Ärger um Chlorung des Trinkwassers
: Bad Dürrheimer stellen kritische Fragen

Die Chlorung des Wassers beschäftigt die Bürger sehr. Die Verwaltungen von Brigachtal sowie Bad Dürrheim und das Gesundheitsamt wollten Aufklärung geben.
Von
Martin Gruhler
Oberndorf
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Rund 200 Bürgerinnen und Bürger kommen zum Informationsabend zur Trinkwasserchlorung.

Martin Gruhler

Der Grund des Zusammenkommens: Mit der Inbetriebnahme des neuen Wasserwerks stellten zahlreiche Bürger einen starken Chlorgeruch des Trinkwassers fest – sowohl in Bad Dürrheim, als auch in Brigachtal, die beiden Gemeinden betreiben das Wasserwerk Schabelwiesen mit der Carixanlage gemeinsam.

Ziel war es, die Bürger im Dialog „offen zu informieren und dabei Zusammenhänge zum Thema verständlich zu erläutern und auf die Anliegen der Bevölkerung einzugehen“, so war vom Podium zu vernehmen. Es wurden in der zweistündigen Veranstaltung den durchaus unangenehmen Fragen gestellt.

Zur Versammlung waren in das Haus des Bürgers rund 200 interessierte Bürger gekommen. Neben den Bürgermeistern Jonathan Berggötz und Michael Schmitt waren Verantwortliche des Wasserwerks, des Gesundheitsamts sowie Mitarbeiter der Gemeinden gekommen.

Joachim Petelka erläutert die Vorgeschichte

Joachim Petelka, der im Bad Dürrheimer Rathaus die Leitung des Sachgebiets Tiefbaus inne hat, erläuterte zu Beginn der Veranstaltung umfassend das Thema. In einer Rückschau zeigte er die Entstehung des neuen Wasserwerks Schabelwiesen mit den ersten Entscheidungen im Jahre 2018 und dem Baubeginn 2021.

Auch Bauetappen wie etwa die Installierung der Carix-Wasserenthärtungsanlage in 2023 wurden aufgezeigt und die etappenweise Inbetriebnahme ab Ende 2024. Er erklärte die Leistungen des neuen Wasserwerks mit der Trinkwasseraufbereitung des Rohwassers aus den Tiefbrunnen Entenfang (Bad Dürrheim) und Oberried (Brigachtal) mit vier UF-Anlagen und einer UV-Anlage. Mit der Carix-Anlage wird das Trinkwasser von 25 Grad deutscher Härte (dH) auf ein Mittel von 8,4 dH enthärtet und dann auf die beiden Hochbehälter Kapfwald und Sallen gefördert.

Erläutert wurden durch den Tiefbauingenieur zudem die Auswirkungen durch das weiche Wasser in Verbindung mit der so genannten Transportchlorierung.

Reaktionen finden auch in Hausleitungen statt

In den kommenden Monaten würden sich Inkrustationen und ein mikrobiologischer Film in den Leitungen bilden. Das Chlor würde mit dem Film reagieren und eben den typischen Chlorgeruch hergerufen. Diese chemische Reaktion kann auch direkt in den Häusern, beispielsweise in installierten Wasserfilter erfolgen. Als Gründe für die Transportchlorierung nannte er die hygienische Vorsichtsmaßnahme und die dadurch ermöglichte Vermeidung von Verkeimung. Mit der Beigabe von Chor wäre ein Langzeitschutz des Transports und der Lagerung vor Kontamination gewährleistet. Die aktuelle Empfehlung des sei daher die Transportchlorung in den Rohren.

Gemäß der Trinkwasserverordnung seien für die Transportchlorung 0,1 bis maximal 0,3 Milligramm Chlor je Liter Trinkwasser erlaubt, was einen Tropfen Chlor pro 1000 Liter Trinkwasser bedeuten würde.

Als Maßnahmen gegen den Chlorgeruch empfahl er die Reinigung von Duschköpfen und Perlatoren an den Wasserhähnen mit Zitronensäure. Durch die Reduzierung der Wasserhärte können in vielen Fällen die Wasserenthärtungsanlagen in den Haushalten ausgebaut werden, so die Information weiter.

Bei ausbleibender Besserung bot er Hilfestellungen an, entweder unter wasserwerk@bad-duerrheim.de oder bauamt@brigachtal.de, gegebenenfalls seien auch Vorortbesuche möglich.

Aussagen von Tatjana Ritter, Gesundheitsamt

Dr. Tatjana Ritter, für das Trinkwasser zuständige Ärztin beim Gesundheitsamt Schwarzwald-Baar, meinte vor der Frage-Antwort-Runde: „Das Thema Chlor treibt schon um. Wir wollen niemanden ärgern, aber die Sicherheit ist einfach am wichtigsten.“ Sie verwies auf das Minimierungsgebot für die Eingabe von Chlor und dass dabei immer individuell in den Kommunen mit ihren verschiedenen Netzen abgewogen werden müsse.

Als engagierte Bürgerin stellte Birgit Strohmeier fest, das neben Luft und Boden das Wasser eben ein sehr hohes Gut sei. Sie verwies zum Thema Chlor auf die Gefahren für schwangere Frauen. Eine Antwort lautete, das Wasser vorher abzukochen.

Allergische Reaktion auf Chlor

Eine Frau berichtete von Ausschlag, Kopfjucken und Augenbrennen. Der Arzt hatte schon eine Cortisonbehandlung eingeleitet als das chlorierte Trinkwasser als Grund ausgemacht wurde. Auch die Angst um ein Krebsrisiko, wurde im Laufe des Abends angesprochen.

Dr. Tatjana Ritter (Gesundheitsamt) Sven-Eric Teuber und Joachim Petelka (beide Stadtverwaltung Bad Dürrheim) informieren über die so genannte Transportchlorung des Trinkwassers.

Foto: Martin Gruhler

Kritisiert wurde aus dem Saal heraus auch die vermeintlich mangelnd gegebenen Informationen zum Thema. Dieser Vorwurf wurde indes vom Bad Dürrheimer Rathauschef Berggötz zurückgewiesen, da durch das städtische Amtsblatt, mit der städtischen Webseite sowie durch Tageszeitungen eingehend informiert worden sei. Und obendrein erklärte er den Anwesenden. „Es gibt da nicht nur eine Bringschuld sondern auch eine Holschuld.“

Im Forum wurde ziemlich trocken erklärt, dass man sich wegen des Chlors wohl zukünftig nicht mehr die Zähne putzen könnte – außer man nutzt eben Mineralwasser.

Ein Anwesender stellte die gesetzlichen Empfehlungen in den Chlorvorgaben in Frage und sieht diese mit Lobbyinteressen verbunden. Auf dem Punkt gebracht: „Chlor ist Gift.“ Dafür gab es im Auditorium wie auch bei einigen anderen Aussagen im Laufe des Abends starken Beifall.

Vorwurf: Getrieben von Angst

Die Chlor-Prävention sieht Dr. Rainer Schnerch als völlig unnütz an und sieht bei den Entscheidungsträgern als Motivation für ihr Vorgehen: „Von Angst getrieben, um nicht nichts zu machen.“

Auch wurde aus dem Forum heraus hinterfragt, ob da Verantwortung einfach an die Hauseigentümer wegen des weicheren Wassers und damit den freigewordenen Ablagerungen und dem so genannten Biofilm übertragen würde.

Angeregt wurde im Saal einmal mit ganz hohen Druckeinsatz die Ablagerungen ein für alle mal zu beseitigen und damit sich den permanenten Chlorzusatz zu ersparen. Diese Idee wurde indes als technisch nicht möglich verworfen.

Joachim Petelka räumte ein, dass es eben mit dem Wasserwerk und mit der Carix-Anlage noch Kinderkrankheiten gäbe. Für solche Anlagen gäbe es keine Blaupausen.

Bürgermeister Berggötz sieht das neue Wasserwerk insgesamt mit vielen Vorteilen für qualitatives Trinkwasser verbunden. Für den 29. Juni lädt er nun die Bürger zum Tag der Offenen Tür dorthin ein.

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