Auf dem Waldfriedhof in Schwenningen arbeiten junge Menschen an Gräbern von Kriegsopfern und erleben Geschichte hautnah. Wir verschaffen uns vor Ort einen Eindruck.
21 Jugendliche aus neun Nationen arbeiten ehrenamtlich an den Kriegsgräbern auf dem Waldfriedhof in Villingen-Schwenningen. Warum sie sich dafür entschieden haben und wie sie diese Arbeit verändert – wir haben nachgefragt.
Jeden Sommer mache der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge solche Projekte, verrät uns der Leiter des Schwenninger Camps, Florin Badau. Es gehe darum, junge Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammenzubringen und die Kulturen der jeweils anderen kennenzulernen.
Im Fokus stehe aber die Arbeit auf dem Friedhof, hält er fest. Zwei Wochen arbeiten und restaurieren die Jugendlichen aus Polen, Bulgarien, Italien, Ungarn, Deutschland, Rumänien, Spanien, Russland und der Türkei an den Gräbern der Kriegsopfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs und setzen sich mit deren Schicksalen auseinander.
Dabei bauen die Jugendlichen eine besondere Verbindung zu ihrer Arbeit auf, beschreibt Badau: „Selbes Alter verbindet.“
16 bis 22 Jahre alt
Denn die ehrenamtlichen Helfer seien 16 bis 22 Jahre alt – viele der Opfer auf diesem Teil des Waldfriedhofs seien zum Zeitpunkt ihres Todes in einem ähnlichen Alter gewesen, erklärt er.
Der 19-jährige Dragos Staniloae aus Bukarest kam durch seine Deutschlehrerin zu dem Projekt, ursprünglich wollte er hauptsächlich die Sprache lernen. „Ich wollte unbedingt nach Deutschland“, erklärt er nachdrücklich.
Aber die Auswirkung, die die Gräber auf ihn hatten, habe ihn überrascht. Das Gefühl, als er sie das erste Mal gesehen habe, sei schwer zu beschreiben – eine Mischung aus Glück und Trauer.
Konsequenzen der Weltkriege
Nun sei ihm bewusster, wie aktuell die Weltkriege noch immer sind und welche weitreichenden Konsequenzen sie haben. Deshalb müsse man sich kümmern, führt er aus.
Auf jeden Fall würde er wieder bei einem solche Projekt mitmachen, stellt der 19-Jährige fest, denn es sei einfach etwas anderes, auf diese Weise Geschichte zu lernen als nur davon zu lesen.
Auch Anna Galeone aus dem italienischen Caserta wurde von ihrer Deutschlehrerin animiert, auf diesem Weg nach Deutschland zu kommen und die Sprache zu lernen. Ihr Ziel sei es jedoch gewesen, auch etwas Gutes für die Welt zu tun, erklärt die 17-Jährige.
Neben ihrer Arbeit an den Gräbern habe sie ebenfalls das Rahmenprogramm des Projekts beeindruckt: Mit der Gruppe haben sie beispielsweise die Überlinger Stollen besucht, in denen etwa 800 Häftlinge aus verschiedenen Konzentrationslagern zur Arbeit gezwungen wurden.
Stopps in Straßburg, Konstanz und Meersburg
Die KZ-Gedenkstätten Bisingen und Birnau wurden ebenfalls besucht, ebenso gab es ein Freizeitprogramm mit Exkursionen zum Europaparlament nach Straßburg, nach Konstanz und Meersburg sowie einige andere Stopps.
Galeone betont, dass sie sich immer an ihre Arbeit hier erinnern wird: „Es war eine bereichernde und interessante Erfahrung.“
Friedrich Engelke, Vorsitzender des Vereins Pro Stolpersteine, der als ehrenamtlicher Geschichtslehrer für die Gruppe fungiert, ist beeindruckt von der Arbeit der Jugendlichen – aber auch von den Jugendlichen selbst.
Als er ihnen etwas zu Geschichte der Gräber erzählt habe, sei er mit Fragen gelöchert worden, sagt Engelke begeistert. „Es ist schon großartig“, stellt er fest. „Und sie stellen sich als Arbeitskräfte zur Verfügung, während andere im Urlaub in der Sonne liegen.“
Die Sorgfalt, mit welcher die ehrenamtlichen Helfer das Unkraut jäten und die Holzkreuze der Gräber von Hand geschliffen haben, das habe ihn doch sehr berührt, erzählt der leidenschaftliche Historiker.
Unterstützung durch die Friedhofsverwaltung
Die Abteilungsleiterin der Friedhofsverwaltung Maria Storz, die mit ihrem Team das Projekt begleitet und unterstützt, zeigt sich ebenfalls bewegt vom Elan der jungen Arbeiter.
Deshalb sei sie umso glücklicher, dass es in Schwenningen noch das Wanderheim gäbe, welches es erst möglich mache, dass die Jugendlichen hier unterkämen, erläutert sie.