Pilar Buira Ferre ist tot.: Tanz als Ausdruck menschlicher Empfindungen

Pilar Buira Ferre bei einer Tanzperformance im Rosenhof.
Jürgen ScharfEs war ihr Schwanengesang. Das Stück „Stille in RosaRot“, aufgeführt im vergangenen Dezember im Werkraum Schöpflin von ihrem Tanztheater-Ensemble „Vis-a-vie“, war die letzte Choreografie von Pilar Buira Ferre. Sie handelte von Geschichten über Leben und Tod: ein berührender Tanz voller Mystik, Poesie und Symbolkraft.
„Tanz ist Leben. Leben ist Tanz“ - dieser Gedanke zog sich bis zuletzt durch das Leben von Pilar Buire Ferre. Ihr Vermächtnis sind unvergessene internationale Tanzfestivals, innovative Tanzprojekte für Menschen ab 40 Jahren, außergewöhnliche Performances in freier Natur.
Mit ihrer Persönlichkeit, die so viel Zugewandtheit, Herzlichkeit, Spontaneität und Offenheit ausstrahlte, holte sie die große weite Tanzwelt ins Kleine Wiesental. Von überall her pilgerten die professionellen Tänzer und das Tanzpublikum ins idyllisch-dörfliche Schwand. Die Hausherrin verwandelte den Rosenhof in ein faszinierendes Zentrum für zeitgenössischen Tanz und einen magischen Ort für Begegnungen.
Geboren 1961 im spanischen Lleida, studierte sie Tanz in ihrer Heimat, in Cannes, Paris, Buenos Aires und an der renommierten Folkwang Schule Essen, wo sie geprägt wurde von ihrer Lehrerin Pina Bausch.
1986 kam „Pilar“, wie sie alle nannten, nach Deutschland, war mehrere Jahre Dozentin für modernen Tanz und Choreografie an der Folkwang Schule und beim Theater Total in Bochum. 1999 ließ sich die weltoffene Katalanin mit ihrer Familie auf dem Rosenhof nieder und gründete den „Kulturraum Rosenhof“, wo sie Konzerte im häuslichen Musiksaal, Kunsthandwerkermärkte im Innenhof, Kunstausstellungen und vor allem internationale Festivals für zeitgenössischen Tanz veranstaltete.
Anfangs fanden die Tanzfestivals in der Kulturscheune statt. Als diese 2010 abbrannte, ließ sich die Künstlerin nicht entmutigen. Noch eindrücklich in Erinnerung ist, wie sie auf den Brandruinen der Scheunenmauer eine Tanzperformance wagte - voller Trauer, aber auch Hoffnung und Zuversicht.
Für das Tanztheater wurde fortan im Sommer eine Open-Air-Bühne im Garten des Rosenhofs aufgebaut für die gastierenden Tänzer und Schauspieler aus aller Herren Länder. Was man da zu sehen bekam, hatte Großstadtniveau. Und immer mittendrin: Pilar Buira Ferre als Herz, Kopf und Seele des Ganzen.
Für jeden Tänzer und für ihr Publikum hatte sie stets ein strahlendes Lächeln, eine warmherzige Umarmung und eine Blume in Händen.
Immer wieder gab sie neue Impulse mit ihrer unermüdlichen Kulturarbeit. 2010 initiierte sie das bemerkenswerte Projekt „In-Zeit-Sprung“ für Leute ab 40 Jahren, die keine Tanzerfahrung hatten. Jedes Jahr, bis zur letzten Ausgabe im Vorjahr, brachte sie mit der jeweiligen Gruppe ein selbst entwickeltes Stück heraus.
Ihre Tanzgruppen führte auch mit anderen künstlerischen Disziplinen wie Malerei, Skulptur, Gesang oder Schauspiel zusammen. Mit ihrer Compagnie „Vis-a-vie“ realisierte sie vielschichtige Choreografien wie „Citoyen“, die sich um das Menschsein in allen Facetten drehten.
Tanz als Ausdruck menschlicher Situationen und Empfindungen: Das spiegelte Pilar Buira Ferre in ihren Choreografien. So tanzte sie mit ihrer Enkelin Anna in speziellen „Lost Places“. Drei Sommer lang zog sie mit ihrem Tanzfestival „Tanz-Kultur-Dialog“ in den Weideschuppen nach Wies, den sie zur Tanzbühne umfunktionierte.
Auch Land Art floss in ihre kreativen Ideen ein. So etwa in dem Tanzprojekt „100 Frauen“, die in Schwand auf einer Wiese am Waldrand zu einer Performance zusammenfanden. Beliebt und gut besucht waren immer ihre regelmäßigen Sommer-Tanz- und Zirkuscamps für Kinder. Da ihr die Zusammenarbeit mit anderen Initiativen Freude machte, beteiligte sich der Rosenhof am Kulturparcours „Offene Höfe“ auf der Sonnenterrasse im Kleinen Wiesental.
Viel Kraft kostete sie der Bau eines Mehrgenerationen-Wohnprojekts, weshalb Pilar Buira Ferre ihr Kulturprogramm in der letzten Zeit stark reduzierte.
Neben ihren vielen Aktivitäten als Choreografin hat sie zuletzt zwei Publikationen im Rosenhof-Verlag veröffentlicht: den Fotoband „Humus“ über die Kultur in der Natur des Kleinen Wiesentals als Dokumentation eines Projekts, das nicht mehr auf die Bühne kam, sowie den Band „Die Geografie einer vergänglichen Geste“, in dem sie Worte, Aphorismen und Gedanken auf deutsch und spanisch gesammelt hat.
Für die Tanzszene, die Kulturgemeinschaft in der Region und ihre vielen Freunde ist der Tod von Pilar Buira Ferre ein großer Verlust. Denn da geht eine Ära zu Ende.
Die Trauerfeier findet am Mittwoch, 8. April, 14 Uhr, auf dem Friedhof in Ried statt.