30 Jahre Diakonieladen in Schwenningen
: So hat sich das Geben und Nehmen zum Erfolgskonzept entwickelt

Gebrauchte Kleidung und Haushaltswaren zum niedrigen Preis, egal ob aus Bedarfs- oder Nachhaltigkeitsgründen: Dieses Prinzip verfolgt der Diakonieladen schon seit 30 Jahren. Das anstehende Jubiläum gibt Anlass zurückzublicken – auch mit einem Gründungsmitglied.
Von
Mareike Kratt
Oberndorf
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Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen rund um Sigrid Seemüller (Erste von links) und Beate Beutler (Vierte von rechts) engagierten sich mit Freude und Elan im Diakonieladen.

Mareike Kratt

An manchen Öffnungstagen platzt der Diakonieladen in der Jakob-Kienzle-Straße aus allen Nähten. Erst am Vortag sei so viel los gewesen, dass die vier Mitarbeiterinnen im Verkauf zusätzliche Unterstützung von ihr gebraucht hätten, erzählt die Koordinatorin Beate Beutler, die eigentlich nicht direkt an der Front arbeitet, sondern sich um Dienstpläne und alles Organisatorische rund um die Einrichtung kümmert.

Bedarf ist hoch

Der Bedarf an gebrauchter Ware ist da, stärker denn je, machen Beutler und ihre Kolleginnen deutlich. Immer wieder in den vergangenen 30 Jahren, aber ganz besonders seit der Corona- und Energiekrise. „Die Menschen haben gemerkt, dass sie weniger Geld zur Verfügung haben“, nennt Beutler, die seit 2022 Leiterin ist, einen Grund.

Doch im Second-Hand-Prinzip hat die evangelische Kirchengemeinde in Schwenningen bereits vor 30 Jahren Potenzial gesehen. Um Eindrücke und Erfahrungen solch gemeinnütziger Einrichtungen zu gewinnen, erkundeten der damalige Pfarrer Kurt Seemüller sowie der Leiter der diakonischen Beratungsstelle, Reinhold Hummel, verschiedene bereits bestehende Diakonieläden in Baden-Württemberg.

Anfänge in Engelstraße

Was daraus in Schwenningen entstehen sollte, war der Diakonieladen auf einer kleinen Ladenfläche in der Engelstraße 24, der im März 1995 eröffnet wurde. Zu den ehrenamtlichen Gründungsmitgliedern, die bis heute noch – beziehungsweise wieder – aktiv sind, gehört auch Sigrid Seemüller. „Es hat ganz klein angefangen“, beschreibt sie den Start des Sozialprojekts, das damals von der Diakonie selber, mittlerweile von der Kirchenpflege der evangelischen Kirchengemeinde betrieben wird. Durch den Verkauf finanziert sich der Laden selber. Mit dem Gewinn wird zudem die Schuldner- sowie Schwangerenberatung der Diakonischen Beratungsstelle in Schwenningen gefördert.

Konzept nimmt Fahrt auf

Aus seinem Umfeld und Bekanntenkreis konnte das Ehepaar Seemüller schnell rührige Ehrenamtliche akquirieren und einen festen Mitarbeiterstamm aufbauen. Das Prozedere war und ist das Gleiche: Gebrauchte, aber gut erhaltene Ware – egal ob Damen-, Herren- oder Kinderbekleidung, Schuhe, Spielzeug, Haushaltswaren oder Dekoartikel – wird im Geschäft abgegeben und zu einem geringen Preis verkauft – damals allerdings „in einem viel geringeren Maß als heute“, erinnert sich Sigrid Seemüller.

„Da haben wir bestimmte Kleidung noch selber gestopft und gewaschen – und in der eigenen Wohnung sortiert.“ Heutzutage sei dies undenkbar. Nicht nur die Mitarbeiter wurden mehr, sondern auch die Kunden und die gespendete Ware.

Immer mit Eine-Welt-Laden zusammen

Ein größeres Ladengeschäft fand man 2006 in der Jakob-Kienzle-Straße 11, in der der Diakonieladen zusammen mit dem Eine-Welt-Laden noch heute beheimatet ist. Rund 80 Ehrenamtliche sind in verschiedenen Abteilungen und Teams, die jeweils von einer Leitung gesteuert werden, mittlerweile beschäftigt.

Sigird Seemüller (rechts) ist Gründungsmitglied und Vor-Vorgängerin von Beate Beutler, die den Diakonieladen seit 2022 leitet.

Foto: Mareike Kratt

Eine wichtige, aber höchst aufwendige Arbeit nimmt dabei das Sortieren der Kleidung ein. Man müsse jedes einzelne Stück herausnehmen, begutachten – und gegebenenfalls aussortieren.

Warenabgabe schwierig

Das Aussortieren und Entsorgen von unbrauchbarer Ware nehme immer mehr zu, beobachtet Beate Beutler mit Sorge. „Die Warenabgabe wird immer schwieriger.“ Teilweise würden sogar gesamte Nachlässe abgegeben – mit Artikeln, „die wir so nicht mehr verkaufen können“, erklärt die Koordinatorin und zeigt im Lager einen Haufen an blauen Säcken, der bis zu zwei Drittel an die Decke reicht. Alles aussortierte, nicht mehr verwendbare Ware von nur einer Woche.

Manchmal Einlassstopp

Was sich im Laufe der letzten 30 Jahre ebenfalls verändert habe, sei der Kundenstamm. Denn nicht nur Bedürftige kommen, um Second-Hand-Artikel zu kaufen. Ebenso Studenten sowie Menschen mit Nachhaltigkeitsgedanken – oder diejenigen, die fast täglich im Laden sind, um einfach zu schauen und mit anderen Kunden in Kontakt zu kommen, beobachtet Beate Beutler. Nicht selten gebe es Öffnungstage, an denen die Kunden vor dem Eingang Schlange stehen müssen – und sogar kurzerhand ein Einlassstopp vollzogen werden muss.

Älteste Mitarbeiten ist 85 Jahre alt

Bis zu 80 Verkäufe zeige die Kasse an einem Öffnungstag an, während bis zu 20 Mitarbeiter an einem Vormittag rund um den Diakonieladen beschäftigt sind. Die meisten helfen sogar mehrmals pro Woche. Die älteste Mitarbeiterin ist 85 Jahre alt und engagiert sich an drei Tagen. „Gerade die Älteren bringen sich wahnsinnig ein“, findet die Leiterin, die ebenso das gute Miteinander im Team hervorhebt. Derzeit habe man keine Personalnöte, irgendwann werde jedoch ein nicht unbedeutender Teil an Mitarbeitern aus Altersgründen wegbrechen.

Noch genießt auch Sigrid Seemüller ihre Tätigkeit im Diakonieladen, die sie in ihrer Funktion als Koordinatorin 2016 eigentlich schon aufgegeben hatte. Seit dem Wiedereinstieg vor rund drei Jahren kann sie zwei Aspekte aus Erfahrung sagen: „Es gibt immer genügend Arbeit.“ Und: „Ich bin froh, dass ich sie habe.“

Eine Jubiläumsfeier

Eine Würdigung ihres langjährigen Engagements erfahren Sigrid Seemüller und die weiteren Gründungsmitglieder im Rahmen einer Jubiläumsfeier am 12. April, die die Kirchengemeinde initiiert hat. Überhaupt soll das Engagement aller Mitarbeiter dann hervorgehoben werden, blickt Beate Beutler voraus. „Ohne sie geht es nicht. Sie sind das Herzstück des Diakonieladens.“

Der Diakonieladen

Die Öffnungszeiten
Der Diakonieladen ist Dienstag, Donnerstag und Freitag von 15 bis 18 Uhr, Mittwoch und Samstag von 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr offen. In dieser Zeit können auch Waren abgegeben werden.

Die Mitarbeit
Wer mitarbeiten möchte, kann sich bei Beate Beutler unter diakonieladen@ev-kirche-schwennningen.de melden. 

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