Superkolonie mit Millionen von Tieren
: Kehl kämpft gegen Ameisen-Invasion

Eingewanderte Insekten haben im Teilort Marlen eine sogenannte Superkolonie gegründet: Millionen von Tieren breiten sich immer weiter aus. Die Bekämpfung der invasiven Tiere kostet die Stadt mittlerweile viel Geld – und hilft bislang wenig.
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(red/ma)
Oberndorf
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Mitarbeiter einer Spezialfirma aus Hessen bekämpfen die Ameisen-Kolonie mit Heißschaum. Dieser wird unter Hochdruck in den Boden gestrahlt, um die tief liegenden Kammern der Insekten zu erreichen.

Stadt Kehl

Es krabbelt und wuselt auf dem Spielplatz im Kehler Teilort Marlen, die Grasspielfläche ist zu einem Gutteil umgegraben, an den Holzbalken, die die Sandfläche einfassen, haben sich dunkelgraue Ameisenstraßen und schwarze Ameisenknäule gebildet: „Tapinoma magnum“ heißt das schwarze Krabbeltier, das zahlreiche Einwohner in Marlen – und inzwischen auch in Neumühl – zur Verzweiflung bringt.

Obwohl die Stadt die invasive Ameisenart seit dem vergangenen Herbst mit maisstärkehaltigem Heißschaum bekämpft, haben sich die Plagegeister in Marlen explosionsartig vermehrt.

„Das ist richtig krass“, sagt David Altendorf von der Schädlingsbekämpfungsfirma Kleinlogel, „das habe ich so noch nie gesehen“.

Millionen von Tieren nisten sich im Ortsteil Marlen ein

Inzwischen steht fest, dass es in Marlen eine sogenannte Superkolonie der „Tapinoma magnum“ mit Millionen von Tieren gibt, die sich über mehrere Hektar Fläche verteilen. Die äußert flinken Ameisen unterhöhlen Gehwege und Straßen und dringen in Häuser ein. Sie habe schon alles versucht, berichtet eine Anwohnerin dem städtischen Umweltbeauftragten Gregor Koschate: Im Garten hat sie Blumenstöcke entfernt, in denen sich die invasiven Ameisen versammelt haben, und alle durch Lavendel ersetzt und im Haus alles ausprobiert, was gemeinhin gegen Ameisen hilft – bei „Tapinoma magnum“ aber versagt.

„Es gibt bislang nichts, was gesichert gegen die invasive Ameise wirkt“, erklärt Gregor Koschate, der inzwischen seit Monaten auf allen Wegen versucht, Informationen über die Bekämpfung der Tiere zu bekommen, die nicht nur für die betroffenen Anwohner eine wahre Plage sind, sondern zudem die heimische Fauna bedrohen und wirtschaftliche Schäden verursachen.

Millionen schwarzer Ameisen gehören zu der Superkolonie, die sich im Kehler Ortsteil

Foto: Stadt Kehl

Eine Anwohnerin drückt mit der Schuhspitze gegen die Tür eines Verteilerkastens und schon wuseln Hunderte Ameisen heraus. Sie haben bereits für Ausfälle von Strom und Internet gesorgt. Entlang der Gartenmauer zeugt eine fast ununterbrochene Reihe von Sandhäufchen ebenso von der unausgesetzten Aktivität der ungezählten Plagegeister wie auf dem mit Rasengittersteinen befestigten Stellplatz vor der Garage.

Fünfmal haben Mitarbeiter der Firma Kleinlogel die Flächen, auf denen sich „Tapinoma magnum“ zeigt, intensiv mit Heißschaum besprüht. Der Druck, mit dem die schäumende Flüssigkeit austritt, ist so hoch, dass Sand und Erde aufspritzen. Damit soll erreicht werden, dass der Heißschaum möglichst tief eindringt, weil bekannt ist, dass die Ameisennester in bis zu einem Meter Tiefe liegen.

Dass sich die Tiere trotz der Maßnahmen explosionsartig vermehrt haben, ist für Gregor Koschate ein Hinweis darauf, dass die Abstände zwischen den Einsätzen verringert werden sollten. Doch das ist alles andere als einfach: Das Unternehmen kommt aus Darmstadt – weil es in der näheren Umgebung keine Firma gibt, welche in der Bekämpfung erfahren ist. Würde man in den wöchentlichen Einsatz gehen, kämen pro Superkolonie wohl Kosten von mindestens 50 000 Euro auf die Stadt zu.

Tiere breiten sich in weitere Ortsteile aus

Und Marlen ist inzwischen kein Einzelfall mehr: Am Spielplatz in Neumühl haben sich die nordafrikanischen Ameisen ebenfalls schon ausgebreitet – das lassen die Flecken aufgelockerter Erdflächen auf der ansonsten grünen Spielwiese vermuten. Und das schwarze Gewusel in den bepflanzten Flächen. Auch in den Einfahrten und Höfen der Häuser in den angrenzenden Straßen wimmelt es bereits von Abertausenden der Krabbler. Dieser und weitere Verdachtsfälle von Ansiedlungen von Tapinoma magnum im Stadtgebiet werden gerade untersucht.

Hilferuf bleibt ohne Antwort

Weil auch andere Städte und Gemeinden von der invasiven Ameise heimgesucht sind, hat sich Kehls OB Wolfram Britz an das Umweltministerium des Landes, das Regierungspräsidium Freiburg und die Umweltbehörde beim Landratsamt gewandt: Da invasive Arten – die Tigermücke ist ein weiteres Beispiel – landes- oder gar bundesweit Probleme verursachten, könne es nicht angehen, dass die Kommunen bei der Bekämpfung allein gelassen würden. Und dies nicht nur, was die horrenden Kosten angehe: „Das Beispiel der ,Tapinoma magnum‘ zeigt aus unserer Sicht beispielhaft, dass für eine effiziente Bekämpfung invasiver Arten ein unverzügliches, koordiniertes und konsequentes Handeln erforderlich ist. Aus unserer Sicht ist es dringend geboten, schlagkräftige Netzwerke aus Vertreterinnen und Vertretern der Forschung, der Wirtschaft und der Politik zu gründen“, fordert er in seinen Briefen. Eine Antwort habe die Stadt noch nicht bekommen.

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