Er legt gerne selbst Hand an
: Vom Bauernhof an die Hochschule Furtwangen

Zwischen Physik und Philosophie: Volker Bucher, Professor an der Hochschule Furtwangen, spricht über Realität und Teamwork. Projekt zur Sehfähigkeit im Alter: Ist die Brille bald passé?
Von
(red/pm)
Furtwangen
Jetzt in der App anhören
Prof. Dr. Volker Bucher neben einer Demopuppe, an der verschiedene aktive Implantate montiert sind, darunter auch Entwicklungen aus seinen Projekten – etwa ein Chip, der Blinden das Sehen ermöglicht.

Volker Bucher, Professor an der Hochschule Furtwangen, neben einer Demopuppe, an der verschiedene aktive Implantate montiert sind, darunter auch Entwicklungen aus seinen Projekten – etwa ein Chip, der Blinden das Sehen ermöglicht.

Hochschule Furtwangen
  • HFU-Professor Volker Bucher verbindet Physikleidenschaft mit Praxis – er leitet das Forschungszentrum Rottweil.
  • Er baute die Einrichtung mit auf, organisiert Ausbau und Reparaturen selbst und setzt auf Teamarbeit.
  • Zufallstreffer in Rottweil führte zu Laborräumen; 2016 eröffnete das Forschungszentrum und wächst weiter.
  • Projekt mit Tübingen und Ulm: motorisierte Linse nutzte Ringmuskel-Signal, Ältere sahen wie mit 15.
  • Bucher schätzt Freiheit an der Hochschule, koordiniert viele Projekte und plant weitere Industriekooperationen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Das Gespräch mit Volker Bucher beginnt bei einem kleinen Rundgang durch das Forschungszentrum Rottweil der Hochschule Furtwangen (HFU). Bucher hat neben seiner Tätigkeit als Professor für Oberflächentechnologie am Campus Schwenningen den Aufbau der Einrichtung begleitet. Als Leiter verantwortet er noch immer den Aus- und Umbau.

Aktuell entsteht ein Reinraum, den die Firma KLS Martin gestiftet hat, während in einem anderen Gebäudeteil alte Computer ausgemistet werden, um Platz für Neues zu schaffen. „Ich bin nicht nur an der Tiefe der Physik interessiert, sondern auch von der praktischen beziehungsweise technischen Umsetzung fasziniert. Ich lege gerne selbst Hand an“, berichtet Bucher. An einer der vielen Maschinen im Forschungszentrum hat er die Verkabelung selbst übernommen und sie so repariert. Angefangen hat alles mit einem Physikstudium. „Ich hatte einen wirklich guten Physiklehrer in der Schule, und er ist schuld daran, dass ich diese Studienwahl getroffen habe“, erinnert sich Bucher.

Studiert hatte er zunächst in Stuttgart, nach dem Vorstudium wechselte er nach Tübingen – um sich damals mit Angewandter Physik schon ins Praktische auszurichten. „In der Angewandten Physik kommt noch ein philosophischer Aspekt dazu, den ich mitverstehen wollte: Was ist eigentlich Realität?“, erklärt Bucher und führt aus: „Es gibt eine Realität, und sie kann gestaltet werden.“ Den Beweis liefert für ihn das Forschungszentrum Rottweil. „Irgendwie habe ich es geschafft, mein Team so zu begeistern, dass sich hier alles so weiterentwickeln konnte. Es gab dabei auch viele Zufälle, wobei ich den Begriff so verstehe, dass einem etwas zufällt. Ohne diese Zufälle hätte es das Zentrum nicht gegeben“, berichtet Bucher.

Wertvolle Zufälle

2014 bewarb sich Bucher mit einem Konzept für einen Masterstudiengang „Mikromedizintechnik“ bei einer Ausschreibung des Landes Baden-Württemberg und erhielt eine Förderung zum Starten. „Ein Masterstudiengang ohne Forschung macht keinen Sinn, also mussten wir Räumlichkeiten dafür finden“, erinnert sich Bucher. Zufällig entdeckte er in seiner Heimat Rottweil das verlassene Gelände einer Firma, die Lacke herstellte. „Wir konnten die Räume mit Laborausstattung mieten und 2016 das Forschungszentrum eröffnen, das seitdem stetig weiterwächst“, sagt Bucher.

Das Zentrum bekommt regelmäßig Besuch von Schulklassen für forschungsnahe Praktika. Dabei können Bucher und sein Team auch das Berufsbild des Forschenden vorstellen und für die Wissenschaft begeistern. Buchers Weg an die HFU gestaltete sich stufenweise. Während seiner Promotion arbeitete Bucher am Naturwissenschaftlichen Medizinischen Institut (NMI) der Universität Tübingen. Nach einigen weiteren beruflichen Stationen, beispielsweise als technischer Vertrieb bei Plasma Electronic GmbH, wurde er schließlich Gruppenleiter für Mikromedizin- und Oberflächentechnik am NMI. „Die Idee des NMI war es, sich stärker mit der Medizintechnikregion zu vernetzen. So arbeitete ich mit 50 Prozent im NMI, die andere Hälfte der Zeit als Professor am damals neuen HFU-Campus in Tuttlingen“, sagt der Wissenschaftler.

2014 begann er am Campus Schwenningen in einer Vollzeitstelle als Professor für Oberflächentechnologie. „Eine große Motivation für meinen Wechsel aus der Industrie waren die Flexibilität und Freiheit, wieder selbst zu planen. Es gibt Tage, an denen ist man kreativer, und ich kann jetzt selbst entscheiden, wann ich was mache“, freut sich Bucher. „Das versuche ich auch an meine Mitarbeitenden weiterzugeben, sie kriegen von mir Aufgaben und können sie bearbeiten, wie es zu ihnen passt. Wenn sie Unterstützung brauchen, bin ich da.“

Die Stärke eines Teams

Tägliche Kontrollen wären nicht nur gegen Buchers Führungsstil, sondern auch schwer umzusetzen, denn er wechselt häufig zwischen den Standorten und ist viel und gerne unterwegs. „Ohne mein Team wäre ich nichts. Zum Beispiel könnte ich keine Projekte realisieren“, merkt Bucher an. Und Projekte gibt es aktuell einige. Nach einer kurzen Suche in seinem Computer verrät er: „Gerade laufen sieben Forschungsprojekte, wir haben sechs Anträge gestellt und bereiten derzeit vier weitere vor.“ Neben seinem Team hilft Bucher auch einem besonderen Talent aus Kindertagen dabei, den Überblick zu behalten. „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, dort gab es harte ‚Deadlines‘, beispielsweise fürs Heu einfahren oder Kühe melken. Ich war aber immer an anderen Dingen interessiert, und so musste ich überlegen, wie ich meine Interessen und Verpflichtungen unter einen Hut bekomme. Dieses Talent der Mehrfachanforderung habe ich mir bis heute bewahrt“, sagt der Forscher.

Mit diesem Talent behält Bucher nicht nur seine Projekte, sondern auch aktuelle Entwicklungen im Auge, nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinn. Der Forscher ist an einem Projekt mit der Uniklinik Tübingen und der Uni Ulm beteiligt, bei dem es um die Sehfähigkeit im Alter geht. Bucher forscht daran, wie man das Signal des Ringmuskels, der die im Alter immer steifer werdende Linse nicht mehr verformen kann, für eine künstliche Linse nutzen kann. „Mit einer motorisierten Linse konnten die 80-jährigen Versuchspersonen wieder sehen wie mit 15. Damit könnten Brillen in Zukunft bald der Vergangenheit angehören“, berichtet Bucher stolz.

Was bleibt, ist Energie

„Aktuell faszinieren mich quantenphysikalische Effekte“, sagt Bucher und denkt dabei an die Tatsache, dass es physikalisch gesehen keine kleinsten Teilchen gibt, sondern letztlich nur Energie bleibt. „Für die Industrie bedeutet das neue Möglichkeiten wie Quantencomputer, -sensorik und vieles mehr“, zählt Bucher auf. Ein Forschungskonsortium hat ihn auch schon für ein gemeinsames Projekt rund um Quanten angesprochen, das Bucher gerne zugesagt hat. Einen Ausgleich zu seinen beruflichen Auseinandersetzungen mit der Realität bietet Bucher sein Hobby – das Hornspielen. „Mit Musik kann ich gut abschalten und Energie tanken. Ich spiele, seit ich 13 bin, und bin Mitglied im Landesblasorchester Baden-Württemberg“, erzählt er.

Wie im Orchester braucht Bucher an der Hochschule nicht nur das Gefühl für sein eigenes Instrument, sondern auch für das große Ganze. Neben vielen Projekten plant er weiter an der Zukunft des Forschungszentrums. Er verrät: „Ich möchte noch viele Kooperationen zwischen der Industrie und dem Forschungszentrum in die Wege leiten, um die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis weiter aufzubauen.“

Die HFU ist eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften; deshalb verfügen Professorinnen und Professoren über langjährige Erfahrung aus der Praxis.

Das Schwarzwälder BAARometer
Montag - Freitag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis Montag bis Samstag im kompakten Überblick.