Sozialbericht 2025: Darum muss das Ortenauer Jugendamt immer öfter eingreifen

Die Ortenauer Jugendhilfe hat alle Hände von zu tun: Die Kindeswohlgefährdungen nahmen im vergangenen Jahr im Kreis um rund 60 Prozent zu. (Symbolfoto)
Rolf Vennenbernd/dpa- Jugendhilfe Ortenau meldet stark steigende Eingriffe – Gefährdungsmeldungen auf 1272.
- In 281 Fällen lag 2025 eine Kindeswohlgefährdung vor, teils mit Inobhutnahmen.
- Ursachen laut Amt: psychische und finanzielle Belastungen, teils auch Hitze im Juni.
- Mehr Eingliederungshilfen nötig, besonders Schulbegleitungen; viele Autismus- und ADHS-Diagnosen.
- Kosten steigen: Nettobedarf dieses Jahr rund 65 Mio. Euro, künftig bis etwa 75 Mio. geplant.
Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.
Jugendamtsleiterin Melanie Maulbetsch-Heidt gab dem Sozialausschuss diese Woche einen Überblick über aktuelle Entwicklungen. Im Gepäck hatte sie Zahlen aus dem Sozialbericht 2025: So verzeichnete ihre Behörde 1272 Gefährdungsmeldungen, rund 200 mehr als noch 2024. Seit Jahren nehmen die Fälle zu, die sich das Jugendamt genauer anschauen muss. „Es handelt sich dabei um einen bundesweiten Trend“, ordnete sie ein.
In 663 Fällen sah das Jugendamt keine Notwendigkeit einzugreifen, bei 328 stellte ihr Team einen „Hilfebedarf“ fest. „Hier unterstützen wir dann mit Familienberatung oder sozialpädagogischer Familienhilfe“, erläuterte Maulbetsch-Heidt. Sozialdezernent Heiko Faller ergänzte: „Bei jeder Form häuslicher Gewalt, bei der Kinder Teil der Familie sind, ist die Polizei angewiesen, sich mit uns in Verbindung zu setzen.“
Deutlich mehr Fälle von Kindeswohlgefährdung
Die Zahl der tatsächlichen Kindeswohlgefährdungen stieg derweil drastisch – allein um 60 Prozent in zwei Jahren. In 281 Fällen war die körperliche und seelische Unversehrtheit der Kinder in ihren Familien 2025 nicht mehr gewährleistet. „Hier haben wir eine akute Gefahr, bei der man Kinder in Obhut nehmen oder einfach sehr schnell mit Hilfe einsteigen muss“, erläuterte die Amtsleiterin.
Auf mögliche Ursachen für den Trend angesprochen, antwortete die Maulbetsch-Heidt: „Es ist wohl eine Mischung aus psychischer und ganz sicher auch der finanziellen Belastungen in den Familien – der Druck steigt.“ Manchmal sei es aber auch schlicht das Wetter: Allein im Juni verzeichnete ihre Behörde 125 Kindeswohlgefährdungen. „Wenn ich bei 45 Grad mit zwei kleinen Kindern in einer kleinen Wohnung sitze, eskalieren Situationen schneller.“
„Hängt das auch mit der zurückgehenden Erziehungsfähigkeit der Eltern zusammen?“, wollte Eberhard Roth, Ausschusssprecher der Freien Wähler, genauer wissen. „Ja, ich denke schon, auch mit der fehlenden Verantwortungsübernahme“, erläuterte die Amtsleiterin. „Wir haben auch Eltern, die sagen: Ich habe Angst vor meinem Kind.“
Immer mehr Autismus-Diagnosen bei Kindern
Insbesondere die Fallzahlen bei der Eingliederungshilfe – also der Unterstützung junger Menschen mit (drohender) seelischer Behinderung – schossen laut Sozialbericht in die Höhe. „Die Entwicklungen sind dramatisch und uferlos“, konstatierte Maulbetsch-Heidt. Vor allem die „ambulante Hilfe“, etwa die Schulbegleitung, legte mit 555 Fällen (2024: 453, 2023: 379) zu.
Insgesamt seine eine Zunahme bei den psychisch belasteten jungen Menschen festzustellen, die Probleme würden zudem immer komplexer. „Es gibt wahnsinnig viele Diagnosen im Bereich Autismus und ADHS“, wurde die Jugendamtsleiterin konkreter. Schulen und Kitas seien überlastet. „Wir sehen uns hier als Ausfallbürgen, da die Systeme selbst das Personal nicht stellen können, um die Kinder zu versorgen.“
Ausgaben steigen auch 2027/28 weiter
„Wir haben eine Krise nach der anderen. Es fing an mit Corona, die Kinder gingen lange nicht zur Schule, die Auswirkungen spüren wir bis heute“, so ein Erklärungsansatz. Finanziell ist diese Entwicklung für den Kreis deutlich spürbar: Nur für einen Bruchteil der Schulbegleitungen gebe es einen finanziellen Ausgleich vom Land. Für das laufende Jahr rechnet Maulbetsch-Heidt mit einem „Nettobedarf“ von rund 65 Millionen Euro.
Künftig wird es jedoch noch teurer: Für das kommende Jahr sind fast 72 Millionen Euro für die Jugendhilfe eingeplant, für das Jahr darauf sogar rund 75 Millionen. Einsparmöglichkeiten sehe sie keine, da es sich um Pflichtaufgaben des Kreises handele. Das Gremium nahm den Bericht zur Kenntnis.
Haushalt wird eingebracht
Am Dienstag, 10. November, bringt Landrat Thorsten Erny den Doppelhaushalt 2027/28 in den Kreistag ein. In den folgenden Wochen werden die Kreisgremien mutmaßlich hart um dessen Inhalt ringen. Beschlossen werden soll der Doppelhaushalt dann im Januar.