Phonomuseum in St. Georgen: Diskolichter erleben wie in den Goldenen Zwanzigern

Klaus Kaiser (links) und Holger Christmann stehen vor dem leuchtenden Heloisophon, alias dem „Wundertrichter“.
Louisa SpeicherBunte Lichter blinken und reflektieren im Spiegel, mit der Musik dazu fühlt man sich wie in einen Hollywood-Film katapultiert: Es ist das Disko-Grammophon aus den Goldenen Zwanzigern – das Heloisophon oder auch als „Wundertrichter“ bekannt – das einen zum Tanzen verleitet.
Dieses besondere Grammophon möchten die Museumsführer des Deutschen Phonomuseums, Klaus Kaiser und Holger Christmann, mehr hervorheben. Denn der Wundertrichter ist kein neuer Zuwachs im Museum in St. Georgen, sondern schon seit rund 14 Jahren zu bestaunen. Kaiser und Christmann berichten von dem bunt blinkenden Sammlerstück.
Fundstück aus Café „Löwen“ in Schönwald
Was sich wie eine Diskokugel dreht und in bunten Farben den Spiegel schmückt, war eine echte Innovation vor mehr als 100 Jahren. Das Heloisophon ist ein Sprechapparat mit Lichteffekten und fand meist seinen Anklang auf Feiern oder Tanzveranstaltungen. Manche Geschäfte stellten die Diskokugel auch in ihr Schaufenster, erzählen Christmann und Kaiser.
Der Wundertrichter selbst kommt aus nicht all zu weiter Entfernung – zuvor war es im Besitz des Café „Löwen“ in Schönwald. Das Café leihe dem Phonomuseum seit etwa 14 Jahren das Hingucker-Grammophon aus, berichten die Museumsführer. Seither steht es auch durchgängig in der Sammlung aus, nach vermehrter Anfrage möchte das Museum aber nun mehr Aufmerksamkeit auf seine Besonderheiten legen. „Wir wollen vor allem den Wow-Effekt, den der Wundertrichter bei den Leuten erzeugt“, betont Christmann. „Was ich spannend finde, ist, dass der Buchhalter von einem Restaurant oder einer Disko damals schnell feststellte, dass der Umsatz damit deutlich hochging – das war damals die direkte Bestätigung, dass der Wundertrichter gut ankam“, fügt er hinzu.
Mittlerweile mit Glühbirne
Als konkretes Highlight des Apparats nennen sie die Spiegel, in denen sich die Lichtstrahlen reflektieren. Wie bei einem damals üblichen Grammophon wurde die Schellackplatte abgespielt, nur dass zusätzlich der DJ eine Petroleumlampe oder Gaslampe anzündete und so eine mit Glassteinen versetzte Kugel, eine sogenannte „Ampel“, sich drehte und dadurch bunte, wandernde Lichtreflexe auf dem mit Spiegeln bestückten Schalltrichter erzeugte. Mittlerweile ist jedoch das Ausstellungsstück im Deutschen Phonomuseum mit einer Glühbirne ausgestattet. Das Lichter-Erlebnis erleben die Besucher trotzdem nach wie vor gleich.
Das Heloisophon wurde nur von einem einzigen Hersteller, laut Katalogblatt, gebaut – der Firma Ludwig Bracker in Hanau. Der Katalog von 1910 betitelte es als Automat mit Wundertrichter, erst später erhielt das Grammophon dann den Namen Heloisophon. 1920 lag der Preis für den komplett ausgestatteten Apparat bei 370 Mark – das sind heute geschätzt 1367 Euro. Der Trichter alleine kostete damals 220 Mark.
Eine Freundschaft mit dem Grammophon
Ein echter Zeitzeuge erinnert sich noch gut daran, wie der Wundertrichter damals für Begeisterung sorgte – Kurt Kaltenbach, der heute 98-Jährige erzählt in einem Schreiben von seinen Erinnerungen an das Grammophon, das in der Gaststube seines Vaters stand. Kaltenbach berichtet, dass sein Großvater das Grammophon wohl 1920 gekauft hat, er selbst erinnere sich erst an den Wundertrichter ab dem Jahr 1932, als er fünf Jahre alt war.
Er und seine Schwester mussten in der Gaststube die Schallplatten auflegen und das Spielwerk immer wieder aufziehen. „Die Gäste wollten Musik und tanzten in der kleinen Gaststube“, schreibt er in seinem Bericht. „Bestimmte Platten wurden immer gewünscht. ‚Oh Donna Klara‘, ‚Der kleine Gardeoffizier‘, oder ‚Der Kukukswalzer‘ – die Schlager jener Zeit.“
In seiner Erinnerung schreibt der 98-Jährige auch, er sei erst neulich im St. Georgener Phonomuseum gewesen. „Da steht es, eines unter vielen, und ich muss, gestehen, bei seinem Anblick habe ich feuchte Augen bekommen, so wie es eben ist, wenn sich zwei alte Freunde wieder sehen“, meint er über den „Windertrichter“.