Hingucker in Schwenningen: So pfiffig grast die Seekuh wieder am Vorderen See

Jürgen Sepp (links) und ein Mitarbeiter des Gewässer- und Biotoppflegebetriebs aus Bayern gleiten mit der Seekuh über den Vorderen See in Schwenningen.
Mareike KrattLangsam und gleichmäßig fährt der Truxor auf der Wasseroberfläche des Vorderen Sees. Stetig bewegen sich die Messerbalken an der Vorderseite hoch und runter. Plötzlich taucht das Amphibienfahrzeug tiefer ins Wasser hinein, anschließend hebt der Lenker eine Ladung an Wassergras hinaus.
Langjähriger Auftrag
Kurz dahinter gleitet ein zweites Fahrzeug in den Vorderen See und folgt dem Kurs des Truxors, der parallel zum Ufer fährt. Nach einer Runde steigt Jürgen Sepp, Chef des gleichnamigen Unternehmens für Gewässer – und Biotoppflege aus Jettingen bei Günzburg, ab und lässt seinen Mitarbeiter weiterfahren. Schon seit rund zwölf Jahren kommt Sepp im Auftrag des städtischen Tiefbau- und Grünflächenamtes ein bis zweimal pro Jahr nach Schwenningen, um mit seiner Seekuh den Wildwuchs aus dem Vorderen See zu entfernen – so auch am Mittwoch.
Mehr offene Flächen
Das hat aber keine optischen oder ästhetischen Gründe, sondern biologische: Der Nährstoffhaushalt des Sees müsse nämlich immer wieder reguliert werden. Die Unterwasservegetation entziehe dem Wasser Nährstoffe, sterbe und falle ab. Diesen Vorgang, der sich negativ auf andere Pflanzenarten und Kleinlebewesen auswirkt, nennt Jürgen Sepp Eutrophierung. Um diesem vorzubeugen, müssten Wasserpflanzen regelmäßig gemäht werden. „Wir brauche mehr offene Wasserflächen“, lautet die Devise des Experten, der mit Seekuh und anderen Spezialgeräten von „Kassel bis Norditalien“ unterwegs ist. Denn viele seiner Art gibt es nicht.
See mit Hürden
Damit Sepp und seine Mitarbeiter innerhalb eines Tages am Vorderen See fertig werden und schnell wieder Ruhe einkehrt, sind sie mit zwei Fahrzeugen gekommen. Rund sechs Stunden rechnet Sepp für den Einsatz. Zunächst werde das Gras durch den Einsatz der Messerbalken gemäht. Ganz einfach geht das aber nicht vonstatten, wie Jürgen Sepp deutlich macht. „Das Gewässer hier hat seine Besonderheiten.“ Denn der Vordere See ist mit einer Folie abgedichtet, der Wildwuchs könne nicht mit einem klassischen Mähboot gemäht werden – und auch nicht bis ganz nach unten. Wichtig sei, mit Vegetation und Lebewesen äußerst sensibel umzugehen.

Mithilfe der Messerbalken wird das Wassergras gemäht.
Foto: Mareike KrattAb auf Kompostanlage
Und das gelte auch für das weitere Prozedere: In einem zweiten Schritt werde das abgeschnittene Gras mit einem großen Rechen, der gegen den Messeraufsatz getauscht wird, eingesammelt und an vier markierte Ablageorte transportiert. Hier bleibe das Gras rund einen Tag liegen und werde dann von der Technischen Diensten der Stadt (TDVS) auf die Kompostanlage nach Villingen gebracht, wie Janine Seiler vom Grünflächen- und Tiefbauamt, Abteilung Stadtentwässerung, Gewässer und Altlasten, erklärt. Sie ist kurz vor Ort, um sich ein Bild von der diesjährigen Mahd zu machen.
Das Schilf lebt
Bis zum nächsten Tag haben auch diejenigen Amphibien, etwa Molche oder Frösche, also „alles, was hier so kreucht und fleucht“ und was sich noch im abgemähten Gras befindet, genügend Zeit wieder zurück ins Wasser zu gelangen – oder ins Schilf. „Im Schilf tobt das Leben“, zeigt sich Jürgen Sepp beeindruckt vom dicht besiedelten Lebensraum am See. Und lobt gleichzeitig Stadt und Bürger: Denn – im Gegensatz zu Vorjahren oder anderen Städten, in denen er aktiv ist, – habe er in Sachen Müll und Unrat im Zuge der Mäharbeiten nur einen kleinen Roller aus dem Wasser ziehen müssen.
Er kommt wieder
Im Spätsommer – August oder September – wird der Fachmann noch einmal wiederkommen, um die Seekuh ein zweites Mal grasen zu lassen. „Das Gras wächst schnell nach“, erklärt er. Dieses Prinzip habe sich bewährt – und deutlich weniger Schnittvolumen als früher zur Folge. „Es ist schön mit anzusehen, wie der natürliche Haushalt Stück für Stück wieder hergestellt wird.“