200 Jahre Walzerkönig Strauss Wien feiert den ersten Popstar der Welt
Wien feiert den 200. Geburtstag von Walzerkönig Johann Strauss Sohn, aber nicht nur ihn: in erhellenden Ausstellungen und mit bunten Konzerten werden auch Vater und Brüder mitbedacht.
Die Einweisung durch die nette Museumsmitarbeiterin dauert keine Minute: „Sie müssen ihn nur richtig herum aufziehen, dann geht alles von allein“, sagt die junge Frau und reicht den Kopfhörer über die Theke. Endlich ein Audioguide, der funktioniert. Man muss keine Angst haben, dass man die falsche Nummer drückt und dann vor einem Exponat steht, das nicht zum Gehörten passt. Hier, im neuen „Johann Strauss Museum – New Dimensions“ geht das dank der landesweit einzigartigen GPS-getrackten Kopfhörer automatisch: je nachdem, wo man sich befindet, werden die passenden Informationen eingespielt, man steht immer zur rechten Zeit am rechten Ort.
Die weit verzweigte Familie Strauss ist schwer zu durchschauen
Das trifft eigentlich auf alle Veranstaltungen zu, die dieses Jahr rund um den 200. Geburtstag des Walzerkönigs Johann Strauss Sohn am 25. Oktober in Wien stattfinden. Die österreichische Hauptstadt ehrt den berühmten Komponisten an zahllosen Orten mit Bällen und Konzerten, es gibt eine gediegene Neuinszenierung der „Fledermaus“, eine kühne vom „Zigeunerbaron“ sowie Ausstellungen über Leben und Wirken der weit verzweigten Familie Strauss. Denn über deren Mitglieder ist nach wie vor recht wenig bekannt. Das fängt schon damit an, dass viele Besucher gar nicht genau wissen, wer den Runden feiert: Vater oder Sohn Strauss. Und wer von beiden ist der Walzerkönig? Derselbe, der die kurzweiligen Operetten komponiert hat? Und gehört Richard auch dazu?
Mit der neuen, rund 900 Quadratmeter große Ausstellung im Herzen Wiens wird auch ein Statement gesetzt: schließlich räumt man der Familie Strauss mit diesem repräsentativen Gebäude gegenüber der goldenen Kuppel des Secessionsgebäudes endlich einen angemessenen Platz unter den Großen der Musikgeschichte ein – und zwar dauerhaft, nicht nur im Jubiläumsjahr. Die Schau ermöglicht den Besuchern durch immersive Seh- und Hörerlebnisse in die Welt der Musikerfamilie einzutauchen und beantwortet nebenbei viele Fragen.
Die Ausstellung ist chronologisch angeordnet, verfolgt aber ein innovatives Konzept. Schautafeln sucht man in den dunklen Räumen vergeblich, in den einzelnen Bereichen, Akte genannt, gibt es vielmehr Videos oder bewegte Grafiken. Auf leuchtenden Landkarten kann man verfolgen, wo Strauss überall aufgetreten ist: den ängstlichen Reisenden führte sein Ruf bis nach Sankt Petersburg und Boston, wo er als erster Popstar der Musikgeschichte vor tausenden Fans umjubelte Konzerterfolge feierte. Eine Tonspur zieht die Besucher in die Geschichte der Dynastie: alles in allem ein audiovisuelles Großkunstwerk. Am Ende, also zum Finale, befindet sich eine Komponiermaschine, mit der jeder Gast seinen eigenen Walzer erschaffen und als Audiodatei mit nach Hause nehmen kann.
Die Wohnung von Johann Strauss versprüht den Zauber des Authentischen
Historische Exponate gibt es in dem eleganten Art-Déco-Bau nicht zu sehen, dazu muss man schon in die Strauss-Wohnung in der mondänen Praterstraße gehen. Johann Strauss bezog die Beletage in den 1860er Jahren. Er befand sich damals auf einem von vielen Höhepunkten seiner sagenhaften Karriere. „Hier komponierte er eines der berühmtesten Musikstücke der Welt: ,An der schönen blauen Donau’, bekannt auch als ,Donauwalzer’“, erzählt die Kuratorin Clara Kaufmann und deutet auf die Glasvitrine, unter der die Noten liegen. Das Museum mit seinen grün gemusterten Tapeten und dem knarzenden Parkett wirkt auf den ersten Blick etwas altbacken, vor allem, wenn man gerade aus den „New Dimensions“ kommt. Aber Clara Kaufmann sieht das anders: „Es ist die einzige Wohnstätte von Johann Strauss, die noch zugänglich ist.“ Strauss Sohn hat hier elf Jahre lang mit seiner ersten Frau gelebt. Kaufmann vertraut auf den Zauber des Authentischen, die geografische Nähe der rauschenden Donau, und verweist auf die sprechenden Porträts des eitlen Mannes, die Originalmöbel sowie einen Bösendorfer-Flügel und eine Amati-Geige.
Wer gerne Originalschauplätze besucht, gleichzeitig aber die Vorzüge einer multimedialen Präsentation schätzt, der ist im House of Strauss richtig. Das Ende 2023 eröffnete Museum liegt etwas außerhalb im historischen Casino Zögernitz. Der sehr, sehr reiche Immobilienentwickler Hermann Rauter hat das Gebäude gekauft und daraus eine Art Gesamtkunstwerk aus Museum, Konzertsaal und Restaurant gemacht: „Im Strauss-Saal sind alle vier Genies der Dynastie aufgetreten: Vater Johann und die drei Söhne Johann, Josef und Eduard“, erzählt Rauter. Heute spielt hier ein Residenzorchester nahezu täglich das immergleiche Programm: Strauss, was sonst.
Der prächtige Saal ist weltweit bekannt für seine ausgezeichnete Akustik. Um diese nicht zu gefährden, hat Rauter während der Renovierung eigenhändig mehrere hundert Kaugummis vom Parkett gekratzt: „Ich wollte möglichst viel im Original erhalten“, sagt der drahtige Mann. Das musikgeschichtliche Wissen über die „Sträusse“, wie Rauter die Familienmitglieder nennt, hat er sich vom Wiener Institut für Strauss-Forschung geholt. Die Zusammenarbeit war so fruchtbar, dass das Institut im House of Strauss nun eine dauerhafte Bleibe gefunden hat.
Eduard Strauss, der kleine Bruder, hat das gesamte Strauss-Archiv vernichtet
Der Leitung des wissenschaftlichen Instituts gehört auch Eduard Strauss an, Ururenkel von Johann Strauss Vater. Der gut gelaunte pensionierte Richter drückt den Gästen anstatt einer Visitenkarte ein großes Blatt Papier in die Hand: „Ich stelle mich immer mit Stammbaum vor“, lacht Strauss. Er erhofft sich vom Jubiläumsjahr vor allem eines: Geld für die Forschung. Die Forschung zu Johann Strauss liege im Argen: „Viele Ensembles ignorieren den Originalnotentext. Das Argument ist, dass Strauss immer funktioniert, wurscht, wie er gespielt wird. Aber nein, und nochmals nein“, ärgert sich der temperamentvolle Nachfahre. Vater und Sohn Strauss verdienten sorgfältige Interpreten. „Ich möchte gerne die Ausschaltquote bei André Rieu erhöhen“, sagt Eduard Strauss und schaut vergnügt in die überraschten Gesichter seiner Zuhörer.
Tatsächlich gibt es kaum ernsthafte Forschung zur Strauss-Dynastie. Das liegt aber nicht nur daran, dass die Komponisten leichte Muse produziert haben, sondern dass Eduard Strauss, der kleine Bruder des großen Walzerkönigs, das gesamte Strauss-Archiv vernichtet hat. Im Oktober 1907 lud Eduard Hunderte Kilo Notenpapier bei einer Tonöfenfabrik im Bezirk Mariahilf ab und sah stundenlang zu, wie Notenblätter und Handschriften ins Feuer geworfen wurden. Warum er das tat, darüber kann man nur spekulieren. Am naheliegendsten ist Neid, hat Johann seinen Bruder doch stets herablassend behandelt.
Es könnte aber auch das Gegenteil der Fall sein, nämlich, dass der schöne Edi die sehr effiziente Arbeitsteilung der Brüder vertuschen wollte, um Johanns Ruf als Genie nicht zu gefährden. Das hat aber nicht funktioniert, waren doch viele Klavierauszüge und Abschriften im Umlauf, sodass das Werk und seine Entstehung in Teilen rekonstruiert werden konnten. Dennoch bleiben viele Fragen. Mehr als man sich je zu Strauss vorstellen konnte. Wien im Jubiläumsjahr gibt Anstöße und Antworten.
Info
Anreise
Mit den Österreichischen Bundesbahnen ÖBB über Salzburg oder München. Mit der Westbahn direkt nach Wien: www.oebb.at ; https://westbahn.at .
Unterkunft
Zentral am Parkring gelegen ist das Luxushotel Almanac. Die eleganten Zimmer sind großzügig geschnitten, das Frühstück wird á la carte serviert. DZ/F ab 400 Euro. www.almanachotels.com/vienna. Sehr schickes Retro-Hotel: das Hoxton liegt in der Nähe des Musikvereins. DZ/F ab 137 Euro. https://thehoxton.com/vienna/
Essen und Trinken
Für den kleinen Geldbeutel: die leckeren Schnittchen von Trzesniewski, www.trzesniewski.at . Der Praterwirt verarbeitet heimisches Fleisch: https://praterwirt.com. Nach dem Konzert kann man noch spät in der Roten Bar des Hotel Sachers speisen. Das stilvolle Restaurant serviert österreichische Küche auf höchstem Niveau. https://sacher.com/de/restaurants/restaurant-rote-bar/
Aktivitäten
Mitten in Wien: die interaktive und immersive Ausstellung „Johann Strauss – New Dimensions“ www.johannstraussmuseum.at. Mit der U4: das „House of Strauss“ mit ausgezeichneter Küche: https://houseofstrauss.at. Im Palais Lobkowitz: „Johann Strauss – die Ausstellung“ befasst sich vor allem mit den Bühnenwerken, also den Operetten von Johann Strauss. www.theatermuseum.at. Die Johann Strauss Wohnung ist Teil der Musiker Wohnungen des Wien Museums: www.wienmuseum.at . Der Escape Room „Schatten des Zweifels. Im Kopf des Genies“ erfordert Mitarbeit. www.mqw.at
Allgemeine Informationen
www.wien.info ; www.johannstrauss2025.at ; www.johann-strauss.at