Musik in Binzen: Ein Konzert voller Leidenschaft

Charme und Charisma: Die bulgarische Pianistin Nadejda Vlaeva, die in New York lebt, spielte bei „Weltklassik am Klavier“ in Binzen.
Jürgen ScharfDie Reihe „Weltklassik am Klavier“ ist mit ihren programmatischen Schwerpunkten immer für eine Überraschung gut. Dass sie sich nicht abnutzt und für das Publikum gleichbleibend frisch und interessant bleibt, zeigte die jüngste Ausgabe mit der in New York lebenden bulgarischen Pianistin Nadejda Vlaeva.
Weiter Bogen gespannt
Die Künstlerin erweist sich am Sonntag im gut besuchten Rathaussaal als eine ausdrucksvolle Interpretin klassischer und romantischer Musik, die einen weiten Bogen von Mozart bis ins 20. Jahrhundert spannt.
Für das Publikum ein Gewinn war auch, dass Vlaeva viel über die aufgeführten Stücke zu erzählen weiß; da macht die Musik, die man hört, umso mehr Freude.
Der Programmtitel „Mythos, Magie und Metamorphose“ wurde bei diesem Recital eingelöst. Zum einen war da gleich am Anfang die magische Flöte in der Ouvertüre zu Mozarts Zauberflöte.
Vlaeva bringt musikalischen Zauberkasten zum Klingen
Mit dieser Bearbeitung wollte Nadejda Vlaeva einen „Mozart, der sich köstlich amüsiert, lacht und tanzt“ zeigen. Und es gelang ihr, diesen „musikalischen Zauberkasten“ zum Klingen zu bringen.
Vlaevas liebt das romantische Zeitalter
Aber man merkte schon, dass Vlaevas eigentliche Welt das 19. Jahrhundert ist. Sie liebt das romantische Zeitalter sehr. Die Stärke der Pianistin liegt in ihrer technischen Bravour, den sehr lebendigen Darstellungen der Musik und ihrer leidenschaftlich-energischen Spielweise.
Wenn Brahms mit Händel im Gepäck erscheint, wird in den gewaltigen Händel-Variationen op. 24, einem der Hauptwerke von Brahms, das Motto „Metamorphosen“ abgedeckt.
Zuhörer überwältigt
Vlaeva gelingt hier eine romantisch-virtuose Interpretation, spannungsintensiv und klar konturiert. Mit einer unverminderten Kraftreserve bis zur finalen Fuge kann sie die Spannung bis zum Schluss durchhalten. Dieser große Zug macht auf die Zuhörer einen überwältigenden Eindruck.
Diesem imponierenden Zeugnis pianistischen Könnens folgten charmante, mit vielen Farbvaleurs angereicherte Werke wie César Francks Prélude, Fugue et Variation, eigentlich ein Orgelwerk, das leider nicht so oft gespielt wird. Man kann deshalb froh sein, dass der berühmte englische Klaviervirtuose Harold Bauer es für Klavier bearbeitet hat.
Wiegenartige Melodie
Die zauberhaft-anmutige, wiegenliedartige Melodie des Préludes in h-Moll arbeitet die Pianistin sehr deutlich, aber nicht allzu lyrisch heraus. Ihr liegen besonders die virtuosen Begleitfiguren in den Variationen, da folgt sie gut den Gedankengängen des Komponisten.
Nach der Pause lernt man einige eher unbekannte Werke kennen. So auch ein Nocturne und ein Impromptu aus einer Werkgruppe von Sergej Bortkiewicz, einem 1952 verstorbenen ukrainischen Komponisten mit österreichischem Pass und russischer Seele.
Vlaeva spielt mit „Fingern, die erzählen“
Seine Stücke charakterisieren mythologische Figuren wie Diana und Eros. Auch diese Musik, passend zum Thema „Mythos“, liegt bei Vlaeva in besten Händen. Im weit ausschwingenden Porträt der Göttin der Jagd und des Mondes weiß sie die zarten, schwebenden Linien der nächtlichen Musik tragfähig zu gestalten, so wie auch die dramatisch-impulsiven Eros-Passagen, gespielt mit „Fingern, die erzählen“. Es war interessant zu hören, wie sich hier schöne stille Augenblicke mit explosiven Ausbrüchen höchster Leidenschaft abwechselten.
Kraftvoller Klavierklang
Der kraftvolle Klavierklang - da war er wieder bei Liszt, wenn Vlaeva in der Paraphrase über Gounods Faustwalzer zum „Tanz“ einlädt: Diese Opernreflektion verlangte von der Pianistin nicht nur Technik, sondern auch Theatergespür: verdichtete Oper für zehn Finger.
In solchen Stücken wurde deutlich, was die Pianistin auszeichnet: Charisma und Charme. Auch der Binzener Konzertflügel nahm die Herausforderung an und klang wie ausgewechselt.