Besondere Häuser in Bad Dürrheim: Sanierung birgt manch Überraschung

Mathias und Andrea Wehinger mit einem der beiden Kinder, der Tochter Lena. Die Familie bewohnt eines der ältesten Häuser in Oberbaldingen.
Wilfried StrohmeierDas Haus in der Dorfstraße hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich. Nach 333 Jahren kann man hier nun wirklich sagen: Wenn diese Steine reden könnten, dann hätten sie vieles zu erzählen.
Sie würden von ihren früheren Eigentümern und Bewohnern erzählen, von Frauen, die nach dem Krieg alleine die Landwirtschaft führten, von Familien und vielen Kindern, die in den Stockwerken aufwuchsen und vielleicht von der Erbauung des denkmalgeschützten Hauses. Denn schon das war eine Besonderheit.
333 Jahre hat das Gemäuer auf dem Buckel und damals wurde es wahrscheinlich von einem so genannten Brennertrupp gebaut, wie der heutigen Eigentümer Mathias Wehinger herausfand. Dies waren meist 20 bis 30 Zimmermänner, die beispielsweise für einen Hausbau für eine bestimmte Zeit in einen Ort kamen. Da es im Normalfall nicht so viel Bier in einem Ort für die Männer gab, bekamen sie Branntwein und so kamen sie zu ihrem Namen.

Ein Fachwerkdetail im Giebel, wie man es innen sieht. Außen haben Voreigentümer Platten zur Dämmung verbaut.
Foto: Wilfried StrohmeierDas Fachwerk der Giebel wurde wohl auf dem Boden zusammengefügt und danach aufgerichtet. Als es in der Senkrechten stand, wurden Feldsteine, die teilweise behauen waren, verbaut. Das Haus hat keine gerade Wand und keinen waagerechten Fußboden. „Beim Kühlschrank musste ich zwölf Zentimeter ausgleichen“, erinnert sich Mathias Wehinger an den Einbau der Küche.

Etwas niedrig ist mancher Türrahmen im Haus.
Foto: Wilfried StrohmeierDas Gemäuer war bis auf wenige Jahre durchweg bewohnt, erklärt Mathias Wehinger. Vergessene Schätze oder ähnliches wurden nicht gefunden. Dafür gab es bei Sanierung und Renovierung des Hauses doch die eine oder andere Überraschung. Ein Mal waren es mehrere Lagen OSB-Platten, das andere Mal mehrere Schichten Teppichboden. Das half früheren Eigentümern auf jeden Fall auch, das Haus abzudichten und zu isolieren. Es muss einigen Bewohnern doch recht zugig gewesen sein, denn im Westgiebel dichteten sie die Fugen zwischen Fachwerk und Mauer mit Silikonmasse ab. Das man heute nur schlecht wieder entfernen kann.

Auf dem Jakobsweg lernten sich Mathias und Andrea Wehinger kennen. Die Fliese mit der Muschel hatte das Haus schon, als sie es erstmals besichtigten.
Foto: Wilfried StrohmeierEigentlich müsste man solche Fugen mit Stopfhanf abdichten. Das hat Mathias Wehinger auch an einigen anderen Stellen getan. Man könnte dazu auch Schafswolle verwenden, erklärt seine Frau Andrea, doch diese werde gern mal lebendig – sprich es schlüpfen Maden aus. Als weiteren natürlichen Baustoff verwendete das Ehepaar Lehmputz.
Vieles selbst saniert
In einem anderen Fall wurden die OSB-Platten auf dem Boden entfernt, mit dem Ergebnis, dass die Decke nach unten wegbrach. Mathias Wehinger macht so gut wie alles selbst. Müsste er auf Handwerker warten, so würde er unter Umständen lange warten, und sie wären heute vermutlich noch nicht so weit im Haus.
Das Heizen im Winter ist auf jeden Fall immer wieder Thema. Je nach Winter benötigt es 20 bis 30 Ster Holz für die Kamine, um das Haus warm zu bekommen. Will die Familie für ein paar Tage weg, so muss sie dies ein bisschen organisieren und auf Freunde sowie Familie setzen, die immer mal wieder Feuer im Kamin entzünden. „Wer heizt denn heutzutage noch so, das muss man wollen“, meint Andrea Wehinger mit einem Lächeln, und: „Es braucht mehr Planung.“ Es werde auch nicht jedes Zimmer beheizt. So hat das Elternschlafzimmer um die frische zwölf Grad Celsius im Winter. Insgesamt sei es ein sehr trockenes Haus mit wenig Luftfeuchtigkeit, erzählt Andrea Wehinger. Im Winter werde oft auf dem Herd ein Topf mit Wasser gekocht, einfach um das Raumklima zu verbessern.
Keine Standardmöbel
Es benötigt auch in manchem Raum individuelle Möbel, so beispielsweise in einem der Kinderzimmer unterm Dach. Dieses ist so verwinkelt, dass Mathias Wehinger die Möbel extra anfertigen musste. Und auch die Bretter die schmale Stiege hinauf zu bringen, war eine Herausforderung.
Pilgermuschel ein Zeichen
Mathias und Andrea Wehinger lernten sich auf dem Jakobsweg kennen, den sie beiden unabhängig voneinander gingen. Sie stammt aus Essen, er aus Unterbaldingen und Andrea zog in den Südwesten Deutschlands. Später wollten sie ein Sabatical machen und ein Jahr nach Griechenland gehen. Doch dann kam Corona und die Pläne wurden durchkreuzt. Auch stand die Frage im Raum: Wohin geht man nach dem Jahr? Andrea Wehinger wollte eine Wohnadresse haben. Zu diesem Zeitpunkt stand das Haus in Oberbaldingen zum Verkauf. Was ihnen sofort ins Auge fiel: Die Fliese mit der Jakobsmuschel, die rechts der Eingangstür schon an der Wand befestigt war. Deswegen sagen die beiden auch: „Das Haus hat uns gefunden.“