Filmreife Aktion in Essen
: Maskierte befreien Häftling aus Arztpraxis – Großer Polizeieinsatz

Aus einem Besuch beim Arzt ist in Essen eine spektakuläre Gefangenenbefreiung geworden: Maskierte Männer haben die Bewacher überwältigt und einem 34-Jährigen zur Flucht verholfen.
Von
Oliver Auster und Marc Herwig, red/dpa
Essen

Polizisten stehen vor einem Absperrband. Zwei Unbekannte haben mitten in Essen zwei Justizbeamte angegriffen und einen 34 Jahre alten Häftling befreit. Die beiden Justizbediensteten, die den Gefangenen in eine Arztpraxis bringen sollten, wurden nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur überwältigt und gefesselt.

Matthias Rosenkranz/dpa
  • In Essen befreiten zwei Maskierte einen 34-jährigen Häftling aus einer Arztpraxis.
  • Die Justizbeamten wurden im Hausflur überwältigt und gefesselt – eine Waffe ging zu Boden.
  • Der Häftling saß wegen Drogendelikten und gefährlicher Körperverletzung in Untersuchungshaft.
  • Polizei suchte in der Innenstadt, warnte vor möglicher Bewaffnung und bat um Hinweise über 110.
  • Nahe dem Tatort lag eine Holz-Handgranate. Der Mann wird dem Bereich Clankriminalität zugeordnet.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es war eine filmreife Aktion mitten in der Essener Innenstadt: Maskierte Männer haben in einer Arztpraxis zwei Justizbeamte überwältigt und einen Häftling befreit. Der 34-jährige Gefangene und seine beiden Helfer konnten entkommen – die Beamten blieben gefesselt am Tatort zurück.

Laut dem nordrhein-westfälischen Justizministerium saß der 34-Jährige wegen Drogendelikten und gefährlicher Körperverletzung in Untersuchungshaft. Nach dpa-Informationen ordnen ihn die Behörden dem Bereich Clankriminalität zu.

Gefangener sollte aus JVA in Arztpraxis gebracht werden

Die Aktion ereignete sich am Mittwoch gegen 12.45 Uhr am Kennedyplatz, dem größten Platz in der Essener Innenstadt. Die Arztpraxis ist umgeben von Restaurants und Cafés, die dort mit ihrem Mittagstisch um diese Zeit immer gut besucht sind.

Absperrband hinter einem Polizeimotorrad in der Nähe eines Tatorts. Einsatzkräfte stehen auf einem Parkplatz. Zwei Unbekannte haben mitten in Essen zwei Justizbeamte angegriffen und einen 34 Jahre alten Häftling befreit.

Justin Brosch/dpa

Die beiden Justizbeamten sollten den Gefangenen aus der JVA Essen zur Behandlung in die Arztpraxis bringen, wie eine Polizeisprecherin sagte. Doch im Hausflur wurden sie nach dpa-Informationen plötzlich von zwei maskierten Männern überfallen. Nach ersten Ermittlungen kam es zu einer Rangelei, bei der einer der Beamten seine Waffe gezogen haben soll. Sie sei ihm aber aus der Hand geschlagen worden. Die Beamten seien schließlich überwältigt und gefesselt worden.

Polizei: Täter könnten bewaffnet sein

Die Polizei bestätigte zunächst keine Details zum Ablauf der Gefangenenbefreiung. Sicher sei aber, dass der Häftling und seine beiden Helfer anschließend in unterschiedliche Richtungen geflüchtet seien, sagte eine Sprecherin.

In der gesamten Essener Innenstadt waren anschließend Polizisten im Einsatz. Die Beamten mahnten die Bevölkerung zur Vorsicht. „Sollten Sie eine verdächtige Person bemerken, sprechen Sie sie nicht an! Rufen Sie umgehend die 110 an. Derzeit kann eine Bewaffnung der Täter nicht ausgeschlossen werden“, schrieb die Polizei.

Zeuge findet in der Nähe eine Handgranate aus Holz

Die Gefangenenbefreiung war noch nicht lange her, da entdeckte ein Zeuge ganz in der Nähe plötzlich einen Gegenstand, der aussah wie eine Handgranate. Einsatzkräfte sperrten den Bereich weiträumig an, ein Entschärfer-Team des Landeskriminalamts rückte an. Doch die Experten konnten schnell Entwarnung geben: Die Handgranate war eine Attrappe aus Holz. Wer sie dort abgelegt haben könnte und ob sie womöglich bei der Gefangenenbefreiung eine Rolle gespielt hat, sagte die Polizei zunächst nicht.

Essen gilt als Hochburg der Clankriminalität

Sollte sich die Einschätzung der Behörden bestätigen, dass der 34-Jährige dem Bereich Clankriminalität zuzuordnen ist, wäre die Gefangenenbefreiung eine weitere Eskalation in diesem Bereich. Als Clankriminalität bezeichnen die Behörden Straftaten, die sich aus ethnisch abgeschotteten Subkulturen heraus entwickeln. Meist stammen die Täter in Nordrhein-Westfalen aus türkisch-arabischstämmigen Großfamilien. 

Ein Flatterband hängt vor dem Ärztehaus, aus dem der Häftling befreit wurde.

Christoph Reichwein/dpa

Essen gilt seit Jahren als eine Hochburg. Laut Lagebild des nordrhein-westfälischen Innenministeriums gibt es in keiner anderen Stadt so viele Verbrechen, bei denen die Ermittler Hinweise auf einen Bezug zu kriminellen Clans haben. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren große Auseinandersetzungen, die die Polizei als „Tumultlagen“ in ihrer Statistik führt.

Begriff „Clankriminalität“ ist umstritten

Die Polizei hat ihre Arbeit in diesem Bereich deshalb in den vergangenen Jahren massiv verstärkt. In Essen wurde sogar eine eigene Organisationseinheit ins Leben gerufen, die verhindern sollte, dass Clans ihre kriminellen Strukturen in der Stadt festigen können.

Allerdings ist der Begriff Clankriminalität umstritten, weil er nach Ansicht von Kritikern Menschen mit Migrationshintergrund alleine aufgrund ihrer Familienzugehörigkeit und Herkunft stigmatisiert und diskriminiert.