Es war die zehnte Mahnwache in Burladingen. Ein kleines Jubiläum. Im vierzehntägigen Rhythmus stehen Menschen aus der Fehlastadt auf dem Rathausplatz für die Demokratie ein. Und bis auf eine sind alle Gemeinderatsfraktionen dabei.
Es ist wenig los auf dem Rathausplatz um diese Uhrzeit, so kurz nach 18 Uhr an einem Mittwoch. Ein paar Teenager – einige mit Migrationshintergrund – haben sich in einer kleinen, fröhlichen Gruppe versammelt, sitzen auf den Bänken, necken sich, schnattern vor sich hin. Im Hintergrund stehen die Holzhütten der Stadt, die wöchentlich für das Afterwork geöffnet sind. Gelegentlich huscht ein später Kunde aus der Apotheke oder Patienten verlassen das Ärztehaus.
Bald beginnt sie wieder, die „Stille Mahnwache für Demokratie, Toleranz und Vielfalt“. Im Februar, so erinnere ich mich, war es kalt und dunkel, und es gab bei flackernden Kerzen und unter geöffneten Regenschirmen die allererste dieser Veranstaltungen. Damals noch organisiert allein von der Grünen-Fraktion im Burladinger Gemeinderat. Es kamen 70 Menschen. Auch solche, die zwar mit Sitz und Stimme im Stadtparlament sitzen – aber eben nicht hinter dem Grünen-Programm stehen. Michael Eisele, Sprecher der Burladinger CDU war dabei, Rosi Steinberg, Frontfrau der Freien Wähler, und einige andere Gemeinderats-Kolleginnen und -Kollegen der beiden. Geschäftsleute, Ärzte und Jugendarbeiter stießen dazu. Bei dieser ersten Mahnwache in der Fasnetszeit und der Kälte war auch das Ordnungsamt und die Polizei vor Ort. Als Wache für die Mahnwächter.
Ein noch stärkeres Zeichen gesetzt
Kaum vier Wochen später im März firmieren CDU, Freie Wähler und die Grünen gemeinsam als Veranstalter. Sie setzen ein noch stärkeres Zeichen für Demokratie, Toleranz und Vielfalt. Und für Einigkeit. Einig darüber, was Recht und Einigkeit und Freiheit bedeutet, in der deutschen Demokratie.
Dass die Demo sich nicht gegen etwas richte, sondern für Etwas eintrete, so sagt Kevin Rieber, Fraktionschef der Freien Wähler, habe den Ausschlag gegeben, mitzumachen. „Das war dann schnell klar“, winkt er ab, als ich nach dem interfraktionellen Prozedere frage. Und er wird deutlich: „Große Teile der Gesellschaft haben keine Ahnung, was Demokratie eigentlich bedeutet“, kritisiert der Unternehmer und ehrenamtliche Kommunalpolitiker. Er spricht über Menschen mit einer Mentalität, die hauptsächlich davon ausgehe „der Staat hat mir zu dienen“, die aber andererseits Staatsentscheidungen oder Institutionen, Mehrheitsbeschlüsse und demokratische Spielregeln gar nicht akzeptieren.
Davide Licht kam schon dazu
„Der Bürgermeister war auch schon da und hat sich zwischen zwei Terminen einige Minuten schweigend dazu gestellt“, erzählt mir die Grüne Annette Thriemer bei der jüngsten, zehnten Mahnwache. Zusammen mit ihrem Mann, dem Gemeinderat Peter Thriemer, ist sie die Initiatorin der allerersten Burladinger Mahnwache. Stadtoberhaupt Davide Licht, bei Amtsantritt fraktionslos und jetzt für die Freien Wähler in den Kreistag gewählt, arbeitet hart an einem Positiv-Image seiner Stadt. Er wird es wohl schätzen, dass sich da Menschen zusammenfinden, die Kontrapunkte setzen. Schließlich gab es auch schon in seiner Amtszeit Schlagzeilen, die Burladingen und seine Bewohner auf dem Höhepunkt der Asyldebatte bundesweit nicht ins beste Licht rückten.
Dabei gibt es in der Fehlastadt so viele, die klare Kante zeigen. CDU-Chef Michael Eisele ist nur einer von ihnen. Im Privatleben Lehrer, Kirchenmusiker, Dirigent und chorbegeistert, immer für einen Scherz zu haben aber im Stadtparlament eben auch einer, der wohl formuliert die Dinge beim Namen nennt. Seine Fraktion unterstütze die Mahnwache, weil „wir durch die Teilnahme ein Zeichen für die Bedeutung und Wichtigkeit der Demokratie setzen wollen“. Demokratie sei ein wertvolles Gut. „Wir wollen erreichen, dass das Bewusstsein für die Demokratie gestärkt wird und das es dazu in unserem Land keine Alternative geben kann“, sagt er.
Steyer: „Das ist dann irgendwie untergegangen“
Apropos Alternative. Der AfD-Gemeinderat Joachim Steyer, Landtagsabgeordneter und bald auch Kreisrat, ruft mich aus einem fahrenden Zug per Handy zurück.
Nein, er sei nie dazu gebeten worden, sagt er über die Burladinger Mahnwache. Dabei hätte er sich doch auch ganz sicher hinter die Forderung von Demokratie und Vielfalt gestellt. Auf meinen Einwand, dass die stille Mahnwache ja immer öffentlich sei und jeder sich schweigend dazu gesellen könne, sagt er: „Wollte ich eigentlich auch, aber das ist dann irgendwie untergegangen.“