Studentinnen der Hebammenwissenschaft im fiktiven Kreißsaal der Hochschule Furtwangen. Vorne die Geburtswanne, im Hintergrund das Bett mit einer Puppe, die eine Gebärende darstellen soll. Foto: Patricia Beyen

Ein besonderes Hochschul-Angebot in der Region gibt es in Furtwangen: einen Simulations-Kreißsaal im alten Krankenhaus. Hier werden Hebammen für den ländlichen Raum ausgebildet.

Im Skills Lab der Hochschule Furtwangen üben Smilla Griener, Tess Müller und Aimee Kreuzer den Ernstfall. Die Geburt eines Kindes.

 

Müller übernimmt die Rolle der Gebärenden, Smilla die des Geburtspartners, Kreuzer spielt die Hebamme. Die Studentinnen der Hebammenwissenschaften schlüpfen nicht zum ersten Mal in diese Rollen. Als angehende Geburtshelferinnen werden sie in zwei Jahren in dem Simulationsraum ihre Prüfung ablegen.

Land setzt EU-Richtlinie um

Dabei war der Beruf der Hebamme noch bis vor kurzem ein reiner Ausbildungsberuf in Deutschland. Laut einer EU-Richtlinie sollen Hebammen jedoch europaweit eine hochschulische Ausbildung erhalten. Diese Richtlinie hat die Bundesregierung nun vor einigen Jahren umgesetzt. Mit Furtwangen als einem der Standorte in Baden-Württemberg. „Die Hochschule Furtwangen will den Gesundheitsbereich ausbauen und damit einen Beitrag zur Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum leisten“, erklärt Studiendekan Christian Weidmann.

Ein typischer Empfangstresen, etwa im Krankenhaus oder einer Arztpraxis. Er dient den Hebammenstudentinnen an der Hochschule Furtwangen zum Rollenspiel. Foto: Patricia Beyen

Die Idee sei es, die angehenden Hebammen nach ihrem Studium in den ländlichen Raum zu schicken und so die medizinische Versorgung in dem Bereich zu verbessern, sagt Weidmann. Dafür braucht es jedoch auch die Kooperationskliniken in der Region. Denn das Studium ist dual aufgebaut, Praxis und Lehre wechseln sich ab. Mit elf Kooperationskliniken im Kreis Lörrach, Waldshut, Konstanz, Freudenstadt, Heilbronn, im Schwarzwald-Baar-Kreis und im Ortenaukreis sei die Hochschule schon ganz gut aufgestellt, sagt Weidmann.

Ein Intensivbett im Skills Lab der Hebammenwissenschaft an der Hochschule Furtwangen. Foto: Patricia Beyen

Besondere an der Zusammenarbeit mit der Hochschule Furtwangen: Die Krankenhäuser suchen sich die Studierenden selbst aus und schicken sie dann an die Hochschule. „Ein typisches Studentenleben haben unsere Studierenden nicht“, sagt Studiengangsleiterin Katharina Räuber-Dreier.

Eine fiktive Wochenbettstation an der Hochschule Furtwangen. Hier lernen angehende Hebammen, im Rollenspiel, wie sie eine Wöchnerin betreuen. Foto: Patricia Beyen

Schließlich arbeiten die Studentinnen, bisher sind in Furtwangen nur Frauen in dem Studiengang eingeschrieben, auch am Wochenende und im Schichtbetrieb. „Ich finde das Studium sehr anspruchsvoll“, sagt Studentin Tess Müller. „Das ist kein Zuckerschlecken.“

Christian Weidmann, Studiendekan, und Katharina Räuber-Dreier, Studiengangleitung Hebammenwissenschaft, sind stolz Foto: Patricia Beyen

Man sei mitten im Geschehen, arbeite in der Klinik richtig mit. Das sei ein großer Vorteil des dualen Studiums, meint die Studentin, die drei Jahre auf einen Studienplatz gewartet hat. Ein weiterer Pluspunkt für sie: „Wir werden vergütet. Das ist unfassbar, phänomenal toll“, sagt Müller. Und ihre Kommilitonin Aimee Kreutzer ergänzt: „Ich finde, wir haben hier super Studienbedingungen und eine tolle Ausstattung.“

In der voll funktionsfähigen Küche der Hochschule Furtwangen lernen angehende Hebammen auch, wie sie einen Babybrei kochen. Foto: Patricia Beyen

Besonders stolz ist Studiendekan Weidmann auf das neue Skills Lab, die Simulationsräume, in denen die angehenden Hebammen viele Situationen, die ihnen später in ihrem Berufsleben begegnen werden, nachspielen können: den Geburtskurs für Schwangere, den Wochenbettbesuch oder die Geburt an sich. Kurioserweise steht der Simulationskreißsaal im ehemaligen Furtwanger Krankenhaus. Zwischendurch diente das Gebäude als Wohnheim für Studierende der Hochschule. Personal zu finden sei schwer, so Weidmann. Das Studium ist erst 2017 an den Hochschulen im Land gestartet. Aktuell kämen die Lehrbeauftragten aus unterschiedlichen Bereichen, wie etwa der Gynäkologie, der Kinderheilkunde oder aus dem Management.

Jutta Eichenauer ist die Vorsitzende des Landeshebammenvereins. Foto: Daniel GimmerPhotography

Der Schritt zur Hochschulausbildung sei längst überfällig gewesen, findet Jutta Eichenauer, die Vorsitzende des Hebammenvereins Baden-Württemberg. Deutschland sei das letzte Land in der EU, das diesen Schritt gegangen sei. „Dabei ist eine wissenschaftliche Ausbildung der angehenden Hebammen zwingend notwendig.“ Schließlich gebe es immer wieder neue medizinische Erkenntnisse. Die entsprechenden Studien sollten Hebammen lesen und verstehen können. „Wenn ich das bereits mit Beginn der Ausbildung lerne, fällt es einfacher“, sagt Eichenauer.

Eine fikitve Wochenbettstation an der Hochschule Furtwangen. Hier lernen angehende Hebammen, im Rollenspiel, wie sie eine Wöchnerin betreuen. Foto: Patricia Beyen

Vorzüge der Ausbildung

Ein weiterer Vorteil, den die Vorsitzende in der hochschulischen Ausbildung sieht: Die Studentinnen müssen einen praktischen Teil des Studiums auch außerklinisch absolvieren, also bei einer freiberuflichen Hebamme oder in einem Hebammenhaus. „So lernen sie auch diesen Teil der Hebammenarbeit kennenlernen“, sagt Eichenauer, die schon seit 1993 als freiberufliche Hebamme in Backnang (Rems-Murr-Kreis) arbeitet.

„Ob die wissenschaftliche Ausbildung den Hebammenmangel behebt, werden wir erst in zwei bis drei Jahren feststellen können“, sagt Eichenauer. Bis dahin haben auch die ersten Studentinnen der Hebammenwissenschaft an der Hochschule Furtwangen ihr Staatsexamen und ihre Prüfungen abgelegt.

Das Studium

Historie
Seit 2017 kann man an den Hochschulen in Baden-Württemberg Hebammenwissenschaft studieren, meldet das Landeswissenschaftsministerium. Seit dem Wintersemester 2021/22 stehen 315 Studienanfängerplätze im Bachelor zur Verfügung. Folgende Studienorte bieten das Fach an: