraine. Sie liegt nördlich der Karpaten und hat etwa 65 000 Einwohner. Die Front im Osten des Landes ist Luftlinie rund 700 Kilometer entfernt. Sie Stadtgemeinde umfasst neben dem Zentrum zudem 16 Stadtteile.