Einsatz bei Bad Dürrheim
: Wie die Kitz-Retter in Biesingen Pferden das Leben retten

4.45 Uhr: Drohnenpiloten suchen fieberhaft die Wiesen ab. Was sie finden, ist mit bloßem Auge kaum zu sehen – doch es geht streng genommen um Leben und Tod. Nicht nur für die Rehkitze.
Von
Cornelia Spitz
Bad Dürrheim-Biesingen
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Zwei Handvoll Leben kauerten in einer Wiese – ohne die Kitzretter wäre es womöglich ein kurzes Leben geworden.

Zwei Handvoll Leben kauerten in einer Wiese – ohne die Kitzretter wäre es womöglich ein kurzes Leben geworden.

Uli Hanßmann
  • Früh morgens um 4.45 Uhr suchten Drohnenpiloten bei Biesingen Wiesen nach Jungtieren ab.
  • Sechs Rehkitze wurden gefunden und vor dem Mähen gesichert – die Mähwerke hätten sie erfasst.
  • Kitzrettung schützt auch Nutztiere: Botulismus durch Kadaverreste im Futter kann Pferde und Rinder töten.
  • Landwirte sind zu Schutzmaßnahmen verpflichtet, viele melden Flächen vor dem Mähen an.
  • Vorgehen: Kitze mit Handschuhen bergen, in Jutesäcke an den Rand legen – danach kehren die Mütter zurück.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es ist Samstagmorgen, fast noch -nacht, als sich um 4.45 Uhr eine Gruppe Jagdpächter und der Forstwirtschaftsmeister Uli Hanßmann und das Team der Kitzrettung der Jägervereinigung  Schwarzwald-Baar-Kreis samt ihren ehrenamtlichen Drohnenpiloten in Biesingen treffen.

Ihre Mission hat aber nicht nur rehbraune Kulleraugen, kurze Beine und ein noch getupftes Fell, sondern bisweilen auch ein Euter und ein breites Flotzmaul oder sogar eine lange Mähne und einen Schweif. Uli Hanßmann, der nicht nur Forstwirtschaftsmeister ist, sondern auch Pächter für die Jagdbezirke Öfingen I und Oberbaldingen-Biesingen, ist es wichtig, das zu betonen. Bei der Kitzrettung geht es um mehr als „nur“ die süßen Artgenossen von Bambi.

Gleich sechs kleine Kitze konnten die Helfer an diesem Samstagmorgen bei Biesingen retten.

Gleich sechs kleine Kitze konnten die Helfer an diesem Samstagmorgen bei Biesingen retten.

Uli Hanßmann

Im Gespräch mit dem Fachmann wird schnell klar, dass die Kitzrettung zwar auch der Tierliebe dient, aber auch einen ganz praktischen Nutzen hat, von dem alle Seiten profitieren.

Tödliches Gift

„An Leichengift sind auch schon Kühe verendet“, stellt er nämlich klar, als er von seinem ungewöhnlichen Morgen-Einsatz in Biesingen berichtet. Landen Stoffe eines verwesten Viehkadavers im Futter, stelle dieses eine echte Gefahr dar. Die Rede ist vom tödlichen Botulismus, einer Vergiftung, die Nutztiere wie Pferde oder Rinder durch auf solche Weise vergiftetes Futter bekommen können. „Es ist also eine klassische Win-Win-Situation“, stellt Hanßmann nüchtern fest.

Mäharbeiten, wie hier bei Bad Dürrheim, bergen für Rehkitze ein hohes Risiko.

Mäharbeiten, wie hier bei Bad Dürrheim, bergen für Rehkitze ein hohes Risiko.

Uli Hanßmann

Und doch: Wenn sich Szenen wie am Samstagmorgen bei Biesingen abspielen, dann sind auch ganz hartgesottene und ganz rationale Fachleute nicht frei von Verzückung: Ganz zusammengekauert lagen an diesem Morgen gleich sechs Kitze in den Wiesen zweier Landwirte bei Biesingen. Mit ihren großen Kulleraugen und ihrem noch weiß-gepunkteten Fell hatten sie dort eigentlich friedlich schlummernd auf ihre Mama und den Tag gewartet. Doch wären die Kitzretter nicht gewesen, hätten sie den nächsten Morgen vermutlich nicht erlebt.

„In den vergangenen Jahren haben wir leider schon die Erfahrungen machen müssen, dass die Kitze auf der Fläche vermäht und liegen gelassen wurden“, schildert Hanßmann das Dilemma. Warum sie nicht einfach davonspringen, sobald Gefahr droht? Schuld ist ein Reflex: „Bei Gefahr legen sie sich ganz flach hin und regen sich nicht mehr“, erklärt der Forstwirtschaftsmeister und fügt mit Blick auf die modernen, extra-breiten Mähwerke hinzu: „Die wissen ja auch nicht, dass ein Mähwerk auch einige Meter neben der Maschine noch mäht.“

Per Gesetz verpflichtet

Landwirte seien vor dem Mähen von Wiesen oder Grünland im übrigen zu Schutzmaßnahmen von Wildtieren verpflichtet. „Das ergibt sich aus dem deutschen Tierschutzrecht.“ Wer dagegen verstoße, habe Bußgelder oder sogar strafrechtliche Folgen zu befürchten.

Glücklicherweise spielten mittlerweile viele Landwirte mit. Einige riefen sogar selbst zwei bis drei Tage vor dem geplanten Mähen bei den Kitzrettern an. Sie nennen den Ehrenamtlichen dann ihre Flurstücknummer und seitens der Helfer wird der Einsatz koordiniert.

Rein formal müssten die Landwirte im entsprechenden Bezirk eigentlich Uli Hanßmann darüber informieren, doch der sieht das gelassen und lässt in diesem Fall auch mal Fünf gerade sein: „Ich bin mit jedem einverstanden, der das macht!“

Fast unsichtbar

Dass in den Wiesen, vor welchen das Kitzrettungsteam am Samstagmorgen in dem Bad Dürrheimer Teilort stand, Kitze liegen, hatte Hanßmann schon vermutet. Er sah die Rehgeißen bereits am Waldrand stehen und informierte die Bauern: „In Deiner Wiese liegen vermutlich Kitze.“

Die Drohne der Kitzretter steigt auf.

Die Drohne der Kitzretter steigt auf.

Uli Hanßmann

Als die Drohne in den Himmel stieg und wenig später das Bild auf den Computer am Boden übertragen wurde, staunten die Beteiligten aber nicht schlecht: Erstaunlich viele Kitze waren zu sehen. Ein paar größere habe man versucht per Hand einzufangen, „die waren ein bisschen größer“ und sprangen davon. Bei den sechs kleinen Kitzen aber waren die Retter samt ihrer Jutesäcke und Handschuhe gefragt.

Die Übertragung des Drohnenbildes auf den Computerbildschirm zeigt es deutlich: Hier lieben drei Kitze mitten im Feld.

Die Übertragung des Drohnenbildes auf den Computerbildschirm zeigt es deutlich: Hier lieben drei Kitze mitten im Feld.

Uli Hanßmann

Was selbst aus geringer Entfernung, mitten in der Wiese stehend, oft nicht zu sehen ist, zeigte die Kamera: winzig kleine Kitze, die zusammengerollt im hohen Gras kauerten und auch vom Fahrersitz eines Traktors aus nicht gesehen worden wären. Tier für Tier holten die Helfer aus dem Feld.

Happy End

Wenig später schon standen die Landwirte bereit, um ihren Mäheinsatz zu beginnen. „Es bringt nichts, wenn die Landwirte erst drei oder vier Stunden später kommen zum Mähen – die Kitze kommen zurück.“ Das ist der Grund für eine auf den ersten Blick ungewöhnlich anmutende Maßnahme: Das mit Handschuhen aus dem Gras gehobene Rehkitz wird in einen Jutesack gesteckt und am Ackerrand abgelegt.

Als der Standort des Kitzes klar ist, schreiten die Kitzretter zur Tat.

Als der Standort des Kitzes klar ist, schreiten die Kitzretter zur Tat.

Uli Hanßmann

In der Regel wartet seine Mama in sicherer Entfernung am Waldrand, stößt diesen durchdringenden hohen Pfiff aus, mit dem es sein Kitz ruft, und verfolgt beunruhigt das Geschehen.

Rettung geglückt, jetzt wird das Tier wieder freigelassen – und wenig später euphorisch begrüßt.

Rettung geglückt, jetzt wird das Tier wieder freigelassen – und wenig später euphorisch begrüßt.

Uli Hanßmann

Der schönste Moment kommt ganz zum Schluss, wenn die Kitzretter die Tiere wieder in die Freiheit entlassen und manchmal auch Zeuge werden, wie eine glückliche Rehgeiß ihr Kleines sofort wieder unter seine Fittiche nimmt.

Kitzrettung im Schwarzwald-Baar-Kreis

Die Kitzrettung wurde von der Jägervereinigung Schwarzwald-Baar-Kreis und der unteren Jagdbehörde beim Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis 2021 ins Leben gerufen, um Kitze vor dem Mähtod zu retten. Die Gruppe besteht aus Jägern, Natur- und Tierschützern ohne Jagdschein sowie Landwirten.
Und so funktioniert's:

  • Landwirte, die ihre Grünlandflächen in Waldrandnähe mähen wollen, melden dies dem Kitzrettungsteam. Für die Koordination gibt es die zentrale Telefonnummer 01520/3221558 und eine eigene Mailadresse: kjm-kjv-sbk@outlook.de
  • Die Befliegung muss spätestens am Vortrag um 13 Uhr beantragt werden. Als genaue Ortsbezeichnung ist die Flutstücknummer erforderlich sowie die exakte Angabe eines Treffpunkts.
  • Die Flurstücke werden in die Drohne eingegeben und eine Flugroute für jedes Grundstück berechnet
  • Die Mahd muss sofort nach der Befliegung erfolgen.
  • Der Landwirt oder Jagdpächter muss nach der Mahd einen ausgefüllten Fragebogen zurückgeben, der der Protokollierung des Einsatzes dient, aber auch als Nachweis für den Landwirt, dass er seine Pflicht nach dem Tierschutzgesetz erfüllt hat.
  • Der Einsatz ist für die Landwirte und betroffenen Revierpächter kostenlos, er wird durch die Kreisjägervereinigung und die untere Jagdbehörde betragen. Die Piloten und Helfer sind ehrenamtlich tätig.
Das Schwarzwälder BAARometer
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