Nagolder Paar mit dem Rad unterwegs
: Ohne Ziel und Zeitlimit die Freiheit genießen

Mit dem Rad ging es für die ehemalige Leiterin der Annemarie-Lindner-Schule Nagold Ilona Cwik-Lorz und ihren Mann Jörg 6117 Kilometer in 113 Tagen durch Süd-Europa
Von
Ilona Cwik-Lorz
Oberndorf
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Ilona Cwik-Lorz und ihr Mann Jörg Lorz erfüllten sich einen Traum und reisten mit ihren E-Bikes quer durch Süd-Europa. Hier bei der Rast in Legutio im Baskenland in Nordspanien.

Cwik-Lorz

Seit unserer Jugend träumten mein Mann Jörg (68 Jahre, Ingenieur) und ich (65 Jahre, Oberstudiendirektorin a. D.) davon, im Ruhestand nur mit Zahnbürste und Kreditkarte in die Welt hinaus zu radeln: Ohne bestimmtes Ziel und Zeitlimit die Freiheit genießen! Am 3. April 2023 war es dann soweit. Wir radelten los, allerdings hatte das mit dem „wenig Gepäck“ nicht ganz so gut geklappt. Jeder von uns hatte 32 Kilo auf seinem Rad. Nach fast vier Monaten und 6117 Kilometern kamen wir wieder überglücklich, stolz und zufrieden in Nagold an. Im Freundeskreis erhielten wir immer wieder dieselben Fragen.

Wo hat es Euch am besten gefallen? Wo war es am schönsten?

Irgendwie war es überall schön! In Frankreich entlang der Kanäle und Flüsse waren die Menschen unglaublich freundlich. In Nordspanien begeisterten uns die Massen von Pilgern, die nach Santiago de Compostela wanderten. In Portugal war die gesamte Küste, insbesondere die Algarve, ein Traum. In Südspanien fuhren wir 70 Kilometer durchs einsame „Storchenland“. In Marokko tauchten wir in Tausendundeine Nacht ein. Auf Korfu und in der Toskana hatten wir endlich richtig Sommer und genossen bella Italia! Die Flusslandschaft in Umbrien hat uns total begeistert! In Albanien wir die unglaublich schöne und unberührte Landschaft einfach fantastisch. Der Dolomitenradweg mit den vielen Radlern macht richtig Spaß! Und die Fahrt über die Alpen über Jaufenpass, Arlbergpass und Timmelsjoch schüttet Glückshormone aus!

In allen Ländern haben wir viele Tiere und traumhafte Landschaften gesehen. Wir sind oft durch Naturschutzgebiete geradelt. Das hat uns am meisten Freude bereitet. Auch die vielen Stätten, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehören, waren immer sehr interessant.

Hattet Ihr Eure Route von Anfang an geplant?

Nein, es war nur klar, wir wollen nach Portugal. In Florenz schrieben wir Freunden, dass wir auf dem Heimweg sind. Doch dann bemerkten wir: „Was wollen wir zuhause?“ Und so sind wir von Italien mit der Fähre nach Korfu gefahren. Und von dort war es nach Albanien nur noch ein Katzensprung.

Ist es nicht gefährlich, mit dem Rad zu reisen?

In Frankreich hatten wir leider eine gefährliche Begegnung. Ein LKW hat mich an einer engen Stelle überholt und meinen Spiegel dabei erwischt. Wir hatten nicht damit gerechnet, da der LKW hinter uns zuerst abgebremst hatte und dann plötzlich Gas gab. Der Schrecken saß tief!

In Griechenland liefen sechs Hunde bellend hinter uns her. Da war es uns auch sehr mulmig zumute.

Seid Ihr auf der Straße gefahren? Wie habt Ihr navigiert?

Wir haben immer versucht, Radwege zu nehmen. Die App Komoot war dabei eine große Hilfe, wenn wir auch ein paar Mal auf sehr unwegsame Wege geleitet wurden. Auf einer ausgeschilderten Fahrradroute mussten wir kilometerlang unsere Räder durch Sand schieben. Wir hatten zwar dicke Reifen, aber das Gepäck war einfach zu schwer. Ein anderes Mal hatten wir uns durch stachlige Sträucher und Bambuszweige gekämpft. Unsere Beine und Arme waren total zerschunden und blutig. Wir dachten immer, es wird besser und dann kommt man an einen Punkt, wo umdrehen auch keine Option mehr ist.

In Frankreich sind wir mal mehr als zehn Kilometer in die falsche Richtung gefahren. Und das bei Regen und Kälte. Keine Ahnung, wie uns das passieren konnte. Als ich später zu Jörg sagte, dass ich in diesem Moment mein Rad am liebsten in den Graben geworfen hätte, meinte er: „Hätschst doch g‘macht! I hätt meins glei druff g’schmissa!“

Wo habt Ihr übernachtet und Eure Räder aufgeladen?

Die meisten Leute dachten, wir zelten wild oder zumindest auf Campingplätzen und waren überrascht, wenn sie hörten, dass wir meistens in Hotels übernachten. Obwohl wir Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Kochgeschirr und sogar zwei Stühle dabei hatten. Wobei dies ausgerechnet an meinem Geburtstag in den spanischen Bergen sehr gut war. Es gab weit und breit kein freies Hotelzimmer mehr. Obwohl uns eine Gruppe junger Menschen bis zum Bürgermeister helfen wollten, hatten wir dann doch im Wald übernachtet. Am nächsten Vormittag standen wir dann stundenlang an einer Tankstelle und luden in der Toilette unsere Akkus auf.

War es nicht zu heiß, um Rad zu fahren?

Zu Beginn war es eiskalt. So lernten wir bereits am zweiten Tag die Frostschutzberegnung für die Weinreben kennen. Das war sehr interessant! Die ersten zwei Wochen hat es nur geregnet und es gab in jedem Land starke Gewitter. Als ganz Deutschland über eine Hitzewelle stöhnte, hat es bei uns in Marokko geregnet.

In Tirol und Österreich waren wir dann sogar Mitten in einem Sturm, der Bäume, ja sogar ganze Wälder niederfegte. 16 Stunden Stromausfall in Sölden bedeutete für uns: Kein Licht im fensterlosen Bad, kein Aufzug, keine Brötchen, keinen Tee oder Kaffee zum Frühstück. Wir konnten nicht einmal das Hotel bezahlen, denn auch die Kreditkarte funktionierte nicht.

Habt Ihr viele Menschen kennengelernt? Hattet Ihr interessante Begegnungen?

Das ist das Schönste, wenn man mit dem Rad unterwegs ist. Wir wurden oft angesprochen. Mehrmals auch von Portugiesen und Albanern, die perfekt deutsch sprachen, weil sie jahrelang in Deutschland gearbeitet hatten. Überrascht waren wir über die vielen Radler aus den USA. Mit Sharon und Dave haben wir heute noch Kontakt.

In Frankreich übernachteten wir in einem kleinen B&B, das von einem irischen Ehepaar geführt wurde. Sie sprachen kein Wort Französisch. Was kein Problem war – wir auch nicht! Der Mann kochte extra für uns ein Dreigänge-Menü. Das war wohl für ihn eine Herausforderung, denn wir ernähren uns seit über 40 Jahren vegetarisch.

In der Region Chianti sind wir durch Zufall an der Fattoria La Vialla di Gianni, die in Horb eine Filiale hat, vorbeigefahren. Klar, dass wir auch dort Nagolder getroffen haben!

In Portugal beim Imbisswagen mit der letzten Bratwurst vor Amerika trafen wir Nagolder in einem Caravan. Die Freude war auf beiden Seiten groß. Wir haben uns gleich mal zum Tangokurs verabredet.

Hat sich die Reise auf Euer Leben ausgewirkt?

Ja, obwohl wir in unserer Jugend durch Marokko, Israel, Italien und zig mal über die Alpen geradelt sind, ist uns diesmal sehr bewusst geworden, mit wie wenig wir glücklich sein können: Eine heiße Dusche, ein kuscheliges Bett und natürlich etwas zu essen und zu trinken. Mehr brauchen wir nicht. Sehr angenehm und auch beruhigend empfanden wir den Kontakt zu Familie, Freunden und Followern über WhatsApp, Instagram und Polarsteps. Wir haben täglich ein Video gepostet. Es war ein schönes Gefühl, nicht alleine zu sein.

Plant Ihr schon Eure nächste Tour?

Ja, wir planen ab April 2024 eine Tour durch Nord-Europa. Wir waren noch nie in Skandinavien. Auch Island und vielleicht Grönland reizt uns sehr. Wir überlegen uns auch, mit Gravel Bikes zu fahren – und wer weiß, vielleicht diesmal wirklich nur mit Zahnbürste und Kreditkarte.

Zur Person

Ilona Cwik-Lorz 
65 Jahre, Oberstudiendirektorin a. D., war acht Jahre Schulleiterin der Annemarie-Lindner-Schule in Nagold. Jörg Lorz 68 Jahre, ist Ingenieur im Ruhestand. Beide waren 2022 an der Gründung einer ADFC-Ortsgruppe in Nagold beteiligt. Ilona Cwik-Lorz ist im Vorstand zusammen mit Andreas Schittenhelm. Ihr Ziel ist es, immer mehr Menschen aufs Rad zu bewegen, damit im Ort weniger Autoverkehr herrscht. Beide versuchen auch, die Stadt davon zu überzeugen, (noch) mehr für den Radverkehr zu tun. Jörg Lorz spielt in Nagold auch Volleyball und fährt außerdem gerne Motorrad und bastelt eigentlich täglich an seinen Maschinen in der Garage herum. Er restauriert auch alte Rennräder mit großem Vergnügen, während sie sich um ihr kleines Gärtchen kümmert oder die Steuererklärung macht oder….

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