Gemobbt wegen Leseschwäche: Wie ein Buch betroffenen Schülern aus VS Mut macht

Susanne Seyfried freut sich, dass sie mit dem Buchprojekt „Luis kann (noch) nicht lesen“ bei den Schülern vieles bewegen konnte – und wohl auch noch in Zukunft bewegen wird.
Mareike Kratt- Lerntherapeutin Susanne Seyfried nutzt das Buch „Luis kann (noch) nicht lesen“ in Klassen.
- Schüler erkennen eigene Erfahrungen wieder – Mobbing, Scham und Lernfrust werden thematisiert.
- Gespräche im geschützten Rahmen helfen, Stärken zu finden und Solidarität zu fördern.
- Das Projekt wuchs weiter: Schüler schickten Arbeiten an Autorin Heike Becker, die antwortete.
- Geplant ist eine Fortsetzung mit Seyfried: kindgerechte Strategien und Einblicke in Lerntherapie.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Ich verstehe das nicht. Warum geht das nicht in meinen Kopf?“ Luis versucht es wieder und wieder – doch so sehr er sich auch bemüht und mit seinen Eltern übt, will ihm das Lesen und Schreiben einfach nicht gelingen. „Die Buchstaben wirbeln wie wild herum.“
Die Fünf, die er im Diktat bekommt, hatte er demzufolge schon befürchtet. Doch es sind nicht nur die schlechten Noten, die den Schüler belasten und immer wieder Gespräche zwischen seinen Eltern und seiner Lehrerin erfordern.
Es sind auch die Mitschüler, die über Luis lachen und ihn mit fiesen Sprüchen immer mehr mobben und ausgrenzen. „Jeder aus der ersten Klasse kann besser lesen als dieser Idiot“, heißt es da ebenso wie „Luis, der Loser“.
Fiktiver Schüler trifft auf Realität im Klassenzimmer
Luis ist die Hauptfigur des Buches „Luis kann (noch) nicht lesen“ von Autorin Heike Becker und ist daher fiktiv – doch so wie ihm geht es nicht wenigen Grundschülern, wenn es mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen nicht klappen will.
Das weiß auch Susanne Seyfried, die als integrative Lerntherapeutin an Schulen in Villingen-Schwenningen und Umgebung im Einsatz ist sowie zusätzlich nachmittags privat Schüler mit Lese-, Rechen- oder Schreibschwäche unterstützt.
Welche erstaunliche Wirkung das Buch hat
Mit zwei zweiten Klassen der Villinger Warenbergschule sowie mit zwei dritten Klassen der Bad Dürrheimer Grund- und Werkrealschule hat Seyfried, die im Zuge von Schul-Förderprogrammen wie Lernen mit Rückenwind oder dem Startchancenprogramm Schüler in Kleingruppen zusätzlich fördert, das Buch gelesen – und ist immer noch angetan von der Wirkung. „Ein Schüler hat es gar nicht mehr aus der Hand getan“, freut sie sich.
Für die Lerntherapeutin ist es unabdingbar, mit den Schülern während der Förderstunden über die eigene emotionale Ebene zu sprechen. Denn ihr ist bewusst: „Sie sind still und leiden innerlich – und kommen in einem geschützten Raum und mit einer Identifikationsfigur eher aus sich heraus, wenn sie merken, dass sie nicht allein sind“, erklärt die Schwenningerin.
Folglich war klar: In Sachen Leseschwierigkeiten, Mobbing und Ausgrenzung konnte schnell eine Metaebene über Luis gefunden werden. „Der Luis, das bin ja ich“, sei da die Erkenntnis gewesen. Wichtig war Seyfried, einerseits zu erarbeiten, warum Lesen schwierig sein kann und was es mit Blick auf den Klassenverbund mit dem Betroffenen macht, andererseits aber auch die Stärken von Luis – und somit von anderen Schülern – herauszuarbeiten. „Was können wir Luis Positives mitgeben?“, sei da die Leitfrage gewesen.
Plötzlich entwickelt das Buch eine Eigendynamik
Daraufhin habe das Projekt eine Art Eigendynamik entwickelt: Alle Werke, welche die Schüler passend zum Buch verfasst und gemalt haben, nämlich wurden an Autorin und Kinderpflegerin Heike Becker geschickt – die als Folge jedem Schüler eine Postkarte mit Mutmach-Sätzen zurückgeschickt habe.
Doch dem nicht genug: Wenn Lius am Schluss des Buches entschlossen ist „Das schaffe ich auch“, hätten sich die Schüler aber auch die Frage gestellt, wie es mit ihm weitergeht. „Alle haben sich eine Fortsetzung gewünscht“, macht Susanne Seyfried deutlich, die seither im Dauerkontakt mit Heike Becker steht.
Vielversprechende Aussichten
Denn geplant ist: Es wird eine Luis-Fortsetzung geben – und zwar als Kooperationswerk zwischen Autorin und Lerntherapeutin. Darin möchte Susanne Seyfried unter anderem kindgerecht aufzeigen, mit welchen Strategien Luis seinen Weg gegangen ist und wie eine Lerntherapie überhaupt abläuft. Mit dem Verlag – Institut für sprachliche Bildung Oldenburg – ist sie bereits im Austausch.
In das neue Buch sollen auch die Arbeiten der Schüler aus Villingen und Bad Dürrheim miteinfließen: Ein Zweitklässler etwa hat den künftigen Luis in einer Doppelfunktion gezeichnet: als Lehrer, der gleichzeitig auch Feuerwehrmann ist – und seine Schule bei einem Brand rettet, „so wie die Schule damals auch ihn gerettet hat“. Mit Beispielen wie diesen möchte Susanne Seyfried zusammen mit Heike Becker vor allem eines: „Mut machen, dass man trotz LRS alles erreichen kann.“
Der Begriff der Lese-Rechtschreib-Schwäche
Rund um die Beeinträchtigung des Lesens und Schreibens gibt es unterschiedliche Begriffe, die teils synonym verwendet werden. Während die Legasthenie als Lese-Rechtschreib-Störung die medizinische Sichtweise beschreibt, laut Weltgesundheitsorganisation als „umschriebene und schwerwiegende Beeinträchtigung beim Erlernen des Lesens und/oder Rechtschreibens“ gilt und veranlagt ist beziehungsweise vererbt werden kann, beschreibt LRS als allgemeine Lese-Rechtschreib-Schwäche die pädagogische Sichtweise. Die Ursachen können hierfür vielfältig sein, liegen etwa in der Schule oder in Stress begründet, erklärt Lerntherapeutin Susanne Seyfried. Ihr Credo: „Eigentlich ist es ganz egal, woran es liegt, viel wichtiger ist: Die betroffenen Kinder können dennoch alles erreichen.“ Unabdingbar sei, möglichst früh, also in der ersten Klasse, mit entsprechender Förderung zu beginnen. „Je früher die Schüler gestärkt werden, umso langfristiger ist der Erfolg.“ Weitere Infos unter www.lerntherapie-vs.de.
