#welches Spiel: Merz-Post zur WM zurückgezogen - war es „der junge Mitarbeiter“?

Friedrich Merz will es nicht selbst gewesen sein und ließ mit einem zweiten X-Post nachlegen.
Michael Kappeler/dpaEs ist der Albtraum für jedes Social-Media-Team: Das Spiel ist gerade vorbei, man klickt hektisch auf „Senden“ – und löst einen kollektiven Sturm des Fremdschämens aus. Genau das ist dem Umfeld von Bundeskanzler Friedrich Merz nach dem bitteren Aus der deutschen Nationalmannschaft im WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay passiert.
Unter dem hämischen Hashtag #welchesSpiel trendete der Regierungschef in den sozialen Netzwerken. Was als gut gemeinter Trost-Post geplant war, kam als vermeintlicher Realitätsverlust beim Publikum an. BSW-Politiker Fabio de Masi meinte bei Markus Lanz: „Das wirkt halt völlig lebensfremd, und bei den Leuten geht natürlich sofort eine Assoziation im Kopf los: So wie unser Land gerade absteigt, hat der Mann jeden Sinn für Realität verloren.“
Merz-Post zur WM mit künstlichem Kanzler-Lob
Nach dem dramatischen 3:4 im Elfmeterschießen herrschte im Land akuter Frust über die mutlose und spielerisch enttäuschende Leistung der DFB-Elf. Doch keine 30 Sekunden nach dem Abpfiff ging auf den Kanälen des Kanzlers ein vorgefertigter Post online, der die Fans fassungslos zurückließ:
„Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“
Die Quittung der User folgte prompt. Unter #welchesSpiel verbreitete sich der Screenshot wie ein Lauffeuer. Ein solch euphorischer Lobgesang auf ein sportliches Debakel wirkte deplatziert und entlarvte die Botschaft als misslungene PR in eigener Sache.
Merz-Post: „falscher Knopf“ oder „junger Mitarbeiter“?
Wie der Tagesspiegel berichtet, versuchte man sich im Kanzleramt schnell an akuter Schadensbegrenzung. Die interne Formel für die Panne lautete: „Falscher Tweet, falscher Zeitpunkt, falscher Knopf.“ In der Hektik soll angeblich die falsche Text-Schablone für ein „heroisches Ausscheiden“ verwendet worden sein.
Zunächst war davon die Rede, dass ein „junger Mitarbeiter“ sich für den falschen Tweet entschieden habe. Das soll den Ablauf aber offenbar nicht vollständig wiedergegeben haben, heißt es in einem Transparenzhinweis des Tagesspiegels. Am Montag nachgereicht wurde jedenfalls ein zweiter Post bei X. Tonalität: „Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott.“
Tagesspiegel korrigiert Bericht über Merz-Tweet
Pikant: Das bekanntermaßen regierungsnahe Medium korrigierte seinen Bericht und versah ihn später mit einem wesentlich allgemeineren Hinweis, dass „der nächtliche Ablauf“ ursprünglich mit einem „Detail“ wiedergegeben worden sei, „zu dem sich unsere Quellenlage inzwischen anders darstellt.“ Das Kanzleramt selbst wollte die internen „Abstimmungsprobleme“ nicht kommentieren. Bei anderen Medien fiel in diesem Zusammenhang auch der Name von Regierungssprecher Stefan Kornelius.
Koalitionsgipfel im Kanzleramt
Anzeichen für ein schlecht funktionierendes Kanzleramt hatte es schon in den letzten Monaten gegeben. Kritik hagelte unter anderem auf ein weinerliches Merz-Interview im Spiegel sowie auf Kanzleramtsminister Thorsten Frei - wegen mutmaßlich „schlechter Koordination“. Der von manchen als „glatter Karrierist“ beschriebene Merz-Büroleiter Jacob Schrot hatte zum Jahreswechsel seinen Posten räumen müssen.
Der misslungene X-Post kommt für den Regierungschef nun zur Unzeit, da am Mittwoch im Kanzleramt ein wichtiger Koalitionsgipfel zu Themen wie Steuerentlastungen, Gesundheits- und Pflegereform oder Rente stattfindet.


