Meryem Kara ist fast blind – doch ihr Tastsinn funktioniert hervorragend. So spürt die medizinisch-taktile Untersucherin (MTU) schon kleinste Tumore in der Brust. Einmal in der Woche ist sie in St. Georgen vor Ort. Das Angebot ist eine Seltenheit in der Region.
„Mit meiner Fähigkeit kann ich Leben retten“, sagt Meryem Kara. Die medizinisch-taktile Untersucherin (MTU) ist bereits von Geburt an fast blind, hat nur noch einen kleinen Rest Sehkraft. Dafür hat sie außergewöhnlich viel Fingerspitzengefühl, das sie zur Früherkennung von Brustkrebs einsetzt. Seit Mai dieses Jahres ist Kara einmal in der Woche auch in der Frauenarztpraxis von Annett Geitner in St. Georgen tätig. Als Alternative beziehungsweise Ergänzung zum Mammographie-Screening ist das Angebot in der Region eine Seltenheit.
Das Problem
Die häufigste Krebserkrankung bei Frauen ist Brustkrebs. Nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft erkrankt eine von acht Frauen im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Es ist ein Thema, das auch der St. Georgener Frauenärztin Annett Geitner zu denken gibt. Vorsorgeangebote gibt es: Frauen ab 50 Jahren haben alle zwei Jahre Anspruch auf ein Mammographie-Screening, eine Röntgenuntersuchung der Brust. Doch allein diese Art der Vorsorgeuntersuchung reicht auch Sicht von Geitner nicht aus.
Das hat mehrere Gründe – unter anderem ist es aus Sicht der Frauenärztin nicht optimal, dass die Mammographie erst ab 50 Jahren vorgesehen ist. Und noch ein Grund war für Geitner besonders ausschlaggebend: die geringe Akzeptanz der Mammographie-Untersuchung. „Da kommen die wildesten Argumente, warum Frauen nicht hingehen“, erzählt die Frauenärztin, der diese Ablehnung der Krebsfrüherkennung Sorgen macht. „Brustkrebs ist eine echte Gefahr“, betont sie. Sie könne daher jeder Frau nur empfehlen, vorzusorgen.
Die Lösung
„Ich dachte: Da muss es ja auch noch irgendetwas anderes geben“, erinnert sich Geitner im Gespräch mit unserer Redaktion. Also machte sich die Frauenärztin auf die Suche – und sie wurde fündig: Über das Internet stieß Geitner auf die Organisation Discovering Hands, die blinde und sehbehinderte Frauen mit besonders gutem Tastsinn zu MTU ausbildet. So kommt es, dass Kara, die ihre Ausbildung bei Discovering Hands gemacht hat, seit Mai immer mittwochs in der St. Georgener Frauenarztpraxis vor Ort ist und die spezielle Untersuchung zur Brustkrebsfrüherkennung anbietet.
Die Methode
Taktilographie heißt die Diagnosemethode, die bei den Untersuchungen zum Einsatz kommt. Dafür nimmt Kara sich viel Zeit – bis zu eine Stunde dauert die taktile Untersuchung inklusive Anamnese. Zum Vergleich: Im Praxisalltag bleiben Geitner für eine solche Untersuchung meist nur wenige Minuten Zeit. Kara kann durch ihre Ausbildung und ihren herausragenden Tastsinn Gewebeveränderungen finden, die gerade einmal fünf Millimeter groß sind. Frauenärzte werden in der Regel erst bei einer Größe von einem bis zwei Zentimetern fündig, erklärt Geitner.
Entsprechend umfassend und gründlich muss Kara bei der Untersuchung vorgehen – eine anspruchsvolle Aufgabe, die viel Aufmerksamkeit und Konzentration erfordere, wie Kara erzählt. Spezielle Klebestreifen werden dabei auf der Brust angebracht. Daran orientiert sie sich – auch für den Fall, dass sie eine Unregelmäßigkeit findet.
Falls das geschieht, betont Geitner, wird die betroffene Patientin von der Frauenärztin untersucht. Sie – und nicht Kara – stellt die Diagnose. „Wir schicken niemanden mit einem Tastbefund nach Hause“, betont Geitner. Denn eine ertastete Unregelmäßigkeit müsse nicht unbedingt bösartig sein. Ganz im Gegenteil: Was ich erspüre, ist selten bösartig und meistens harmlos“, erklärt Kara.
Die Kosten
Nicht alle Krankenkassen – aktuell nur private Kassen und ein Teil der gesetzlichen Kassen – übernehmen die Kosten für die taktile Brustuntersuchung. Wer die Behandlung selbst bezahlen muss, auf den kommen Kosten in Höhe von rund 60 Euro zu, sagt Geitner.
Die Resonanz
Gestartet wurde das Angebot im Mai zunächst als Test, berichtet Geitner, „um zu sehen, wie es ankommt“. Und die Resonanz war positiv, sagt die Frauenärztin, so dass die taktile Untersuchung auf Dauer angeboten werden soll – weiterhin an einem Tag in der Woche, da Kara noch in zwei weiteren Frauenarztpraxen tätig ist.
Der Appell
Kara sieht den Schwerpunkt ihrer Arbeit nicht nur in der taktilen Untersuchung. Sie ist auch sachkundige Ansprechpartnerin rund um das Thema Brustkrebs. „Zu meiner Arbeit gehört auch, die Patientinnen so zu schulen, so dass sie selbstständig zu Hause Veränderungen in ihren Brüsten spüren können“, sagt sie. Das sollte jede Frau regelmäßig tun, um sich bei Auffälligkeiten frühzeitig ärztlichen Rat einzuholen, betont Kara.