Ein Kinderarzt setzt sich zur Ruhe, es gibt keine Nachfolge und Hunderte Kinder stehen ohne Versorgung da. So skizziert ein Brandbrief Ortenauer Ärzte ein aktuelles Szenario.
„Kin d er und Jugendliche können im Ortenaukreis nicht mehr angemessen kinder- und jugendärztlich versorgt werden. Die Situation ist dramatisch, es ist schon fünf nach zwölf!“, heißt es in dem Schreiben der Ortenauer Kinder- und Jugendmediziner.
35 Ärzte aus dem ganzen Kreis haben den Appell, der an „Entscheidungstragende in den Kommunen, im Kreis, im Land und im Bund“ adressiert ist, unterschrieben.
Die Federführung hat Markus Wössner, Obmann der Ortenauer Kinder- und Jugendärzte, inne. Das Fazit, zu dem er kommt, ist dramatisch: In der Kinder- und Jugendmedizin gebe es inzwischen eine Zwei-Klassen-Medizin – Kinder und Jugendliche, die eine Versorgung haben und solche, die sie nicht haben.
Ärzte sprechen von „Augenwischerei“
„Alle offiziellen Beteuerungen, dass der Bedarf gedeckt sei, sind reine Augenwischerei und ein Hohn in den Ohren der rasch zunehmenden Zahl von Eltern, die für ihre Kinder und Jugendlichen keine ärztliche Versorgung mehr finden“, heißt es in dem Schreiben.
Derzeit ende die Praxistätigkeit eines Kinderarztes im Kreis, ohne dass eine Praxisnachfolge gefunden werden könne. „Hunderte von Kindern und Jugendlichen stehen damit ohne haus- und fachärztliche Versorgung da und versuchen vergeblich, in den schon völlig überbelegten Praxen der Umgebung unterzukommen“, so der Brandbrief. Das Szenario sei im Ortenaukreis nicht neu und werde sich künftig wohl auch wiederholen: „Weitere Kolleginnen und Kollegen werden in Kürze mit Erreichen des Ruhestandsalters ausscheiden.“
Kinderärzte sehen die Politik in der Pflicht
„Wir brauchen unter anderem eine Ausbildungsoffensive für Kinder- und Jugendärzte und Medizinische Fachangestellte. Noch gibt es erfreulich viele junge Kolleginnen und Kollegen mit abgeschlossenem Medizinstudium, die gerne als Kinder- und Jugendärzte arbeiten würden. Nur brauchen sie dazu eine Weiterbildungsstelle für die fünfjährige Ausbildung“, so die Ortenauer Mediziner. Dazu notwendige Fördermittel seien zwar seit Jahren zugesagt, allein es gebe sie noch immer nicht, beziehungsweise nicht annähernd ausreichend.
Die kommende Generation von Ärzten wolle zudem mehrheitlich nicht mehr selbstständig arbeiten, sondern in einem Anstellungsverhältnis. „Dem ist durch neue Versorgungsformen Rechnung zu tragen. Auch über Möglichkeiten der Leistungsbegrenzung wird nachzudenken sein.“ Weiter fordern die Kinderärzte alle Entscheidungsträger auf, „sich mit uns an einen Tisch zu setzen und Lösungen zu suchen, vor allem aber auch umzusetzen“.
Kassenärztliche Vereinigung zeigt sich ebenfalls besorgt
„Wir teilen die Sorge der Kinder- und Jugendärzte und der Eltern um die Versorgung vor Ort“, erklärt Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), auf Anfrage unserer Redaktion. „Wir sehen die Engpässe, die sich vergrößern, nachdem eine Praxis schließt und wohl keinen Nachfolger finden wird.“
Schon heute fördere die KVBW gemeinsam mit den Krankenkassen Weiterbildungsstellen in großem Umfang. Die Zahl der geförderten Stellen sei jedoch durch den Bund begrenzt. Daher bestehe auch die wiederholte Forderung an die neue Regierung, diese Begrenzung, wie bei den Hausärzten, aufzuheben. Das Land habe 2024 zehn Weiterbildungsplätze aus eigenen Mitteln gefördert.
Damit ein Arzt als Angestellter tätig werden könne, brauche es jemanden, der die Unternehmerfunktion übernehme. Die KVBW unterstütze mit Niederlassungsberatung und auch umfassender Unterstützung in den ersten Jahren der Niederlassung. „Zudem sind in den letzten Jahren eine Reihe von Maßnahmen vor allem für Verbesserungen in der kinderärztlichen Versorgung ergriffen worden“, betont Sonntag.
So seien die Kinderärzte seit 2023 als einzige Fachgruppe von Budgetierungen befreit. „Alle diese Maßnahmen wirken jedoch nur langfristig. Den Eltern müssen daher aktuell auch weitere Anfahrtswege zugemutet werden.“ Die KVBW weist in dem Zusammenhang auf ihr Telemedizinangebot docdirekt.de hin, das gerade in der Versorgung von Kindern in vielen Fällen angewendet werden könne.
Ärzte nennen zahlreiche Gründe für den Notstand
Die Unterversorgung habe viele Gründe, heißt es in dem Schreiben. So herrsche ein massiver Nachwuchsmangel. Auch „großartige Fortschritte in der Prophylaxe und Therapie von Krankheiten“ würden viel Zeit in Anspruch nehmen. „Frustrierende, zeitfressende, bürokratische Überregulation im Praxisalltag mit dem Verlust wertvoller Behandlungszeit für unsere Patienten“, sei ein Punkt. Weiter belaste „eine erfreulich hohe Geburtenrate und Zuzug vieler Kinder und Jugendlicher“ die Praxen. Dazu komme auch ein hohes Anspruchsdenken. „Die Anforderungen an das ärztliche und nicht-ärztliche Personal in unseren Praxen im Bereich der täglichen Kommunikation sind durch sprachliche, soziale und kulturelle Herausforderungen exorbitant gestiegen“, heißt es weiter. „Die Belastung unserer Mitarbeiterinnen, verzweifelten, besorgten, teilweise auch hochgradig frustrierten und manchmal auch aggressiven Eltern erklären zu müssen, warum wir ihr Kind leider nicht auch noch betreuen können, ist definitiv so nicht mehr zumutbar!“ Vielen Praxen gelinge es nicht mehr, ausreichend Fachangestellte zu finden.