Bereits viel in seinem Leben erlebt hat Ali Zarabi: Als er 14 Jahre alt war floh seine Familie von Afghanistan aus nach Deutschland und landete in Aichhalden. Mittlerweile ist Zarabi Schramberger Einwohner und studiert an der Universität Konstanz.
In Kabul kam Ali Zarabi auf die Welt. Heute ist er 22 Jahre alt. Seine Erlebnisse und Lebenserfahrungen könnten ein ganzes Buch füllen. Seit 2016 ist er in Deutschland, lernte die Sprache und integrierte sich. Bis hin dazu, dass er heute Politik- und Verwaltungswissenschaften studiert und derzeit seine Bachelorarbeit schreibt.
„Mein Leben lässt sich in zwei Hälften teilen: Das bis zu meinem 14. Geburtstag und der Flucht meiner Familie und die Zeit danach.“, sagt Zarabi im Gespräch mit unserer Redaktion. Über die Flucht und die Zeit davor spricht er nur ungern, da viel Schmerz damit verbunden ist.
Manches lässt sich dennoch bruchstückartig in Erfahrung bringen. Geflohen sei er mit seiner Familie, dabei waren seine Eltern, zwei jüngere Schwestern (acht und elf Jahre) und seine 80-jährige Oma. Während der Flucht erlebten sie mehrere lebensgefährliche Situationen. Bereits an der iranisch-türkischen Grenze sei die Lage bedrohlich geworden. Es hätten bei der Flucht Temperaturen von rund Minus 20 Grad geherrscht und ein sechsstündiger Fußmarsch sei zum Überqueren der Grenze erforderlich gewesen. Zugleich habe einen halben Meter hoch Schnee gelegen.
Überfahrt über Mittelmeer
Ihn habe die Situation sehr stark mitgenommen, seine Beine seien gerade zu eingefroren gewesen, in der Türkei hätte es geheißen, dass es sein könne, dass diese noch amputiert werden müssten. Jedenfalls habe er zwei Monate erst einmal nicht mehr laufen können. Zum Glück hätten seine Beine mittlerweile wie ein Wunder wieder die volle Funktion erlangt.
Ebenfalls sehr gefährlich sei die Überfahrt über das Mittelmeer von der Türkei aus auf die griechische Insel Lesbos und zur dortigen Hafenstadt Mytilini gewesen – es habe sich gezeigt, dass das verwendete Boot nicht dicht gewesen sei. Anstatt einer Überfahrt von erwarteten 30 Minuten, habe die Fahrt satte acht Stunden gedauert. Trotz Hilferufen gegenüber der griechischen und türkischen Küstenwache per Handyanruf, sei von dort aus keine Hilfe gekommen. Gerettet worden sei seine Familie schließlich von den Seenotrettern der Vereinten Nationen (UNO).
Erst einmal in Griechenland angekommen, sei die Lage deutlich besser geworden. Eine Fahrt von Griechenland aus über die Balkanroute nach Deutschland war deutlich einfacher möglich als es zuvor auf der Flucht möglich war.
Darauf angesprochen, ob es auch kurze, schöne oder hoffnungsfrohe Momente während der Flucht gab, sagt Zarabi, dass er sich an solche nicht erinnern könne. Sicherheit vor der bedrohlichen Lage habe er erst in Deutschland empfunden. Zunächst landete die Familie in Bielefeld und Kassel und dann in Aichhalden.
Rückblickend betrachtet habe die Integration in Aichhalden begonnen. Der Schramberger Polizist und Aichhalder Ringertrainer Lorenz Kopp habe ihn erfolgreich für den Ringersport und den Athletenbund Aichhalden begeistert. Dort habe er etliche Erfolge erzielen können, sei mehrfacher württembergischer Jugendmeister geworden.
Politisches Interesse
Seine Lebenserfahrungen brachten Zarabi auch dazu sich viel mit Politik an und für sich zu beschäftigen. 2017 trat er der SPD bei und ist unter anderem auch als stellvertretender Vorsitzender des SPD Ortsverein Schramberg und als Kreisvorsitzender der Jusos aktiv. Im Bundestag und Landtag habe er mittlerweile bereits Praktika gemacht.
Die Inspiration zum SPD-Eintritt hätten ihm Werner und Elke Klank geliefert, die seine Nachbarn waren, als die Familie schließlich in Schramberg anstatt in Aichhalden unterkam. Im Studium wird Zarabi zudem von der Friedrich-Ebert-Stiftung gefördert. Dabei hat Zarabi vor, hier in der Region zu bleiben, wo er Unterstützung beim Ankommen fand, auch wenn die Karrieremöglichkeiten anderswo in Deutschland vielleicht größer sein könnten.
Zum Thema Migration hat Zarabi einen ganz eigenen Zugang. Er ist sich sicher, dass Flüchtlinge Unterstützung beim Ankommen in Deutschland brauchen. „Die Menschen brauchen das Gefühl von Akzeptanz und Toleranz“. Wenn dies unterbleibe, trage es in vielen Fällen dazu bei, dass die Flüchtlinge diese anderswo suchten und so auch in kriminellen Netzwerken landeten. Außerdem sei es seiner Ansicht nach sinnvoll Flüchtlinge branchenübergreifend gleich arbeiten zu lassen, so dass eine „ehrliche Arbeit“ kennen gelernt werden könne.
Zudem: Oft brauche es beim Unterstützen auch etwas Durchhaltevermögen, etwa eine zweimalige Nachfrage, ob man sich einem Sportverein anschließen möchte oder nicht.
Von einem aktiven Zugehen auf die Flüchtlinge könnten zudem sowohl die Flüchtlinge als auch die Vereine profitieren. Es sei eine Win-Win-Konstellation, indem die Vereine so auch erfolgreich Nachwuchs gewinnen könnten.
Zunahme von Rassismus
Aus Sicht Zarabis habe der Rassismus in unserer Gesellschaft zuletzt zugenommen. Er sei heute öffentlich viel präsenter als er es noch vor einigen Jahren war. Genau deshalb sei es wichtig, Flüchtlinge vor Ort beim Ankommen zu unterstützen.