Die mögliche Reaktivierung der Kandertalbahn als S-Bahn weckt viele Hoffnungen, birgt aber auch Konfliktpotenzial. Foto: Jasmin Soltani-Lange

Einen Schritt vorangekommen ist dieses Jahr die mögliche Reaktivierung der Kandertalbahn. Aber das Projekt spaltet im Kandertal zunehmend die Geister.

Für einen Eklat sorgte zuletzt die Stadt Weil am Rhein, weil der Gemeinderat eine Kostenbeteiligung an den nächsten Planungsphasen mehrheitlich ablehnte, womit das gesamte Projekt auf der Kippe stehen könnte. Aber auch in der Bürgerschaft formiert sich Widerstand: Gegner haben sich zu einer Bürgerinitiative zusammengefunden.

 

Unterschiedliche Gutachten hatten der Ertüchtigung der Schienenstrecke, die seit 1986 nur noch für die Museumsbahn genutzt wird, zwar eine Machbarkeit, aber keine Wirtschaftlichkeit bescheinigt. Das Blatt wendete sich mit der jüngsten Studie im Jahr 2023 und einer Nachuntersuchung auf Basis neuer Rechenregeln.

Sie ergaben ein Kosten-Nutzen-Verhältnis über eins. Untersucht wurde dabei eine 30-Minuten-Variante oder eine einstündige Bahn-Anbindung Basels. Noch im Jahr 2022 lag dieser Wert bei ernüchternden 0,28. Verbunden mit dem neuen Ergebnis als wirtschaftlich sinnvolles Projekt ist auch die Förderung durch Bundes- und Landesmittel.

Nach derlei positiven Nachrichten sollte es zügig mit der Umsetzung der angestrebten Reaktivierung vorangehen, zumal die grün-schwarze Landesregierung die Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr bis 2030 verdoppeln und Maßnahmen dazu fördern will. Auch der Landkreis Lörrach will den Ausbau des ÖPNV voranbringen.

Antrag im Kreistag

Die Freien Wähler, FDP, SPD und Grüne brachten im Kreistag eigens einen Antrag zur Beschleunigung der Umsetzung ein, denn die Reaktivierung würde deutlich zur Steigerung der Lebensqualität der Einwohner und der wirtschaftlichen Entwicklung beitragen sowie die Klimabilanz verbessern.

Es folgte im April durch den Landkreis eine gut besuchte Nahverkehrskonferenz mit vielen Informationen – auch zum weiteren Prozedere, zu den Kosten und Fördermöglichkeiten. Denn die Investitionen summieren sich auf 80 Millionen Euro für einen Stundentakt-Betrieb und 90 Millionen für einen 30-Minuten-Takt.

Eigenanteil zu stemmen

Klar ist, dass die Kommunen entlang der Kandertalstrecke trotz Förderungen und Kostenbeteiligung des Landkreises nicht umhin kommen werden, einen Eigenanteil zu stemmen, und dass dafür auch eine Akzeptanz in der Bürgerschaft notwendig sei.

Wie groß allein schon diese Herausforderung ist, zeigte sich im weiteren Verlauf des Jahres bei der Finanzierung der zu beauftragenden Leistungsphasen eins und zwei. Sie sollen zu einer fundierteren Kostenschätzung führen, auch als Entscheidungsgrundlage für das weitere Vorgehen.

Allein diese ersten beiden Phasen werden mit gut 2,6 Millionen Euro veranschlagt, von denen das Land Baden-Württemberg nach Aussagen aus dem Verkehrsministerium 50 Prozent übernehmen will.

Kosten von 700 000 Euro für die Kommunen

Den Rest müssten sich Kommunen und Landkreis teilen, wobei dieser nun auch nur die Hälfte statt zuvor 90 Prozent beitragen will. So müssten sich die beiden Städte und die beteiligten Gemeinden die übrigen 700 000 Euro entsprechend des Kostenschlüssels nach Bevölkerungszahl teilen.

Das Problem dabei: Nicht alle Orte profitieren gleichermaßen von einer Reaktivierung der Kandertalbahn als S-Bahn, und in Anbetracht der ohnehin schwerwiegenden finanziellen Probleme der Kommunen sind die Vorbehalte dann auch besonders groß.

Während Kanderns Bürgermeisterin Simone Penner und die Ratsmehrheit von den Vorteilen der S-Bahn für ihre Stadt überzeugt sind und vom städtischen Anteil in Höhe von 240 000 bereits 90 000 in den Haushalt 2026 eingestellt wurden, findet Weil am Rhein im Süden der Strecke, dass es kaum vom Ausbau der Kandertalbahn profitiert.

Der Weiler Gemeinderat hat deshalb eine Kofinanzierung der Leistungsphasen eins und zwei in Höhe von knapp 245 000 Euro mehrheitlich abgelehnt. Das Weiler Votum könnte das gesamte Projekt kippen.

Talgemeinden gespalten

Gespalten sind auch die Talgemeinden. Während Rümmingen als Durchgangsort und nach dem Scheitern der Ortsumfahrung deutlich von den Vorteilen einer S-Bahn überzeugt ist und sich Bürgermeisterin Joana Carreira und das Ratsrund sogar bereit erklärt haben, den Weiler Anteil proportional zu übernehmen und 93 400 Euro auf den Zeitraum von drei Jahren einzuplanen, gibt sich Binzen zurückhaltender. Auch Wittlingens Bürgermeister sieht sich kaum in der Lage, zusätzlich zu den bereits im Haushalt eingestellten 5000 Euro weitere Mittel zu stemmen.

So bleibt es vorerst offen, wie die beiden ersten Leistungsphasen finanziert werden sollen. Ohne einen gemeinsamen Willen dürfte es schwierig werden, eine Lösung zu finden.

Interessengemeinschaft wurde gegründet

Auch in der Bevölkerung ist der S-Bahn-Ausbau strittig. Während die IG Pro Kandertalbahn weiterhin auf die Machbarkeit des S-Bahn-Ausbaus und eine damit verbundene positive Entwicklung des Tals setzt, wächst bei den Gegnern die Skepsis.

Die in diesem Jahr gegründete, 50 Mitglieder starke IG „Stoppt den S-Bahn-Wahn im Kandertal“ befürchtet, dass die Haushalte der Kommunen durch den Bau sowie Erhalt der S-Bahn überstrapaziert würden und das Geld an anderen Stellen eingespart werden müsse.

Für Schulen, Spielplätze, Kindergärten, Gemeindehallen bliebe weniger Spielraum übrig. Belastet würden durch notwendige Baumaßnahmen auch Umwelt und Natur, ganz zu schweigen von zunehmender Lärmbelästigung und möglicher Zersiedelung der Landschaft im Tal.

Unterschriften von Gegnern

Wie manche Kommune rät die IG dazu, den bestehenden Busverkehr auszubauen. Sie hat eine Petition gestartet und eine Liste mit 1100 Unterschriften gegen den S-Bahn-Ausbau den politischen Gremien übergeben.