Versorgung von Patienten
: Gesundheitssystem steht im Kreis Lörrach unter Druck

Das Gesundheitssystem steht unter Druck, auch im Landkreis Lörrach. Die geringe Gesundheitskompetenz der Bevölkerung erschwere laut Studien eine effektive Nutzung.
Von
Maja Tolsdorf
Kreis Lörrach
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Viele Patienten können die Schwere ihrer Erkrankung nicht einordnen und suchen Rat beim Arzt (Symbolfoto) .

Bernd Weißbrod/dpa

Das Gesundheitssystem steht unter Druck, im Landkreis Lörrach ebenso wie in ganz Baden-Württemberg. Lange Wartezeiten und demografische Herausforderungen belasten das System. Zugleich sei die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung gering, was eine effektive Nutzung des Gesundheitssystems erschwere.

Einer Studie des Bosch Health Campus (2025) zufolge hat die Mehrheit der Erwachsenen (54,7 Prozent) Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden.

Für den Landkreis Lörrach haben die Verantwortlichen bei der Vorstellung des Projekts „Kreisübergreifende Stärkung der navigationalen Gesundheitskompetenz in urbanen und ländlichen Räumen“ im Kreistag festgestellt, dass der Anteil von geringer Gesundheitskompetenz in der deutschen Bevölkerung bei 82,8 Prozent liege. Dieses Konzept, das der Landkreis Lörrach zusammen mit dem Stadtkreis Stuttgart erarbeitet, soll ebenso wie der Gesundheits- und Sozialkompass zur besseren Orientierung beitragen.

Bei Ärzten im Landkreis Lörrach nach den Ursachen einer Überlastung gefragt, werden Gründe genannt, die mit der Gesundheitskompetenz der Patienten nur bedingt zu tun haben. Einige hätten durchaus verlernt, wie eine einfache Erkältung in den Griff zu kriegen ist, erklärt Kai Beringer, Facharzt für Allgemeinmedizin in Grenzach-Wyhlen, im Gespräch mit unserer Zeitung. Viele könnten die Schwere ihrer Erkrankung nicht einordnen und fragten in der Praxis nach.

Für Unsicherheiten, Ängste und Sorgen sei aber auch „Dr. Google“ mitverantwortlich. Dies konnte auch HNO-Ärztin Laura Benecke in ihrer Praxis in Weil am Rhein beobachten. Zwar werden beim Googeln zu „Schwellungen am Hals“ die häufigsten Erklärungen genannt wie entzündete Mandeln oder Erkältungen.

Doch es werden auch Mumps, Röteln oder Pfeiffersches Drüsenfieber aufgeführt, was zu Verunsicherung führen könne und Ärzte als Ratgeber aufgesucht würden. Und weil Wartezeiten meist lang sind, spekuliere mancher darauf, wegen akuter Symptome sofort behandelt zu werden und neige zur Übertreibung.

Lange Wartezeiten das häufigste Problem

Diese langen Wartezeiten auf Arzttermine sind dem Philips Future Health Index 2025 zufolge das häufigste Problem, von dem 83 Prozent der Bevölkerung in Deutschland betroffen sind. Vor allem auf Facharzttermine muss der Kassenpatient oft monatelang warten.

Dass höhere Fallzahlen nicht gewollt seien, teilt die KVBW auf Anfrage mit: „Die Fachärzte unterliegen einer gesetzlich vorgegebenen Budgetgrenze, die sie regelmäßig überschreiten.“ Zum anderen seien schnelle Facharzttermine in vielen Fällen gar nicht erforderlich. Und selbst für akute Beschwerden gebe es begrenzte Kapazitäten.

Hinzu kommt, dass viele Ärzte der Babyboomer-Generation in den Ruhestand gehen und zugleich die Nachfrage an medizinischer Versorgung durch eine alternde Gesellschaft steigt. Eine Versorgungslücke bei Haus- und Kinderarztpraxen sieht dort die Kassenärztliche Vereinigung Baden Württemberg (KVBW): „Aktuell können wir 34 Hausarztsitze im Landkreis Lörrach nicht besetzen“, teilt KVBW-Kommunikationsleiter Kai Sonntag auf Anfrage mit.

Lange Wartezeiten sind das häufigste Problem, ob auf Arzttermine oder in den Wartezimmern der Praxen.

Foto: Daniel Karmann/dpa

Wie viele Ärzte benötigt würden, damit der Bedarf gedeckt ist, hänge davon ab, wie man diesen berechne. Offiziell werde die Berechnung nach bundesweit gültigen Vorgaben erhoben. „Das Problem zeigt sich bei den Kinderärzten. Hier sind aktuell keine Sitze frei, dennoch werden auch im Landkreis Lörrach Eltern Probleme haben, einen Kinderarzt zu finden.“

Engpässe durch Über-, Unter- und Fehlversorgung

Dem Verband der Ersatzkassen zufolge ist die Versorgungssituation in Deutschland im internationalen Vergleich gut. Eine Mischung aus Über-, Unter- und Fehlversorgung führe aber zu Engpässen. Dafür mitverantwortlich seien Beringer zufolge die „Igel“-Leistungen, die nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gehören und von Patienten selbst bezahlt werden müssen.

Diese böten einige Ärzte an, weil es immer schwieriger werde, eine Praxis ausschließlich aus Mitteln der KV zu betreiben, meint der Hausarzt. Er hinterfragt so manches Mal die Sinnhaftigkeit für Patienten und glaubt, dass dadurch Praxiskapazitäten verloren gingen, die anderswo dringender gebraucht würden. Die KVBW teilt dazu auf Anfrage mit, dass die „Igel“-Leistungen, die abgerechnet werden, von Fachgesellschaften empfohlen würden.

Angespannte Situation

Insgesamt berichten sowohl Beringer als auch Benecke von einer angespannten Situation, mit teils ungeduldigen und teils verständnisvollen Patienten. Manche seien Beringer zufolge sogar zu zurückhaltend, suchten manches Mal zu spät einen Arzt auf und gefährdeten damit ihr Leben.