AOK-Chef der Region im Interview: Hausarzt als Schlüssel zur Top-Medizin im Schwarzwald-Baar-Kreis?

Harald Rettenmaier blickt mit Spannung auf den Wahlkampf, wo auch die Gesundheitsversorgung aktuell heiß diskutiert wird.
AOK Schwarzwald-BaarDie Gesundheitsversorgung avancierte zu einem der Top-Themen im Kreis und ist auch im Wahlkampf präsent. Viel diskutiert ist die baden-württembergische so genannte Hausarztzentrierte Versorgung (HZV), bei welcher der Hausarzt in allen Fällen die erste Anlaufstelle für den Patienten ist und die als Vorbild für Deutschland dienen könnte.
Weniger Doppeluntersuchungen, weniger und kürzere Krankenhausaufenthalte, weniger Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten werden gerne als Vorteile aufgeführt. Das soll Patienten dazu bewegen, einen Hausarztvertrag abzuschließen.
Doch wie blickt der Geschäftsführer der AOK Schwarzwald-Baar-Heuberg Harald Rettenmaier eigentlich auf das Thema? Und was erwartet er jetzt von der Politik? Wir hakten im Interview nach.
Herr Rettenmaier, der Koalitionsvertrag sieht ein bundesweites Primärversorgungsmodell vor – was heißt das konkret?
Konkret heißt das, dass Patientinnen und Patienten künftig zuerst eine feste hausärztliche Anlaufstelle aufsuchen, die die Behandlung koordiniert und bei Bedarf an Fachärzte oder Kliniken weiterverweist. Mit dem Modell der „Hausarztzentrierten Versorgung (HZV)“ hat Baden-Württemberg faktisch bereits ein Primärversorgungsmodell mit vielen Vorteilen etabliert, das als Beispiel und Impulsgeber dienen kann.
Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist stark ländlich geprägt. Wie gut funktioniert hier hausärztliche Steuerung in Ihren Augen im Alltag – gerade außerhalb des Oberzentrums Villingen-Schwenningen?
Durch den demografischen Wandel erreichen in den kommenden Jahren viele Hausärztinnen und -ärzte das Rentenalter. Gleichzeitig steigt der Behandlungsbedarf einer älter werdenden Bevölkerung. Mit Blick auf die Landtagswahlen ist mir daher wichtig, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die Primärversorgung weiter zu stärken. Dazu gehören die Aufwertung der Allgemein- und Kindermedizin in Studium und ärztlicher Ausbildung ebenso wie ein Ausbau des Landärzteprogramms. Zudem brauchen wir eine gezielte Einbindung der unterschiedlichen Gesundheitsberufe, um Ärztinnen und Ärzte zu entlasten.
Die Evaluationen zeigen weniger Notaufnahmen und Rettungsdiensteinsätze bei Patienten mit Hausärztevertrag. Entlastet das spürbar auch die Krankenkassen?
Die unabhängigen Evaluationen zeigen eine bessere Versorgungsqualität in der HZV im Vergleich zur Regelversorgung – bei gleichzeitig niedrigeren Kosten. Über alle Versorgungsbereiche hinweg lagen die Gesamtausgaben für HZV-Versicherte im Jahr 2021 um 4,3 Prozent unter denen der Kontrollgruppe. Dieser Unterschied ist vor allem auf geringere Ausgaben im stationären Bereich sowie bei den Arzneimitteln zurückzuführen.
Viele Hausarztpraxen im Kreis arbeiten am Limit. Ist die HZV für diese Praxen nicht eher eine zusätzliche Belastung?
Der HZV-Vertrag stärkt in einer zunehmend schwierigen Versorgungssituation – insbesondere auf dem Land – umfassend die Rolle der Hausärztinnen und Hausärzte und er ermöglicht für den steigenden Anteil chronisch kranker und multimorbider Patientinnen und Patienten eine strukturierte Versorgungsteuerung. Ärztinnen und Ärzte in HZV-Praxen werden durch speziell ausgebildete Versorgungsassistentinnen entlastet, die bestimmte Aufgaben wie die Wundversorgung übernehmen können. Durch die vereinfachte Abrechnung in der HZV gewinnen die Ärztinnen und Ärzte zudem Zeit für Beratung und Behandlung.
Chronische Erkrankungen wie Diabetes sind auch im Schwarzwald-Baar-Kreis weit verbreitet. Können Sie konkrete Beispiele nennen, wie ein Hausärztevertrag hier zu besserer Versorgung beiträgt?
Die HZV-Evaluationen zeigen zum Beispiel bei Diabetikern signifikant weniger schwerwiegende Komplikationen wie Amputationen und Schlaganfälle und sogar eine längere Lebenserwartung. Mitverantwortlich dafür sind die gestärkte Lotsenfunktion der Hausärztinnen und Hausärzte sowie sehr wahrscheinlich die höhere Teilnahme an Disease-Management-Programmen (DMP), die in der HZV gezielt gefördert wird. Die Versorgung wird so strukturierter und kontinuierlicher, was bei chronischen Krankheiten besonders wichtig ist.
Der Ärztemangel ist besonders in kleineren Gemeinden ein Thema. Macht die HZV den Schwarzwald-Baar-Kreis in Ihren Augen attraktiver für junge Hausärzte?
Ja, die Hausarztzentrierte Versorgung setzt neue Anreize für den Hausarztberuf. Ärztinnen und Ärzte in HZV-Praxen haben weniger bürokratischen Aufwand, dadurch mehr Zeit für Beratung und Behandlung. Zudem arbeiten in HZV-Praxen verstärkt nichtärztliche Berufsgruppen wie Versorgungsassistentinnen und Physician Assistants, deren Ausbildung und Bezahlung von den Vertragspartnern gefördert wird. Diese können delegierbare Aufgaben übernehmen und entlasten die Ärztinnen und Ärzte spürbar.
In der Studie der AOK im Land ist von weniger unkoordinierten Facharztbesuchen die Rede. Sind denn die Facharztbesuche so viel teurer als Besuche beim Hausarzt?
Bei den unkoordinierten Facharztbesuchen geht es weniger um Kosten, sondern vor allem um eine gute Steuerung der Versorgung. Der Hausarzt ist in vielen Fällen die richtige Anlaufstelle und kann den Großteil der Behandlungen eigenständig übernehmen. Spezialistinnen und Spezialisten sollten dann hinzugezogen werden, wenn ein entsprechender fachlicher Bedarf besteht. So wird auch gewährleistet, dass Patientinnen und Patienten gezielt an die passende Fachrichtung überwiesen werden. Dadurch kommen fachärztliche Kapazitäten – insbesondere in ländlichen Regionen mit geringerer Arztdichte – den Patientinnen und Patienten zugute, die sie wirklich dringend benötigen, und unnötige Wartezeiten werden vermieden.
Wie hoch ist die Beteiligung der AOK-Versicherten im Schwarzwald-Baar-Kreis an den Hausarztverträgen?
Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind rund 46 800 Versicherte der AOK in das AOK-Hausarzt-Programm eingeschrieben. Das sind circa 46 Prozent der Versicherten im Kreis. In ganz Baden-Württemberg sind mehr als zwei Millionen AOK-Versicherte eingeschrieben.
Welche Gruppen profitieren Ihrer Erfahrung nach am meisten?
Patientinnen und Patienten, die in die HZV eingeschrieben sind, erhalten eine intensivere und besser koordinierte Versorgung, was wissenschaftlich belegt ihre Lebensqualität und Lebenserwartung deutlich verbessert. Davon profitieren besonders ältere und chronisch kranke Menschen, die über 60 Prozent der HZV-Teilnehmenden ausmachen.
