19. September 2010: Amoklauf hinterlässt Lörrach vor 15 Jahren in Schockstarre
Und plötzlich ist es wieder da: das flaue Gefühl, das Entsetzen - geradezu schmerzhaft. Obwohl er inzwischen fünfzehn Jahre zurückliegt: der Amoklauf mit vier Toten am Sonntag, 19. September 2010. Es ist der grauenvollste Tag, den die Stadt Lörrach und ihre 50.0000 Einwohner in der jüngeren Geschichte erleben sollen.
Dabei ist es eigentlich ein schöner, ein friedlicher Spätsommertag. Die Menschen flanieren in der sonnen gefluteten Fußgängerzone. Sie schlecken Eis. Sie gehen im stadtnahen Grüttpark spazieren. Oder sie besuchen das Elisabethen-Krankenhaus, das an diesem Sonntag seine Pforten geöffnet hat. Nichts deutet darauf hin, dass die Klinik wenige Stunden später Schauplatz einer unfassbaren Schreckenstat werden soll.
Schlagartig ist der Sonntag nicht mehr ruhig
Kurz vor 18 Uhr endet für mich ein langer Sonntagsdienst. Umso größer ist die Vorfreude auf einen ruhigen Sonntagabend. Doch der soll alles andere als ruhig werden. Noch auf dem Heimweg erreicht mich der Anruf aus unserer Sportredaktion: "Wir haben eine Amoksituation am Elisabethen-Krankenhaus", sagt der Kollege ruhig. So, als begreife er noch gar nicht, was er da sagt.
Schlagartig ist der Sonntag nicht mehr ruhig, nicht mehr entspannt. Ich kehre sofort um und fahre zum Ort des Geschehens - völlig ahnungslos, was sich dort abspielt. Unweit der Klinik ist die Straße notdürftig mit einem Trassierband abgesperrt. Einige Schaulustige haben sich bereits versammelt. Niemand weiß, was los ist.

Eine fürchterliche Explosion setzte das Zwölf-Familienhaus in Brand, in dem die Amokläuferin zuvor ihren Sohn und ihren Ex-Mann umgebracht hatte. Foto:
Neidinger"Sie müssen da weg. Da wird geschossen!"
Kurz zuvor hat eine gewaltige Detonation einen Wohnkomplex gegenüber des Krankenhauses erschüttert. Das Haus brennt. Iserka Jovannovic, eine Bewohnerin, schildert das schreckliche Erlebnis noch eineinhalb Stunden später mit zittriger Stimmen am Versorgungszelt des Roten Kreuzes: "Das ganze Haus hat gebebt, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ich dachte sofort an eine Gasexplosion. Dann habe ich Schüsse gehört."

Nicht mehr bewohnbar war das Zwölffamilienhaus nach der gewaltigen Explosion. Foto:
MellerSehr früh am Tatort, ist mir die Gefahr, in die ich regelrecht hineinstolpere, nicht bewusst. Ich laufe die Straße entlang, um Fotos von dem brennenden Haus zu machen. Auf Höhe des Krankenhauses hastet plötzlich ein Polizist aus einer Tür der Klinik und verschwindet in der nächsten. Ein zweiter rennt hinterher. "Sie müssen da weg. Da wird geschossen", ruft mir ein Feuerwehrmann aus einiger Entfernung aufgeregt zu. Schlagartig wird mir klar: Hier herrscht Lebensgefahr.
Löschangriff verzögert sich durch wilde Schießerei
Die Stadt dröhnt inzwischen von Martinshörnern. Nach und nach treffen mehrere hundert Rettungskräfte ein. 17 Verletzte aus dem brennenden Wohnhaus werden auf dem Gelände des nahegelegenen zentralen Busbahnhofs medizinisch und psychologisch versorgt. Es herrscht eine fast gespenstisch ruhige Stimmung, obwohl die Situation völlig unübersichtlich ist und niemand etwas Genaues weiß. Nur so viel: Das Mehrfamilienhaus brennt und muss gelöscht werden. Doch durch die wilde Schießerei im Krankenhaus gegenüber verzögert sich der Löschangriff der Feuerwehr. Erst eine Stunde nach der Alarmierung wird bekannt, dass die Gefahr durch die Amokläuferin gebannt ist. Sie ist tot, von Polizeibeamten erschossen.
Um Mitternacht gibt es die erste Pressekonferenz. Dutzende Kameras sind auf die Polizeiführung gerichtet. Zig Journalisten wollen Antworten. Mit versteinerter Miene ist auch die Oberbürgermeisterin eingetroffen. "Es ist nicht schön, wenn eine Stadt durch eine solch unfassbare Tat international in die Schlagzeilen gerät", sagt Gudrun Heute-Bluhm leichenblass und um Worte ringend in die Mikrofone.
Erster Amoklauf einer Frau in Deutschland
Am Tag danach ist die Stadt voller Journalisten und TV-Übertragungswagen aus dem In- und Ausland. Bei den Pressekonferenzen ist der große Sitzungssaal des Rathauses vollgestopft mit Kameras. Sie tragen die Bilder hinaus in die Welt, die Lörrach von nun an mit dem ersten Amoklauf einer Frau in Deutschland verknüpfen. Eine schaurige Vorstellung - bis heute.
Am Tag danach müssen viele vermeintliche und bereits veröffentlichte Fakten revidiert werden. Erst jetzt wird klar, was geschehen ist. Die 41-jährige Anwältin Sabine R. brachte in ihrer Wohnung am Rande der Lörracher Innenstadt zunächst ihren fünfjährigen Sohn um. Mit einem stumpfen Gegenstand schlug sie ihn besinnungslos. Dann stülpte sie ihm eine Plastiktüte über den Kopf und erstickte ihn. Später tötete sie den von ihr getrennt lebenden Ehemann, als dieser die Wohnung betrat, mit zwei Schüssen in Kopf und Hals. Möglicherweise wollte der Mann den gemeinsamen Sohn abholen. Der Junge lebte unter der Woche beim Vater.
Hat sie sich innerlich "in Tatbereitschaft" versetzt?
In der Wohnung unterhielt die Frau ihre Kanzlei. Zuvor war sie als Juristin in einem Unternehmen tätig. Mit 50 Litern Nitroverdünnung, 20 Litern Benzin und Spiritus setzte Sabine R. die Wohnung kurz vor 18 Uhr in Brand. Dies führte zu der heftigen Explosion.
Nach der Schreckenstat läuft sie ruhig zum nur wenige Meter entfernten katholischen St. Elisabethen-Krankenhaus. Dort hatte sie 2004 eine Fehlgeburt erlitten. Ob sie deshalb die Klinik als Ziel ansteuert, wird nie geklärt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war sie bereits am Nachmittag in dem Krankenhaus aufgetaucht. Am Stand des Aktionskomitees "Kind im Krankenhaus" fragt sie ruhig: "Hat man hier schon etwas über den Amoklauf gehört?" Dann verschwindet sie, ohne weiter aufzufallen. Der Polizeiwissenschaftler Joachim Kersten vermutet, dass die Frau sich innerlich "in Tatbereitschaft versetzt hat - ohne dass dies von ihrem Umfeld bemerkt wurde".

Auch einen Tag nach dem Amoklauf war das St. Elisabethen-Krankenhaus noch abgesperrt. Hier starb ein Pfleger und die Amokläuferin. Foto:
MellerWillkürlich auf Passanten geschossen
Nachdem Sabine R. ihr Kind und ihren Ex-Mann umgebracht und die Wohnung in Brand gesteckt hat, begegnet sie auf ihrem Weg ins Krankenhaus einer Besuchergruppe der benachbarten Baptistengemeinde. Ernst Barth, ein Mitglied der Gruppe, fordert die Frau auf, ihre Waffe, eine Kleinkaliberpistole, fallen zu lassen. Darauf dreht sich die Frau ruhig um, zielt auf Barth und schießt. Der Schuss streift dessen Kopf. Der Pfarrer der Baptisten wird im Rücken getroffen. Weitere Passanten werden ebenfalls beschossen.
Im Krankenhaus trifft die Amokläuferin in der gynäkologischen Abteilung im ersten Obergeschoss auf einen 57-jährigen Pfleger. Die Frau handelt sofort. Sie sticht ihn mit einem dolchähnlichen Fahrtenmesser nieder und schießt ihm in Kopf und Hals. Die Polizei findet ihn später leblos auf dem Flur. Ob der Mann sich der Täterin entgegenstellte oder ihr zufällig über den Weg lief, wird nie geklärt. Möglicherweise hat er die Amokläuferin durch sein Eingreifen aufgehalten und so weitere Bluttaten verhindert.
41-Jährige eröffnet ohne zu zögern das Feuer
Inzwischen sind Lörracher Polizeibeamte in die gynäkologische Abteilung vorgedrungen und fordern die Frau auf, sich zu ergeben. Doch die 41-Jährige eröffnet ohne zu zögern das Feuer. Sie schießt auf die Tür eines Zimmers, in dem sich eine Patientin und fünf Besucher befinden. Diese verbarrikadieren sich, schieben ein Bett vor die Tür. Mehrere Kugeln durchschlagen das Türblatt. Verletzt wird niemand.
15 Polizeibeamte hindern die Frau daran, zu entkommen und ihren mörderischen Feldzug fortzusetzen. Als sie weiter wild um sich schießt und einen Polizisten mit einem Beindurchschuss schwer verletzt, erwidern die Beamten das Feuer und töten die 41-Jährige mit insgesamt 17 Schüssen – in "Nothilfe", wie es juristisch heißt. Bei aller Tragik wird dadurch wohl noch Schlimmeres verhindert. Bei der Täterin findet die Polizei 300 Schuss Munition.
Tat macht Menschen in Lörrach sprachlos
Später stellt sich heraus: Die Amokläuferin war Sportschützin und seit 1996 Mitglied eines Schützenvereins im nordbadischen Mosbach. Die Frau verfügte zum Tatzeitpunkt über eine gültige Waffenbesitzkarte. Sie besaß zwei angemeldete Büchsen und eine Doppelflinte.

Polizeiführer Michael Granzow zeigt das Bild einer Pistole Walther Longrifle, Kaliger 22: Mit einer solchen Waffe schoss die Amokläuferin um sich. Foto:
MellerAm Tag nach der schrecklichen Tat liegt ein dunkler Schatten über der Stadt. Die Menschen befinden sich im Schockzustand, ringen um Fassung. Bei einer Straßenumfrage sind viele nicht zu einer Aussage bereit. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern, weil sie nicht können. Die unfassbare Tat hat sie sprachlos gemacht.
An solchen Tagen braucht es ein Ventil, eine Möglichkeit, sich von der Seele zu schreiben, was fassungslos macht. In der Christuskirche – nur einen Steinwurf von dem Doppel-Tatort entfernt – wird ein Kondolenzbuch ausgelegt.
War Fehlgeburt der Auslöser für schreckliche Tat?
Erst Tage nach der Bluttat kehrt langsam die Normalität nach Lörrach zurück, auch wenn die Spuren der Explosion rund um das Wohnhaus unübersehbar sind. Die zwölf Familien aus dem schwer beschädigten Haus, die von der Städtischen Wohnbaugesellschaft noch in der Tatnacht provisorisch untergebracht wurden oder bei Bekannten Unterschlupf fanden, sind noch immer weit weg von Normalität. Unter Polizeigeleit dürfen sie zunächst nur ihre wichtigsten Habseligkeiten aus ihren Wohnungen holen.
Knapp ein Woche später haben Polizei und Staatsanwaltschaft - soweit wie möglich – Licht ins Dunkel gebracht. Offenbar war die Frau mit der Trennung von ihrem Ehemann und ihrem Kind schlecht zurecht gekommen. Sie hatte darüber hinaus Schwierigkeiten, beruflich Fuß zu fassen. Nach ihrer Fehlgeburt hatte sie kurzzeitig Kontakt zu einem Psychotherapeuten. Der Ehemann soll ihr zu einer psychiatrischen Behandlung geraten haben. An das Datum der Fehlgeburt soll sie sich in den folgenden Jahren wiederholt erinnert haben. Aus einem aufgefundenen Schreiben ergab sich, dass sich Sabine R. im Jahr 2006 um eine Tätigkeit in der Verwaltung des Krankenhauses beworben hatte, jedoch nicht angestellt wurde.
Hinweis der Redaktion: Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Archivtext. Erstmals veröffentlicht wurde er am 26. November 2019. Aufgrund der aktuellen Relevanz haben wir ihn aktualisiert.


