Unsere Besten: Ralf Broß: „Rottweil bleibt aber meine Heimatstadt“

Ralf Broß (rechts) als Rottweiler Oberbürgermeister bei der Einweihung des Testturms 2017
Nädele/Patrick NädeleRalf Broß, 1966 in Rottweil geboren, ist seit seinem Abschied als OB geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städtetags Baden-Württemberg. Eine fordernde Aufgabe, die ihn mindestens unter der Woche kaum Zeit für seine ehemalige Wirkungsstätte lässt. Dennoch: „Rottweil ist nach wie vor präsent, auch wenn ich unter der Woche in Stuttgart arbeite. Durch meine Aufgaben im baden-württembergischen Landesverband bin ich viel im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen in den andern Bundesländern. Da wir ein Europabüro der kommunalen Spitzenverbände unterhalten, führt mich die Arbeit oft nach Straßburg oder Brüssel. Rottweil bleibt dabei aber meine Heimatstadt, der ich emotional sehr verbunden bin“, sagt Broß.
Zupfärmeldemokratie bleibt wichtig
Klar also, dass er sich „immer über persönliche Begegnungen und den Austausch mit den Menschen“ freut. Und: „Die Zupfärmeldemokratie habe ich nicht abgelegt. Mit Interesse verfolge ich auch neue Entwicklungen in der Stadt und natürlich auch die Umsetzung und den Fortschritt der Projekte, die in meiner Amtszeit initiiert oder auf den Weg gebracht wurden.“
TKE-Testturm während Broß Amtszeit verwirklicht
Der TKE-Testturm auf dem Berner Feld ist so ein Projekt, das unter seiner Führung in Rottweil verwirklicht wurde. Auch die lange Suche und schließlich die Entscheidung in Sachen JVA-Neubau hat er hier als Oberbürgermeister durchlebt.
Stadt entwickelt sich immer weiter
„Eine Stadt entwickelt sich immer weiter und ist nie an einem Punkt angelangt, der das Ende einer Entwicklung markiert“, ist ihm klar. „Von daher wird es immer Dinge geben, die man selber nicht bis zur Fertigstellung begleiten kann. Städtebauliche Projekte etwa, die in der Regel eine lange Vorlaufzeit haben, in der die Grundsatzentscheidung reift, die Beschlüsse gefasst werden, die Planung konkretisiert wird und die Umsetzungsphase startet. Nehmen Sie die Auseinandersetzung über und die Zustimmung zum Neubau der JVA, die weite Phasen meiner Amtszeit von Anfang seit 2009 geprägt hat. Entscheidend für Stadt und Bürgerschaft war die Zustimmung im Bürgerentscheid, für die wir mutig und überzeugend neue Wege gegangen sind. Das war die wirkliche Herausforderung.“
Projekt Fußgängerhängebrücke entwickelte sich über langen Zeitraum
Ähnliches gelte für die Fußgängerhängebrücke, erinnert Ralf Broß, „für die wir 2017 mit einem ebenfalls gewonnen Bürgerentscheid und dem Planungsrecht die zentralen Weichenstellungen ermöglichen konnten, sowie die Landesgartenschau, deren Zuschlag wir in meiner Amtszeit zu Ende gebracht haben“. Dass sein Entschluss zum Wechsel zum Städtetag mitten in die zweite Amtszeit als OB gefallen ist und daher mit seinem vorzeitigen Abschied verbunden war, bedauert der 59-Jährige aber nicht. Auch wenn das bedeutete, dass er das Projekt Landesgartenschau nicht mehr selbst zu Ende bringen kann: „Die Umsetzung liegt jetzt in anderen Händen, in denen sie sicher aufgehoben ist.“
Heute prägen andere Themen den Arbeitsalltag
Heute bestimmen andere Themen seinen Arbeitsalltag: „Der baden-württembergische Städtetag vertritt die Interessen der Städte gegenüber der Landesregierung und dem Landtag und unterstützt seine Mitglieder in einem breiten Netzwerk. Diese Aufgabenstellung ist Programm.“ Ein Programm, das Ralf Broß aus seiner Zeit als Rottweiler Oberbürgermeister mitunter kennt – jetzt aber von einer anderen Warte aus beackert. „Inhaltlich beschäftigen wir uns derzeit vor allem mit der dramatischen Finanzlage der Kommunen, deren Hauptproblem darin liegt, dass Bund und Land den Städten in den letzten Jahren zunehmend Aufgaben übertragen haben, ohne für eine ausreichende Finanzierung zu sorgen. Der Rechtsanspruch auf Ganztagesbetreuung, G9, die Digitalisierung von Schulen, die Regelversorgung in den Krankenhäusern: das sind alles wichtige Aufgaben. Aber eben nicht ausfinanziert. Darüber sprechen und verhandeln wir mit Vertretern der Landesregierung und der Ministerien.“ Darüber hinaus bringe der Städtetag Anregungen und Bedenken bei Gesetzgebungsverfahren des Landes ein, sofern kommunale Belange berührt sind. Etwa bei der anstehenden Novelle der Kommunalverfassung, ob Gemeinderatssitzungen grundsätzlich digital durchgeführt werden sollten. „Ich meine nein, da ein wesentliches Merkmal der Demokratie damit entfallen würde, nämlich die politische Debatte von Angesicht zu Angesicht“, sagt Broß, der zudem eben die Zupfärmeldemokratie schätzt.
Wohl der Kommune im Blick
„Bürgermeister haben einen hohen Qualitäts- und Serviceanspruch, stets das Wohl der Kommune im Blick, sind dem Gesetz verpflichtet und wollen so wenig wie möglich Angriffsfläche für Kritik bieten“, weiß er aus Erfahrung. „Was dabei zu kurz kommen kann, das sind Erprobungen von neuen Vorgehensweisen, Methoden und Instrumenten. Neue Wege zu gehen bedeutet, von Bewährtem abzuweichen, den Schritt in die Unsicherheit zu wagen, ohne zu wissen, ob man am angestrebten Ziel überhaupt ankommt. Immer mit der Gefahr des Scheiterns im Nacken.“
„Ich würde heute als OB noch mehr erproben“
Aus heutiger Sicht, mit der zusätzlichen Erfahrung aus seiner Arbeit beim Städtetag, bekennt er deshalb: Er würde heute als OB noch mehr erproben, mit neuen Ansätzen experimentieren und einfach tun. „Auch auf die Gefahr des Scheiterns hin. Dadurch entsteht eine Dynamik“, ist sich Ralf Broß sicher, „die neue und unvorhergesehene Perspektiven eröffnen kann, von der Stadt und Bürgergesellschaft am Ende profitieren“.
Neuer Blickwinkel durch neues Amt
Der Wechsel in ein neues Amt, zu einem neuen Blickwinkel, ist Ralf Broß nichts Unbekanntes. Immer wieder gab es die in seiner Laufbahn vom Landratsamt Ludwigsburg, wo er für den Geschäftsteil Infrastruktur zuständig war, dem Bauverwaltungsamt in Konstanz oder als Geschäftsführer der regionalen Wirtschaftsförderung Bruchsal GmbH, bevor er dann 2009 gleich im ersten Wahlgang die Oberbürgermeisterwahl in Rottweil gewonnen hat.
Weitere Funktionen
Sein jetziges Amt beim Städtetag bringt für ihn weitere Funktionen mit sich – etwa im Verwaltungsrat der L-Bank als Staatsbank für Baden-Württemberg, im Verwaltungsrat der Komm.ONE, im Aufsichtsrat der LBBW-Kommunalentwicklung oder auch als Vorsitzender des Beirats der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg GmbH.
Manche Kontakte und Freundschaften bleiben
Oberbürgermeister in seiner Heimatstadt zu sein, bringt aber Kontakte mit sich, die manchmal über das berufliche hinaus gehen – und eine Amtszeit überdauern können. „Viele der beruflichen Verbindungen waren naturgemäß eher dem Amt geschuldet“, räumt Broß ein. „Da verliert man sich recht schnell aus den Augen, wenn einen offizielle Anlässe nicht mehr zusammenbringen. Allerdings haben die persönlichen Freundschaften überdauert, auch in die Partnerstädte hinein.“
