Risiken für Jugendliche
: Wenn Scrollen zur Sucht wird – das sagen die Experten aus VS

Endloses Scrollen und personalisierte Videos – die EU untersucht, ob TikTok süchtig macht. Wie problematisch die Nutzung wirklich ist, zeigt sich auch in Villingen-Schwenningen.
Von
Lukas Podolski
Oberndorf
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Die beliebte Kurzvideo-App TikTok steht unter Verdacht, suchtähnliche Nutzung zu fördern.

Jan Woitas/dpa

TikTok ist für viele Jugendliche und Erwachsene längst ein fester Bestandteil des Alltags geworden. Sie öffnen die App, scrollen von Kurzvideo zu Kurzvideo und merken oft nicht, wie viel Zeit dabei vergeht.

Die EU-Kommission kommt in einer vorläufigen Einschätzung zu dem Ergebnis, dass die beliebte Social-Media-Plattform aufgrund ihres Designs suchtähnliches Verhalten fördern könnte. Insbesondere das endlose Scrollen sowie die personalisierten Videos stehen dabei im Fokus. In ihrer Einschätzung sieht die EU-Kommission einen Verstoß gegen den Digital Services Act (DSA), ein EU-Gesetz, das unter anderem den Schutz der Nutzer vor schädlichen Online-Inhalten und manipulativen Designpraktiken regelt. TikTok weist die Vorwürfe zurück und fechtet die Bewertung an.

Doch wie problematisch ist die Nutzung von Social Media tatsächlich vor Ort? In Villingen-Schwenningen beobachtet die Fachstelle Sucht die Entwicklung aufmerksam. Sie berät Jugendliche, Erwachsene und Eltern, die Schwierigkeiten haben, ihren Konsum zu kontrollieren.

Lange Nutzungszeiten und Kontrollverlust

„Ja, das Thema spielt bei uns insbesondere in der Jugendberatung eine Rolle“, berichtet Pia Wenzler, systemische Therapeutin bei der Fachstelle Sucht Villingen-Schwenningen. Jugendliche würden von sehr langen Handynutzungszeiten, Kontrollverlust und negativen Gefühlen berichten, die im Zusammenhang mit der Social-Media-Nutzung stünden.

Laut dem Diagnosekatalog ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gilt die problematische Nutzung zwar noch nicht offiziell als Sucht, in der Beratungspraxis würden sich jedoch suchttypische Muster zeigen. Betroffene berichten, dass Social Media zunehmend Priorität im Alltag einnehme und andere Bereiche wie beispielsweise die schulische Leistung darunter leiden würden, so Wenzler. Sie merken zwar, dass ihnen der Konsum nicht gut tut, bekommen es jedoch nicht hin, ihn einzustellen oder zu reduzieren.

Social Media als Teufelskreis

Erste Anzeichen für eine problematische Nutzung seien laut der Therapeutin, wenn Social Media dafür eingesetzt wird, um Stress zu kompensieren. Kurzzeitig wirke dies zwar entlastend, langfristig verstärke es jedoch den Stress und es entstehe ein Teufelskreis.

Besonders problematisch seien die Funktionen des Endlos-Scrollen sowie die personalisierten Videos, die insbesondere bei TikTok eine zentrale Rolle spielen. Die scheinbar unendliche Verfügbarkeit von Inhalten aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn und erhöht die Nutzungsdauer. Die personalisierten Videos, die durch den Algorithmus angezeigt werden, sorgen ebenfalls für eine erhöhte Verweildauer und schaden gleichzeitig der Aufmerksamkeitsspanne, so Wenzler. „Besonders Jugendliche, welche ohnehin entwicklungsbedingt Schwierigkeiten in Selbstregulation und -kontrolle haben, fällt es dann besonders schwer, das Handy zur Seite zu legen“, erklärt die Therapeutin.

Eltern in der Vorbildrolle

Doch worauf können Eltern achten, um eine problematische Nutzung zu vermeiden? „Eltern sollen sich ihrer eigenen Vorbildfunktion im Umgang mit Social Media bewusst sein“, meint Wenzler. Hilfreich seien feste Medien-Zeiten, klare Absprachen und ein altersgerechter Schutz vor ungeeigneten Inhalten. Entscheidend sei jedoch das Interesse an dem, was ihre Kinder online fasziniert und der wertschätzende Austausch mit ihnen. Wenn der Eindruck entsteht, dass sich das Kind durch den Konsum verändert oder die Kontrolle verliert, sollten Eltern ihre Sorge offen ansprechen.

Wenn Familien das Gefühl haben, allein nicht weiterzukommen, bietet die Fachstelle Sucht Villingen-Schwenningen Unterstützung an.

Kontaktdaten

Fachstelle Sucht Villingen-Schwenningen
Für weitere Informationen oder bei Fragen können sich Interessierte an die Fachstelle Sucht Villingen-Schwenningen wenden, die zum Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation gGmbH gehört. Die Fachstelle befindet sich in der Großherzog-Karl-Straße 6 in 78050 Villingen-Schwenningen. Telefonisch ist die Fachstelle unter 07721/8 78 64 60 erreichbar. Alternativ können Interessierte an pia.wenzler@bw-lv.de eine E-Mail senden. Weitere Informationen befinden sich auf der Website www.bw-lv.de

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