Oberndorfer Literaturfest: Die Zeit vergeht viel zu schnell

Gut gelaunt und auskunftsfreudig am Lesetisch: Wolfgang Schorlau reist aus Stuttgart an.
48GradNord PhotoGraphicsLesen verändert. Denn: „Nach dem Lesen eines Buches ist man nicht mehr derselbe wie zu Anfang“, beschreibt Dr. Richard Rebmann, Vorsitzender des Kuratoriums der Marion und Otto Biesenberger Stiftung und Verleger des Schwarzwälder Boten, in Anlehnung an die Flusslehre von Heraklit die Magie der Worte. In diesem Sinne erleben die Gäste beim Eröffnungswochenende des ersten Oberndorfer Literaturfests eine inspirierende Transformation. Dazu trägt ein Mann bei, der in der Neckarstadt so mutig ist, wie noch nie zuvor bei einer Lesung. Und einer, den es eigentlich gar nicht gibt. Aber der Reihe nach.
„Das hatte ich auch noch nie“
Der Autor Wolfgang Schorlau hat den elften Teil seiner „Georg Dengler“-Reihe lässig unterm Arm, als er am Samstagabend die Stadtbücherei betritt. „Schön hier“ stellt er fest, mischt sich unter seine Fans. „Und die Plätze für diese Lesungen wurden wirklich verlost?“, will er vom Team der Biesenberger-Stiftung, der Veranstalterin, wissen. „Das hatte ich auch noch nie.“ Und er habe schon einiges erlebt. Schorlau, Jahrgang 1951, wurde erst mit Ende 40 hauptberuflich Schriftsteller. „Ich hatte schon Lesungen, da kam nur ein einziger Zuhörer.“ Heute unvorstellbar. Mehr als zwei Millionen Mal gingen seine „Dengler“-Bücher über den Ladentisch.
Idealer Ort für einen Mord
Als Profi weiß er, was interessiert und so erzählt er von seiner Recherche-Tour am Feldberg und der Begegnung mit dem Schwarzwald-Ranger. Zu dem sagte er: „Ich möchte gerne jemanden umbringen – und weiß nicht wie“. Daraufhin habe dieser ihm den idealen Ort für einen (literarischen) Gattenmord gezeigt. Schorlau ist bekannt für seine gründliche Arbeit, die sich in „50 Prozent Recherche und 50 Prozent Schreiben“ aufteile. Diese konnte der Leiter des Polizeireviers Oberndorf, Timo von Au, beim anschließenden Fakten-Check übrigens bestätigen.

Richard Rebmann (links) bedankt sich bei Wolfgang Schorlau.
Foto: Rainer Langenbacher 48GradNordPhUm eine warme Beziehung zwischen Georg Dengler und dessen Mutter, einer Schwarzwald-Bäuerin, aufzubauen, hat Schorlau erstmals beim Schreiben die „Ich-Form“ genutzt. „Margret Dengler spricht Dialekt. Mir war klar, dass dies bei Lesungen zu Problemen führen kann, denn ich spreche kein Dialekt.“ Aber in Oberndorf beweist Schorlau Mut und rezitiert die Erfahrungen der Seniorin mit ihrer Eigen-Urin-Therapie – in schönstem Alemannisch.
Ghostwriter für Promis
Als „wahren Menschenfreund, der völlig hinter seinen Büchern verschwindet“, kündigt Kurator Matthias Kehle den Schriftsteller, Musiker und Drehbuchautor Daniel Bachmann am zweiten Abend an. Der gebürtige Schramberger kam in Begleitung seiner Frau Beate Rygiert, ebenfalls eine erfolgreiche Schriftstellerin. „Es kommt vor, dass wir beide zeitgleich Bücher auf der Spiegel-Bestseller-Liste haben“, so Bachmann.

Daniel Oliver Bachmann
Foto: Rainer Langenbacher 48GradNordPhEr eröffnet seine Lesung mit den Worten: „Ich bin ein Mann, den es eigentlich gar nicht gibt.“ Rund 40 Bücher hat er als Ghostwriter verfasst, meist Biografien und Memoiren, unter anderem für Natalie Wörner, Dieter Kosslick oder den Magier Thimon von Berlepsch. „Wenn die Promis dann bei Markus Lanz von ‚ihrem‘ Buch erzählen, lehne ich mich zu Hause auf dem Sofa zurück und denke: Alles richtig gemacht.“ Er habe sich den großen Fragen des Lebens verschrieben, doch „noch lange nicht alle Antworten gefunden“. Wenn er bei der Biografie-Arbeit in die Geschichten anderer Menschen eintauche, deren roten Faden im Leben finde, helfe auch ihm dies „ein bisschen mehr vom Leben zu kapieren“. So sei es ihm bei Ibraimo Alberto gegangen, der in Afrika gegen Hyänen kämpfte und in Deutschland gegen Neonazis. Gemeinsam reisten sie in sein Heimatland und besuchten einen traditionellen Heiler. Diese Erlebnisse brachten ihn dazu, sich tiefer mit Magie auseinanderzusetzen.
Jeder Mensch hat ein Talent
Eindrücklich auch seine Arbeit für den ehemaligen Direktor der „Berlinale“. „Dieter Kosslick ist ein Workaholic. Er hat ein Notizbuch, das vollgeschrieben ist mit Handynummern aller Größen der Filmbranche. Dieses Netzwerk ist ein Teil seines Erfolgs.“ Eines habe er bei allen erfolgreichen Menschen feststellen können, so Bachmann: „Sie arbeiten alle mehr als andere.“ Außerdem sei er davon überzeugt, dass jeder Mensch mindestens ein Talent besitze. Womit er auf einen weiteren seiner Protagonisten zu Sprechen kommt: „Besenstielräuber“ Harald Zirngibl. Dieser erbeutete von 1992 bis 1998 rund 4,6 Millionen Deutsche Mark. „Er konnte eben gut Banken überfallen, alles andere ging bei ihm in die Hosen.“
Beim inspirierenden Austausch am Buffet konnte man dann öfter hören: „Ich hätte Daniel Bachmann noch viel länger zuhören können.“
