Regionaler Wärmegipfel
: Wärmewende im Landkreis Lörrach als Zukunftsinvestition

Das interkommunale Vorgehen im Landkreis Lörrach hält viele Chancen, aber auch wirtschaftliche Risiken bereit. Das zeigte die Debatte beim „ Regionalen Wärmegipfel“.
Von
Alexandra Günzschel
Kreis Lörrach
Jetzt in der App anhören

Das Podium mit (von links) Dirk Sattur (Badenova), Klaus Müller (Naturenergie), Moderator Ulrich Hoehler, Ministerin Thekla Walker, Oberbürgermeister Jörg Lutz (Lörrach), Jörg Falkenberg (Evonik) und Tim Brauckmüller (Aconium).

Alexandra Günzschel

Beim Regionalen Wärmegipfel 2025 des Landkreises Lörrach im Fritz-Gebäude der Roche in Grenzach-Wyhlen ist am Freitag der interkommunale Ausbau der Wärmenetze von unterschiedlichen Seiten beleuchtet worden. Es gab Vorträge zum Projekt, einen Blick über die Grenze sowie eine Podiumsdiskussion an der auch Thekla Walker, Ministerin für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg, teilnahm.

Zahlreiche mögliche Wärmequellen

Erstmals vorgestellt wurden die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie für den Wärmeverbund Hochrhein-Oberrhein-Wiesental. Dabei ging es um potenzielle Kunden, die Art der Wärmegewinnung und die voraussichtlichen Kosten. Als Eignungsgebiete kommen aufgrund ihrer dichten Bebauung vor allem die Städte Lörrach, Rheinfelden, Weil am Rhein und Schopfheim sowie die Gemeinden Grenzach-Wyhlen, Steinen und Maulburg in Frage.

Als mögliche Wärmequellen sind Biomasse, vorwiegend Reste aus der lokalen Holzproduktion, überschüssige Abwärme aus der Industrie sowie Geothermie im Gespräch. Von der Abwärme können Rheinfelden und Grenzach-Wyhlen stark profitieren.

Das Netz soll verdichtet werden

Potenzial für Geothermie gibt es in Weil am Rhein. Schopfheim, Maulburg und in geringerem Umfang auch Lörrach würden überwiegend durch Biomasse versorgt. Eine noch untergeordnete Rolle spielt der Wasserstoff. Eine Kopplung der Energiesysteme sowie die unterschiedlichen Energiequellen versprechen mehr Unabhängigkeit von einzelnen Märkten oder Quellen. Die Integration neuer Technologien wäre möglich, heißt es. In einer ersten Phase soll das Netz nun weiter verdichtet werden. Geplant sind zudem der Bau einer Energiezentrale im Mittleren Wiesental, das Vorantreiben der Abwärmenutzung bei dem Unternehmen Evonik sowie Erkundungen für ein mögliches Geothermiekraftwerk. Als letzte Maßnahme soll der Ringschluss mit Riehen erfolgen. Derweil befindet sich der Zweckverband Breitbandversorgung des Landkreises Lörrach auf einen guten Weg, eine Tochtergesellschaft zu gründen, die mit ihrem Know-how fortan auch den Wärmenetzausbau koordinieren soll.

Evelyn Rubli, Leiterin des Geschäftsbereichs Wärme bei den Industriellen Werken Basel (IWB) beleuchtete das Thema aus Sicht der Schweizer Nachbarn. In Basel ist die stufenweise Stilllegung des Gasnetzes bis 2038 nun beschlossene Sache. 70 Prozent aller Haushalte sollen dann über Fernwärme versorgt werden. Mit einer speziellen Preispolitik schaffen die IWB Anreize für nachbarschaftliche Zusammenschlüsse. Eine Anschlusspflicht soll es in Basel nicht geben.

Finanzierung braucht verlässlichen Rahmen

Umweltministerin Walker betonte in ihrem Impulsvortrag, dass die Umsetzung der Wärmewende als eine „wirkliche Zukunftsinvestition“ für sie oberste Priorität habe. Bei der Frage der Finanzierung brauche es verlässliche Rahmenbedingungen und eine Verstetigung der Förderung, erklärte sie. In den Bestrebungen des Landkreises Lörrach sah Walker eine Pionierleistung. Durch die Wärmewende würden Werte geschaffen und die Versorgung auf lange Sicht gesichert, betonte sie.

Moderiert wurde die Diskussionsrunde von Ulrich Hoehler, Erster Landesbeamter im Landkreis. Badenova-Vorstandsmitglied Dirk Sattur gab ein Bekenntnis zur Wärmewende ab. Für mehr Sicherheit in Finanzierungsfragen hielt nicht nur er eine Anschlusspflicht zumindest für erwägenswert.

Klaus Müller, Mitglied der Geschäftsleitung von Naturenergie, glaubte nicht daran, einen solchen Zwang in Deutschland durchsetzen zu können. Er vermisste eine klare Zeitschiene für den Gasausstieg, wie sie in anderen Ländern existiere. Beide Vertreter der großen Energieunternehmen betonten, in für die Versorgung relevanten Bereichen zusammenzuarbeiten, obwohl sie Wettbewerber seien.

Lörrachs Oberbürgermeister Jörg Lutz gab zu, etwas neidvoll nach Basel zu blicken, sah aber auch für den Landkreis Lörrach gute Startchancen. Die Steuerung hält er in öffentlicher Hand für am besten aufgehoben, allerdings sei die Kommune dabei auf Netzwerke und Partner wie die Energieversorger angewiesen.

Mehr Unabhängigkeit von russischem Erdgas

Am Ende des Tages müsse sich das Ganze rechnen, sagte Tim Brauckmüller, Geschäftsführer des Unternehmens Aconium, das den öffentlichen Sektor berät. Er riet dazu, das Vorhaben nicht auf die lange Bank zu schieben. Das würde nur teurer und die heimische Wirtschaft werde es brauchen.

Jörg Falkenberg, Standortleiter von Evonik in Rheinfelden, störte sich an dem Wort „Abwärme“, da es dem Wert der Wärme, um den es dabei gehe, nicht gerecht werde. Nicht nur Falkenberg sprach sich für mehr Unabhängigkeit von russischem Erdgas aus. „Wir treffen Entscheidungen für Dekaden“, verdeutlichte er das unternehmerische Risiko bei großen Investitionen.

„Wir alle wollen die Wärmewende“, freute sich Landrätin Marion Dammann über diesen Konsens. Nun will sie auch die Bevölkerung von den Vorteilen überzeugen.