Ferienprogramm in Rottweil: „Kinder an die Macht“ – in „Flottweil“ wird es zur Realität

Zahlreiche Gäste erscheinen bei der ersten Trauung in „Flottweil“.
Nadine JußekIn „Flottweil“ bestimmen die Kinder, was läuft: Sie wählen Bürgermeister und Bürgermeisterin, eröffnen Restaurants, machen Gesetze – und zahlen mit ihrer eigenen Währung.
Seit Beginn der Woche und noch bis Freitag, 8. August, übernehmen rund 400 Kinder die Kontrolle über ihre eigene kleine Stadt an der Stadt- und Stallhalle in Rottweil. Sechs- bis Zwölfjährige tauchen hier mit viel Fantasie in eine Miniwelt ein, in der sie das politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Miteinander selbst gestalten – begleitet von rund 70 Betreuern.
Gearbeitet wird täglich von 9 bis 16 Uhr – für einen Stundenlohn von sechs „Flottis“. Zwei davon gehen direkt ans Finanzamt. Steuern müssen in Deutschland schließlich sein – auch in einer Kinderwelt. Unserer Redaktion kommt der Lohn zunächst etwas mager vor. Das haben wohl auch manche Kinder so gesehen: Die Bank in „Flottweil“ wurde bereits zweimal ausgeraubt.
Betreuerin Nadine Jußek, die uns durch die Spielstadt führt, beruhigt jedoch lachend: „Nein, damit kommen sie schon sehr gut über die Runden.“ Nach den Dieben werde übrigens ebenfalls fleißig gesucht – mit Anreiz: Wer sie stellt, erhält 15 „Flottis“.
Und wer sich mit dem normalen Lohn nicht zufriedengibt, kann noch einen Meistertitel erwerben. Dann gibt es acht „Flottis“ pro Stunde. Den „Meister“ machen die Kinder bei der sozialen Einrichtung Solifer – dort lernen sie spielerisch, was Inklusion bedeutet.
42 Jobs, eine Währung und ein Arbeitsamt
An insgesamt 42 Spielstationen können sich die Kinder ausprobieren. Der Tag beginnt mit dem Gang zum Arbeitsamt – inklusive Bürgerausweis. Dann entscheidet jeder selbst: Bäckerei? Bauhof? Friseur? Auktionshaus? Oder doch lieber zur Musikwerkstatt? Oder ins Theater? Nadine Jußek berichtet stolz: „Einige haben sogar eigene Geschäftsideen verwirklicht – ein Tattoostudio wurde eröffnet und eine Diskothek auch.“ Leider sind beide bei unserem Rundgang geschlossen. Ärgerlich – aber auch irgendwie realistisch.
Demokratie mit Nebenwirkungen
Richtig ernst wurde es am Dienstag: Die Rottweiler Bürgermeisterin Ines Gaehn besucht die Spielstadt – und weiht die frisch gewählten Bürgermeisterin, Bürgermeister und den Gemeinderat in ihre Aufgaben ein. Politik liegt in der Luft – und offenbar auch etwas anderes, denn gleich zu Beginn warnt Jußek uns eindringlich: Die Krankheit „Flottitis“ sei in der Stadt ausgebrochen. Das Gegenmittel? Erst im Laufe des Tages verfügbar. Wir betreten „Flottweil“ also mit Vorsicht – was nicht leichtfällt, wenn direkt eine hitzig diskutierende Kinderschar den Weg versperrt.
Gemeinderat tagt: die Steuern steigen

Im Friseursalon werden die Preise erhöht.
Foto: Leroy Behrens„Der Gemeinderat tagt gerade“, erklärt Jußek. Kurz darauf folgt ein Beschluss mit Folgen: Alle Geschäfte sollen künftig eine Tagessteuer von 50 „Flottis“ zahlen. Ein Gemeinderatsmitglied begründet das trocken: „Sonst leben die wie die Könige.“ Eine Gegendemonstration kündigt sich bereits an.
Durch die eingeführte Tagessteuer erhöhen sich teilweise auch die Preise in „Flottweil“. So verlangt der Friseursalon künftig fünf statt ursprünglich zwei „Flottis“ für eine neue Frisur.
Und auch sonst herrscht in der Spielstadt reger Betrieb: Die Pizzabäcker sind fleißig am Werk, im Sandwichladen werden Brote geschmiert. Auch in der städteeigenen Redaktion wird schon fleißig am Blatt für den nächsten Tag geschrieben. Eine ernstzunehmende Konkurrenz für den Schwarzwälder Boten? „Mit ziemlicher Sicherheit“, meint Nadine Jußek schmunzelnd.

In der Redaktion wird bereits an der nächsten Ausgabe geschrieben.
Foto: Leroy BehrensAuch ein eigener Nachrichtensender berichtet täglich – gefilmt wird das Tagesaktuelle, präsentiert wird es jeden Morgen auf dem Marktplatz. Dort fand am Dienstag sogar eine Hochzeit statt und es soll nicht die letzte bleiben, wie Jußek erklärt.
Großer Abschluss mit Stadtfest
Am Freitag sind dann auch die Erwachsenen eingeladen – beim großen Stadtfest, das den Abschluss der Spielstadtwoche bildet. Eltern sind sonst eher ungern gesehen, abgesehen von den täglichen Stadtführungen ab 16 Uhr.
Zum Fest wird außerdem ein Theaterstück aufgeführt – laut Flottweiler Gerüchteküche handelt es sich um den „Grüffelo“. Man munkelt jedenfalls.
Die Kinder in „Flottweil“ machen ihren Job jedenfalls überraschend gut. Oder, um es mit einem bekannten Herbert Grönemeyer Lied zu sagen: „Kinder an die Macht.‘“