Horror und Gehirn: Lust am Nervenkitzel: Warum wir uns so gerne gruseln

Erst wenn die Blutströme endlos fließen, können Horrorfans mitleidlos genießen.
Imago/Dreamstime- Warum wir uns gruseln: Uneindeutige Situationen lösen Unheimlichkeit und Angstlust aus.
- Amygdala und Thalamus steuern schnelle Alarmreaktionen, der Kortex prüft auf Fehlalarm.
- Hormone treiben den Kick: Adrenalin pusht, Endorphin beruhigt nach ausbleibender Gefahr.
- Erfahrung zählt – Viel-Horror stumpft ab, Vermeidung hält Angst und Erwartungen stabil.
- Drei Fan-Typen, Lerneffekt durch Fiktion und Resilienzgewinne bis hin zu Pandemiezeiten.
Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.
Bald werden sie uns wieder heimsuchen: Horror-Clowns, Monster, Vampire, Zombies. All die Kreaturen aus Horrorfilmen, die zu Halloween auf Streaming-Portalen Hochkonjunktur haben. Anlass genug, sich wohlig zu erschrecken. Aber was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir uns gruseln? Warum empfinden manche Menschen Spannung und Gänsehaut als reizvoll, während sich andere dabei vor allem unwohl fühlen oder gar nichts empfinden?
Warum uns dieselbe Szene unterschiedlich trifft
Gruseln entstehe häufig dort, wo sich eine Situation nicht eindeutig als gefährlich oder harmlos einordnen lasse, erklärt der Verhaltensforscher Marc Malmdorf Andersen von der dänischen Universität Aarhus. Unheimlichkeit sei das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimme, obwohl es dafür keine unmittelbar sichtbaren Hinweise gebe. Dieses Gefühl bewege sich gewissermaßen zwischen Gefahr und Nicht-Gefahr, erläutert er.
Wie stark das Gefühl ausfällt, sei individuell unterschiedlich. „Jeder Mensch hat gewissermaßen seinen eigenen optimalen Grad an Angst.“ Für manche liege dieser bei einem Thriller, andere dagegen bräuchten deutlich stärkere Reize.
Viel Grusel stumpft ab
Eine Rolle spielt offenbar auch, wie gut Menschen Unbekanntes oder Uneindeutigkeit aushalten. In einer 2024 im „Journal of Pschology“ veröffentlichten US-Studie bewerteten bestimmte Teilnehmer mehrdeutige Bilder als unheimlicher, verwirrender und beunruhigender als jene Motive, die schon von vornherein als gruselig eingestuft waren.
Hinzu kommt die Erfahrung: Wer häufig Horrorfilme schaut, wird mitunter unempfindlicher und kann auch besser vorhersagen, was als Nächstes geschieht – sowohl in der Handlung als auch im eigenen Körper. Herzklopfen oder Anspannung wirken dann weniger überraschend.
„Als Vergleich führen wir häufig den Konsum von Horror und den Verzehr von Chili zusammen“, sagt Andersen. „Wenn man viele Chilischoten isst, wird man zunehmend unempfindlicher gegenüber ihrer Schärfe und kann nach und nach immer schärfere Chilis essen.“
Wer Grusel meidet, kann Erwartungen schwerer korrigieren
Umgekehrt kann Vermeidung den Effekt verstärken: Wer bereits erwartet, eine Situation nicht auszuhalten, setzt sich ihr häufig gar nicht erst aus. „Wenn man wegen seiner Angst nie in eine Gruselattraktion geht, bekommt man nie die Gelegenheit, diese Erwartung zu korrigieren“, erklärt der Verhaltensforscher.
In Studien des Teams um Andersen überschätzten viele Menschen etwa vor dem Besuch einer Geisterbahn, wie viel Angst sie haben würden. Und sie unterschätzten, wie viel Spaß ihnen das Erlebnis machen könnte. Ohne die Erfahrung bleibt die ursprüngliche Erwartung bestehen, durch Erfahrung kann sie sich ändern.
Welche Rolle spielen Hirnareale beim Gruseln?
Ein vorbeihuschender Schatten, ein markerschütternder Schrei, ein Toter, der blutüberströmt im Rinnstein liegt: Die menschlichen Sinne reagieren instinktiv auf potenzielle Bedrohungen. Wir ducken uns weg, schützen den Kopf mit den Armen, stöhnen vor Ekel.
Hierbei hilft die Amygdala, das aus einem Bündel Neuronen bestehende, mandelförmige Angstzentrum über dem Stammhirn. Sofort nach dem Eintreffen der sensorischen Reize im Thalamus – der größten Ansammlung von Nervenzellen im Gehirn - werden alle Sinneseindrücke aus der Um- und Innenwelt des Körpers gesammelt, sortiert und zur Bewusstwerdung an die Großhirnrinde weitergeleitet.
Wie werden schaurige Sinnesreize verarbeitet?
Vom Thalamus gelangen die Sinneseindrücke dann an die Amygdala und werden von dort aus auf zwei verschiedenen Wegen weitergeleitet:
- Alarmanlage: Der schnellere der beiden Rezeptionswege funktioniert wie der Bewegungsmelder einer Alarmanlage und setzt spontan Reaktionen im ganzen Körper in Gang. Erstarren, Fliehen oder Kämpfen sind die Optionen, die je nach Bedrohungslage folgen. Und zwar noch bevor beispielsweise der vorbeihuschende Schatten genau identifiziert wird.
- Abwehrreaktion: Das Signal der Sinnesreize gelangt aber auch über einen Sekundenbruchteile langsameren Umweg zum sensorischen Kortex. Dieser Hirnbereich verschafft ein einordnendes, klareres Bild über die potenzielle Bedrohung und verstärkt dann die Abwehrreaktion oder entlarvt sie als Fehlalarm.
Was bewirken Hormone beim Gruseln?
- Glutamat: Die Erwartung, dass uns selbst Schlimmes zustoßen kann, setzt eine biochemische Kaskade in Gang. Vor allem über den Botenstoff des aufputschenden Glutamat werden Alarmsignale in andere Hirnteile wie den Hypothalamus und dann weiter in den ganzen Körper gesendet.
- Adrenalin: Das Nebennierenmark stößt große Mengen des Stresshormons Adrenalin aus. Der Blutzuckerspiegel steigt, das Herz schlägt schneller, die Handinnenflächen werden feucht.
- Endorphin: Bleibt das Schlimmste dann aus, strömt das beruhigende Wohlfühlhormon Endorphin durch den Körper. Dieser Hormon-Mix ist es auch, den viele Menschen am gruseligen Gefühl so mögen. Denn es kann selbst bei der harmlosen Gespensterstory vor dem Kamin einsetzen.
Wie verhält es sich mit optischen Täuschungen?
Manchmal ist der Körper aber auch selbst schuld, wenn er sich erschreckt. Denn manche vermeintliche Geistererscheinung ist schlicht eine optische Täuschung. Wer etwa 30 Sekunden auf das Bild eines Totenkopfs starrt und danach auf eine leere Fläche, sieht dort für eine Weile ebenfalls einen Totenkopf – das sogenannte Nachbild. Es kommt zustande, wenn die Lichtrezeptoren des Auges durch das Starren ermüdet sind und nicht mehr flexibel reagieren.
Wie wichtig ist Distanz zum Geschehen?
Eigentlich erscheint es paradox, dass viele von uns immer wieder bewusst nach furchteinflößenden Erlebnissen lechzen und sich nicht automatisch abgeschreckt fühlen von Horrorfilmen mit markerschütternden Schreien und spritzendem Blutfontänen. Doch die durchaus unterhaltende Wirkung von Horror ist einer simplen Tatsache geschuldet: der Distanz zum Geschehen.
Wenn wir Horrorfilme schauen oder in der Geisterbahn sitzen, wissen wir, dass uns währenddessen nichts passieren kann. Wir sind vollkommen sicher. Aus dieser gefestigten Position heraus können wir uns unserer natürlichen Neugierde am Düsteren hingeben.
Diese verschiedenen Typen von Horrorfans gibt es
Ein Team um Andersen und seinem Kollegen Mathias Clasen unterschied im Jahr 2022 im „Journal of Media Psychology“ nach einer Studie an US-amerikanischen und dänischen Horrorfans grundsätzlich drei Typen:
- Adrenalin-Junkies genießen das Gruseln und fühlen sich besser.
- „White Knucklers“ („Weißknöchler“) empfinden die Angst selbst zwar als eher unangenehm, suchen aber die Herausforderung und erleben dadurch eine persönliche Weiterentwicklung.
- „Dark Copers“ („Dunkelheits-Bewältiger“) verbinden demnach beide Typen: Sie genießen die bessere Stimmung und erleben zudem das Gefühl, etwas über sich zu lernen.
Wie Schauergeschichten unseren Horizont erweitern
Unser Interesse am Schrecklichen gleicht keineswegs nur einer ethisch fragwürdigen Blutlust, sondern kann uns im Notfall sogar nützlich sein.
„Obwohl die meisten Menschen mit der Absicht in einen Gruselfilm gehen, unterhalten zu werden, anstatt etwas zu lernen, bieten Gruselgeschichten reichlich Lernmöglichkeiten. Die Fiktion ermöglicht es dem Publikum, ohne großen Aufwand eine imaginäre Version der Welt zu erkunden“, erklärt Coltan Scrivner von der University of Chicago. Der Psychologe bezeichnet sich selbst als „Leading expert on the science of horror, truecrime, and morbid curiosity“. Scrivner hat auch einen „Morbid Curiosity Test“ entwickelt.
Wie Gruselfilme helfen, das Leben besser zu meistern?
Zuschauer können durch Gruselfilme beispielsweise lernen, wie sie sich in verschiedenen Katastrophenszenarien am besten verhalten – vom Bürgerkrieg über Zombie-Apokalypsen bis hin zur Flucht vor einem Raubtier. Eingefleischten Horrorfans kam dieses fiktive Bootcamp zum Beispiel während der Corona-Pandemie zugute.

Wer eine Zombie-Apokalypse am Bildschirm ohne seelische Schäden übersteht, ist für das reale Leben bestens präpariert.
Foto: Imago/Pond5 ImagesWie Scrivner herausgefunden hat, fühlten sich Menschen, die regelmäßig Horrorfilme schauten, deutlich weniger psychisch von Lockdowns, Infektionsraten und Impfdebatten belastet als der Durchschnitt der Bevölkerung. So schliefen sie besser und wiesen weniger depressive Symptome auf.
Warum ängstliche Menschen häufig Horrorfans sind
Dass der Konsum gruseliger Inhalte die psychologische Widerstandsfähigkeit stärken kann, erklärt vielleicht auch, warum überdurchschnittlich ängstliche und neurotische Personen Umfragen zufolge häufiger Horrorfans sind als ihre seelisch gefestigteren Mitmenschen.
Das Genre hilft ihnen womöglich dabei, Ängste abzubauen, wie Peter Zwanzger von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in München erklärt.„Je häufiger man sich bedrohlichen Reizen aussetzt, desto mehr gewöhnt man sich daran – und sieht diese nicht mehr als Gefahr an.“
Erbkrankheit Porphyrie und Vampir-Storys
Zum festen Inventar des Horror-Genres gehören Vampire wie Graf Dracula und aus Toten erschaffene Kreaturen wie Frankenstein. Schon vor tausenden von Jahren erzählte man sich in Südosteuropa Geschichten von bluttrinkenden Dämonen. Wie die Geschichte vom Blutsauger mit Furcht vor Kruzifixen, Knoblauch und Tageslicht einst entstanden ist, bleibt allerdings rätselhaft.
Eine Theorie besagt, dass Menschen mit Porphyrien – also erbliche Stoffwechselkrankheiten, welche die Synthese des roten Blutfarbstoffs Häm beeinträchtigen – als Inspiration für den Vampir-Mythos gedient haben könnten.
Genau wie die Vampire der Legenden müssen die Erkrankten häufig das Sonnenlicht meiden, weil sie sonst schwere Hautschäden erleiden. Auch der Konsum einiger Lebensmittel – darunter Knoblauch – kann die Symptome der Betroffenen verschlimmern.
Zu den typischen Symptomen einer akuten Porphyrie zählen bräunlich-rötlich verfärbte Zähne. Erkrankten soll früher sogar dazu geraten worden sein, Tierblut zu trinken, obwohl das nach heutigem Kenntnisstand nichts an ihrer Lage verbessert hätte. Stoffwechselkranke haben also durchaus Gemeinsamkeiten mit Vampiren. (mit dpa)



