Zeitzeugenbericht in Schwenningen: Wenn eine Umarmung alles verändert

Was eine Umarmung verändern kann, zeigt Dvora Weinstein, eine Zeitzeugin des Zweiten Weltkriegs, mit ihrem Bericht an den Georg-Müller-Schulen in Schwenningen.
Anna-Sophie ZepfNur wenige Tage ist es her, dass sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz – dem größten Vernichtungslager des zweiten Weltkriegs – zum 81. Mal jährte. Anlässlich dieses denkwürdigen Tages wurde die Zeitzeugin Dvora Weinstein in die Georg-Müller-Schulen in Schwenningen eingeladen, um über die schrecklichen Erlebnisse in ihrer Kindheit zu berichten.
Dvora Weinstein war gerade einmal fünf Jahre alt, als der Schrecken begann. Der Vater war bereits in die russische Armee eingezogen worden, als rumänische Soldaten im Juli 1941 in ihrem Heimatort Khotyn in der Ukraine die Häuser aller jüdischen Bewohner über ihren Köpfen anzündeten. Weinsteins Familie – Großeltern, Mutter und drei Kinder – konnten sich zwar aus dem flammenden Inferno befreien, doch mit diesem Moment begann eine Tortur – die nicht alle überlebten.
Schulleiter Tim Carstens betont, wie wichtig Zeitzeugenberichte seien, weil es immer weniger Überlebende gebe. „Jeder Bericht ist wertvoll“, erklärt Katja Bühler von der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ) – gegen Antisemitismus und zum Gedenken der Opfer des Holocausts. Die junge Generation müsse diese Geschichten weitergeben und daraus lernen, fügt Carstens hinzu.
Dvora Weinsteins Siege über Hitler
Weinstein zeigt der voll besetzten Aula Schwarz-Weiß-Fotos ihrer einst glücklichen Familie: zuerst die Großeltern, dann sie und ihre Schwester, schließlich ein Nachkriegsbild mit ihren Eltern – Mutter und Tochter mit geschorenen Köpfen.
Das sei ihr erster Sieg über Hitler, sagt sie und lässt ihr langes blondes Haar herab: Seit damals habe sie es nie wieder geschnitten. Ihr größter Sieg aber sei, dass sie Hitlers Ziel, „alle Juden auszulöschen“, überlebt und sich ihm entgegengesetzt habe, indem sie ihren eigenen Stamm gründete. Stolz erzählt sie: „Ich habe zwei Kinder, fünf Enkelkinder und zehn Urenkelkinder.“
Weinsteins Zeitzeugenbericht
In ihrem Bericht zeugt Weinsteins Stimme noch immer von der Angst, die sie durchlebte, als ihre Mutter erneut in das brennende Haus rannte. Doch die Erleichterung währte nur kurz als die Mutter – mit ihrer Nähmaschine – das Feuer hinter sich ließ.
Ohne Schuhe und ohne Winterkleidung wurde die Familie mit den Juden aus der gesamten Region von rumänischen Soldaten zum Marschieren gezwungen. Zu essen hatten sie nur, was die damals Fünfjährige mit ihren blonden Haaren und blauen Augen in den Dörfern auf dem Weg erbetteln konnte – oder Schnee.
Nach und nach starben die Menschen bei eisigen Temperaturen von bis zu minus 30 Grad und wurden am Wegesrand zurückgelassen.
An Weihnachten haben sie in einem verlassenen Bahnhof dicht gedrängt auf dem Boden liegen müssen, berichtet die 89-Jährige. Doch die Strapazen forderten nun auch unter Weinsteins Familienmitgliedern ihren Tribut: Erst starb der zweijährige Bruder, dann Großvater und Großmutter.
Das Leben im Ghetto
Der zwei Jahre ältere Schwester begannen auf der weiteren Reise die Beine aufgrund der Kälte zu versagen, bis sie vollständig paralysiert war. Nun habe die Mutter nicht nur ihre Nähmaschine auf dem Rücken tragen müssen, „die ihr wie eine zweite Haut geworden ist“, so Weinstein – sondern auch noch die Schwester.
Nach der 300 Kilometer langen Reise kam die Familie in einem umzäunten Ghetto in Transnistrien an. Dort ging es jede Stunde nur ums Überleben, erzählt die Zeitzeugin bedrückt: Sie seien voller Läuse gewesen, die sogar unter die Haut krochen, und haben nur noch aus Haut und Knochen bestanden.
Um Essen zu besorgen, schlich sich die Mutter unter Lebensgefahr durch ein Loch im Zaun und arbeitete als Näherin in nahe gelegenen Dörfern. Oft dauerte es Tage, bis sie zurückkam. In dieser Zeit musste die Fünfjährige für ihre ältere, inzwischen völlig teilnahmslose, Schwester sorgen – die kurz darauf ebenfalls verstarb. Vier Jahre lang lebten Mutter und Tochter unter diesen grausamen Bedingungen weiter – bis sie 1944 von der russischen Armee befreit wurden.
Erinnerungen und Umarmungen
Die Erinnerungen an das Ghetto und den Weg dorthin hinter sich zu lassen, sei ihr einfach gefallen, berichtet die 89-Jährige. Sich zu erinnern und darüber zu sprechen, sei hingegen viel schwerer, beantwortet Weinstein die Fragen einiger Schüler.
Einer der wichtigsten Momente in Weinsteins Leben sei allerdings gewesen, als sie nach einer einjährigen Reise nach Israel ohne ihre Eltern dort angekommen und wortlos von einem anderen Mädchen in einem Waisenhaus umarmt worden sei. In diesem Augenblick habe sie sich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder geliebt gefühlt.
Dieses Gefühl möchte sie nun weitergeben und verteilt unter den gerührten Schülern der Georg-Müller-Schulen Umarmungen, die diese teils mit Tränen in den Augen erwidern.
Weitere Informationen
Opferzahlen
Mehr als 400 000 Juden und Roma kamen in den Ghettos in Transnistrien während des Zweiten Weltkriegs ums Leben.
