Nazi-Opfer in Nagold: Mittellos und krank – als „Belastung“ ermordet

Leo Müller (1911-1941) im Jahr 1937
Historisches Archiv der Nieder-Ramstädter DiakonieNagold hat seine ersten fünf Stolpersteine bekommen. Vor der Böblinger Straße 33 in Hochdorf wird Leo Müller gedacht, der dort lebte. Er wurde Opfer der „Aktion T4“, von den Nazis beschönigt als „Euthanasie“ bezeichnet. Dabei wurden Kranke, Menschen mit Behinderung und Homosexuelle als „lebensunwert“ eingestuft und ermordet.
Leo Müller kam als fünftes von neun Kindern des Zieglers Konrad Müller (1875-1934) und seiner Frau Magdalena Müller, geb. Kling (1878-1950) am 10. Februar 1911 in Untertalheim zur Welt. 1912 zog die Familie nach Hochdorf.
Müller war Küfer und Korbflechter von Beruf und befand sich einige Zeit auf Wanderschaft und kam immer wieder in seinen Heimatort Hochdorf zurück. Im Zuge einer Verhaftungswelle, der sogenannten Bettlerrazzia, im September 1933 wurde er in Leonberg zwei Tage in Sicherheitsverwahrung gebracht. Bevor er 1934 den freiwilligen Dienst im Arbeitsdienstlager Biblis bei Worms antrat, war er beruflich in Spessart im Bezirksamt Ettlingen tätig.
Im November 1934 wurde er nach wenigen Wochen in Biblis in die Psychiatrische Klinik Heidelberg eingeliefert. Am 6. Februar 1934 kam er in die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch, mit der Begründung, er würde an einer Seelenstörung leiden. Müller war mittellos und auch seine Eltern konnten nicht für ihn aufkommen. Der Hochdorfer Bürgermeister und NSDAP-Kreisleiter, Eugen Vogt, lehnte jede Unterstützung Müllers aus der Ortsarmenkasse Hochdorf strikt ab.
In einer der Hochdorfer Wirtschaften muss Müller sich gegenüber Vogt negativ geäußert haben. Seitdem hieß es Müller „wäre nicht ganz bacha, der müsste fort.“ Da Müllers Vater 1934 verstorben war, wurde vom Gemeinderat auf Ersuchen des Bezirksnotars, ein Hochdorfer Landwirt als Pfleger für ihn bestimmt.
„Gespannt, gewalttätig, nicht ansprechbar und unberechenbar“
Am 23. Juli 1936 wurde Müller von der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch in die Nieder-Ramstädter Anstalten verlegt. Dies war eine Anstalt für Epileptiker sieben Kilometer südöstlich von Darmstadt. Im ärztlichen Aufnahmebogen wurde Müller als geisteskrank beschrieben. Er sei gespannt, gewalttätig, nicht ansprechbar und unberechenbar. Eine Entlassung würde auf absehbare Zeit nicht in Frage kommen.
Müller hingegen schrieb zuversichtlich an seine Familie, dass er bald nach Hause entlassen werden würde. Die Angehörigen, die Zweifel an dieser Sicht der Dinge hatten, wandten sich an die Anstaltsleitung. Diese antwortete, dass er zeitweise in einem Einzelzimmer beziehungsweise auf der geschlossenen Abteilung untergebracht werden musste. An eine Entlassung nach Hause wäre nicht zu denken.
Im Februar 1938 sah der leitende Arzt von einer Sterilisation bei Müller ab, da „wegen der Schwere des Zustandes die Anstaltspflege voraussichtlich für immer nötig sein wird.“
Nationalsozialisten drücken Pflegesätze nach unten
Die Nationalsozialisten griffen ab November 1937 massiv in das kirchlich geprägte Anstaltsleben ein, in dem sie unter anderem die Pflegesätze nach unten drückten. Noch vor der großen Verlegung von 250 der 647 Epileptiker und Pfleglinge, die ab April 1938 in andere staatliche Einrichtungen verlegt wurden, wurde Leo Müller am 9. Februar 1938 in die Landes Heil- und Pflegeanstalt Heppenheim verlegt.
Die Nieder-Ramstädter Anstaltsleitung schrieb an Müllers Mutter, dass man in Heppenheim mehr auf herausfordernde Pflege eingestellt sei. Ihr Sohn habe mehrere Suizidversuche hinter sich. Daher könne das hiesige Pflegepersonal diese permanente Überwachung bei gleichzeitigem Absenken der Pflegegelder nicht leisten.
Von Heppenheim wurde Müller am 4. April 1941 in die Zwischenanstalt Scheuern verlegt. Mit 90 weiteren Patienten wurde er am 13. Mai 1941 nach Hadamar bei Limburg gebracht und am gleichen Tag in der Gaskammer umgebracht und verbrannt. Leo Müller wurde 30 Jahre alt.