Seit dem 1. April 2024 ist Cannabis als Genussmittel für Erwachsene in geringen Mengen frei verkäuflich und konsumierbar. Foto:  

Die Teil-Legalisierung des Rauschmittels hat Auswirkungen auf die Arbeit der Lahrer Suchtberater. Sie gehen verstärkt in Schulen und Betriebe, um junge Leute vor dem unkontrollierten Konsum zu warnen. Das neue Gesetz finden die Berater aber gut.

Seit dem 1. April 2024 sind Rauschmittel aus Cannabis wie Marihuana oder Haschisch unter gewissen Voraussetzungen freigegeben. Es war eine umstrittene Entscheidung, mit der der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vor allem auch den illegalen Drogenhandel eindämmen wollte. Zumindest in Lahr hat das offenbar nicht geklappt: In der Stadt gibt es nach wie vor einen Schwarzmarkt für Cannabis, da die legalen Anbauvereinigungen und der erlaubte private Eigenanbau den Bedarf noch nicht decken können. Das teilten Hermann Gilsbach und Stephan Lindner mit, als sie den Jahresbericht der Lahrer Drogenhilfe vorstellten.

 

Dass es Erwachsenen nun erlaubt ist, Joints zu rauchen, sei für die Arbeit der Drogenhilfe nicht ohne Folgen geblieben, so Gilsbach. Die wichtigste Änderung betrifft die Zunahme von Präventionsveranstaltungen, deren Zahl sich verdoppelt hat, von 17 im Jahr 2023 auf 34 im vergangenen Jahr. Die Berater der Drogenhilfe waren in Schulen und Betrieben, um junge Leute über das neue Gesetz aufzuklären – und um sie zu warnen.

Bei einem Konsum ohne Maß drohen ernste gesundheitliche Schäden

„Cannabis kann gefährlich sein“, sagt Gilsbach. „Cannabis, kann – wie jede Droge – zu Problemen führen“, formuliert Lindner. Der Konsum senke Konzentration und Leistungsfähigkeit, könne somit zu schulischen oder beruflichen Problemen führen. Es drohten auch psychische Erkrankungen.

Gleichwohl sprachen sich die beiden dafür aus, dem neuen Gesetz eine Chance zu geben: „Wir würden es begrüßen, wenn es beibehalten und weiterentwickelt wird.“ Keinem Cannabis-Konsumenten ist mit der Kriminalisierung seines Verhaltens geholfen, sind sie überzeugt. Wichtig sei aber, die Teillegalisierung mit flankierender Präventionsarbeit zu verbinden, Aufklärung und Beratung beizubehalten. „Rausch und Risiko“ oder „Klar im Kopf – stark im Leben“, heißen zum Beispiel spezielle Azubi-Schulungen der Lahrer Drogenhilfe. Dabei erfahren Lehrlinge, wie sie mit Stress-Situationen umgehen können, ohne zu Drogen zu greifen.

549 Menschen baten die Drogenberatung um Hilfe

Solange es verboten war, erhielten Menschen, die mit Cannabis erwischt wurden, teils die richterliche Auflage, sich von der Drogenhilfe beraten zu lassen. Die Zahl dieser verpflichten Gespräche hat im Vorjahr begreiflicherweise nachgelassen, so Gilsbach. Es habe generell weniger „Beratungen für Betroffene mit der Hauptproblematik Cannabis“ gegeben.

549 Menschen – 403 männlich und 146 weiblich – suchten im Vorjahr Hilfe in der Jugend- und Drogenberatungsstelle in der Jammstraße. Das habe zu 494 längerfristigen Betreuungen und 55 Einmalberatungen geführt, so Hermann Gilsbach. Außerdem hätten sich 70 Angehörige an die Drogenhilfe gewandt. 36 Abhängige habe man in eine stationäre Therapie vermittelt, 14 Personen im Rahmen der digitalen Suchtberatung betreut.

46 Prozent der Menschen, die die Lahrer Drogenhilfe im Vorjahr um Hilfe baten, gaben als Hauptdroge Heroin und andere Opiate an. 22 Prozent Cannabis (2023: 27 Prozent), zehn Prozent Alkohol, sieben Prozent Kokain, sechs Prozent multiple Abhängigkeiten, fünf Prozent Amphetamine. 7700 Spritzen wurden getauscht.

Der Jüngste, dem die Lahrer Drogenhilfe im Vorjahr geholfen hat, war 13 Jahre alt, der älteste Mitte 60. Mit 26 Prozent aller Ratsuchenden ist die Alterskohorte der 19- bis 29-Jährigen am stärksten vertreten.

Dass es im Haus der Drogenhilfe auch eine Praxis für Suchtmedizin gibt, sehen die Mitarbeiter der Drogenhilfe als sehr vorteilhaft an. Im Vorjahr wurden dort 135 Menschen mit Drogen-Ersatzstoffen versorgt. Diese Art der Hilfe wird mehr denn je gebraucht. Zum Vergleich: Beim Einzug der Praxis im Jahr 2018 wurden dort 50 Menschen jährlich substituiert, wie der Fachbegriff heißt.

Ein leidiges Thema für die Drogenhilfe sind die Finanzen. Man habe das Jahr mit einem Minus abgeschlossen, so Gilsbach, der Leiter der Einrichtung, die vom Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation getragen wird. Zum Jahresende habe man immerhin die erfreuliche Nachricht erhalten, dass das Land seine Personalkostenzuschüsse erhöhen wird. Allerdings seien die auch seit 1999 nicht mehr angepasst worden. Die Lahrer Drogenhilfe hat 4,5 Personalstellen, die sich sieben Mitarbeiter teilen.

Hilfe bei der Jobsuche

Die Lahrer Drogenhilfe unterstützt Abhängige nicht nur dabei, von ihrer Sucht loszukommen, sondern auch darin, generell wieder in ein geregeltes Leben zurückzufinden. Eine wichtige Rolle nimmt dabei das Projekt „Casa 2024“ ein. Es richtet sich an Menschen im Bürgergelbezug, die wegen ihrer Drogenabhängigkeit Probleme haben, einen Job zu finden. Das Projekt sieht ein individuelles Coaching vor, in dessen Verlauf die Betroffenen in den Arbeitsmarkt vermittelt werden. Möglich sei das, da man mit dem Ortenauer Jobcenter und der Neuen Arbeit Lahr sehr gut zusammenarbeite, so Gilsbach.