Schramberger Familiengeschichte: Was diesen Musiker in die Stadt führte

István Deréky vor der Grabtafel seines Vorfahren Reichsfreiherr Johann Friedrich von Bissingen (1601 bis 1663) in der katholischen Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt.
Carsten Kohlmann- Ein Musiker besuchte Schramberg wegen seiner Familiengeschichte, nicht wegen eines Konzerts.
- István Deréky sah Grabtafeln seiner Vorfahren in Kirche, Schloss und Falkensteiner Kapelle.
- Er stammt aus der ungarischen Linie der Grafen von Bissingen und Nippenburg und lebt in England.
- Nach dem Krieg verlor die Familie Besitz im Banat, die Mutter reiste 1964 nach Österreich aus.
- Deréky schenkte dem Stadtarchiv eine Leder-Mappe von Graf Ernst von Bissingen und Nippenburg.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Auch in diesem Jahr kann Schramberg wieder einige Besucher in der Ferienzeit begrüßen. Einer von ihnen war in den vergangenen Tagen ein ganz besonderer Gast: der in Ungarn geborene, in Österreich aufgewachsene und heute in England lebende István Deréky. Er stammt aus der in Schramberg wenig bekannten ungarischen Linie der Grafen von Bissingen und Nippenburg und wollte schon lange die alte Heimat seiner Familie im Schwarzwald sehen.
Auf den ersten Blick erschien der Gast eher wie ein englischer Musiker auf Deutschland-Tournee. Unter seinem Künstlernamen „István Etiam“ tritt er in seiner heutigen Heimat mit selbst komponierten Liedern zu den Themen „Faith“, „Love“ und „Hope“ auf und hatte deshalb auch zwei Gitarren im Reisegepäck. Auf der Durchreise von England nach Österreich und Ungarn kam er nach Schramberg allerdings nicht wegen eines Konzerts, sondern wegen seiner Familiengeschichte, in der sich beispielhaft das Schicksal einer osteuropäischen Adelsfamilie im 20. Jahrhundert zeigt.
Elfte Generation
Bewegt stand er als Nachkomme in der elften Generation vor der Grabtafel seines Vorfahren, Reichsfreiherrn Johann Friedrich von Bissingen (1601 bis 1663), in der Katholischen Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt. Er besuchte das Schloss von Graf Cajetan von Bissingen und Nippenburg (1806 bis 1890) mit der Dauerausstellung „Adelsherrschaft“ im heutigen Stadtmuseum sowie die Falkensteiner Kapelle mit der Grablege der Adelsfamilie.
Dort erinnern seit Kurzem zwei Gedenktafeln an die beiden letzten Mitglieder der mittlerweile ausgestorbenen ungarischen Linie: Rudolf Graf von Bissingen und Nippenburg (1920 bis 1999) und seine zuletzt verstorbene Ehefrau Beatrix Gräfin von Bissingen und Nippenburg (1923 bis 2024), die das hohe Alter von 101 Jahren erreichte.

Erinnerungsstück an Gräfin Elisabeth von Bissingen und Nippenburg (1886 bis 1974): Eine Muschel mit dem Wappen der Adelsfamilie, hier mit den beiden Greifen aus dem Wappen als Schildhaltern.
privatUnd überall begegnete István Deréky dem eindrucksvollen Wappen der Adelsfamilie, das ihm seit Kindesbeinen bekannt ist und aus dem auch der Greif mit dem Schwert im Wappen der Stadt Schramberg stammt. Eine Muschel mit dem Wappen, die seiner Tante Erzsébet (Elisabeth) von Bissingen und Nippenburg (1886 bis 1974) gehörte, ist ihm bis heute ein kostbares Erinnerungsstück an einen besonders wichtigen Menschen in seinem Leben. Er liebte seine Tante, die ihm viele Geschichten erzählte, und reiste nach Schramberg, weil er eine „Wallfahrt“ zu ihrem Grab gelobt hatte – das sich allerdings nicht hier befindet.
Besitz verloren
Zur Teilung der Adelsfamilie in eine schwäbische und eine ungarische Linie kam es im Jahr 1834, als Graf Ernst von Bissingen (1774 bis 1835) seine schwäbischen Besitzungen mit seinem Bruder Graf Cajetan von Bissingen und Nippenburg tauschte. Die ungarische Linie der Adelsfamilie war reich verzweigt. Ihren Sitz hatte sie in den Herrschaften Jám, Csorda, Mercsina und Udvárszállas im Banat – heute in Rumänien, südlich von Temeswar und nicht weit von der Grenze zu Serbien entfernt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Familie wie alle Adelsfamilien unter kommunistischer Herrschaft ihre Besitzungen. 1964 konnte die verwitwete Mutter von István Deréky, Maria Theresia Deréky (1913 bis 2009), nach mehrjährigen Bemühungen nach Österreich ausreisen. Sie kamen in Salzburg bei einer Verwandten aus der sehr namhaften ungarischen Adelsfamilie Vetsera unter und konnten in Freiheit ein neues Leben beginnen.
Tontechniker und Steuerfahndung
István Deréky legte in Salzburg das Abitur ab und reiste danach durch Europa, wo er seine Frau kennenlernte. Seit 1982 lebt er in England. Beruflich jobbte er zunächst in der Gastronomie, bevor er über eine Berufsausbildung zum Tontechniker zu einer Stelle bei der BBC mit Aufgaben in verschiedenen Archivabteilungen kam. Zuletzt ging er als Mitarbeiter eines Finanzamts in der Steuerfahndung in den Ruhestand.
Im Unruhestand geht er seiner Liebe zur Musik nach und pflegt die Kontakte zu seiner Familie und seinen Freunden in England, Österreich und Ungarn.
Für das Stadtarchiv hatte István Deréky ein besonderes Geschenk im Gepäck: eine Dokumentenmappe aus Leder mit dem Namen „Ernst“, die wohl seinem Urgroßvater, Graf Ernst von Bissingen und Nippenburg (1854 bis 1917), gehört hat. Nun ist sie in Schramberg zu einem Erinnerungsstück an die ungarische Linie der Adelsfamilie geworden.