Lörrach: Kommentar
: Was von Pfarrer Thorsten Becker bleibt

Kommentar: Die Verfahren gegen den ehemaligen Leiter der Seelsorgeeinheit Lörrach-Inzlingen sind nun abgeschlossen. Zeit für einen Blick zurück.
Von
Bernhard Konrad
Lörrach
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Die katholische Kirche St. Bonifatius

Meller

Die Nachricht schlug ein wie der Blitz aus heiterem Himmel: Pfarrer Dr. Thorsten Becker hat Erzbischof Stephan Burger um Entpflichtung von der Leitung der Pfarreien der Seelsorgeeinheit Lörrach-Inzlingen gebeten.

Die Sachlage

„Im Zuge einer Rechnungsprüfung durch den Rechnungshof der Erzdiözese Freiburg waren finanzielle Unregelmäßigkeiten durch eine ungute Vermischung von privaten Geldern mit Geldern der Kirchengemeinde festgestellt worden“, erklärte die Erzdiözese Freiburg Ende September 2021. Becker „bekundete den Willen, alles ihm Mögliche zu tun, damit der Kirchengemeinde kein finanzieller Schaden bleibt, den er verursacht haben könnte“.

Ungläubiges Staunen

Ungläubiges Staunen, nicht nur bei den hiesigen Katholiken. Becker galt vielen als Menschenfänger – im besten Sinn. Seine Predigten: inspirierend, fesselnd. Im persönlichen Austausch: aufmerksam, zugewandt – bei Jugendlichen ebenso wie bei Senioren. Als Gesprächspartner des Verfassers dieser Zeilen: interessant, fundiert, unkompliziert.

Becker als Pfarrer

Becker war als Pfarrer ein nahbarer, übrigens auch gut aussehender Intellektueller, dem Leben zugetan. Er hatte keine Berührungsängste zur Fasnacht, auch beim Narrengottesdienst war die Kirche voll. Viele waren nach anfänglich eher abwartender Haltung auch ein bisschen stolz darauf, dass ein promovierter Theologe aus Rom, befreundet mit dem Papst-Vertrauten Georg Gänswein, „bei uns in Lörrach“ Pfarrer wurde.

Und dann das.

Die Ermittlungen

Die erste Medieninformation war der Beginn eines Prozesses, der von vielen Gläubigen mit ratlosem, traurigem Kopfschütteln verfolgt wurde: Entpflichtung, langandauernde staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, die auf einen weiteren Geistlichen – allerdings nicht aus der Seelsorgeeinheit Lörrach-Inzlingen – ausgeweitet wurden.

Die Staatsanwaltschaft

Schließlich wurde das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen Becker wegen Untreue im November 2023 mit Einverständnis der Erzdiözese gegen eine Geldauflage eingestellt. Er zahlte einen niedrigen vierstelligen Betrag zugunsten einer örtlichen gemeinnützigen Einrichtung. Eine vollständige Aufklärung sei nicht möglich gewesen, erklärte Oberstaatsanwältin Karin Sattler-Bartusch seinerzeit. Die Staatsanwaltschaft hatte Becker nie namentlich genannt und betonte abschließend, dass weiterhin für beide Geistliche die Unschuldsvermutung bestehe.

Das Kirchengericht

Mitte April dann das kirchengerichtliche Urteil. Darin heißt es unter anderem über Becker: „In seinem Urteil stellt das kirchliche Gericht fest, dass der Angeklagte Urkundsdelikte begangen hat und im Umgang mit Sammlungserlösen und Spenden nicht für eine zweckmäßige Verwendung sorgte.“

Die Spekulationen

Über dreieinhalb Jahre wurde der Gang der Dinge begleitet von Spekulationen. Was genau hat sich Becker zu Schulden kommen lassen – oder auch nicht? War präzise Planung im Spiel? Nachlässigkeit? Oder gute Absichten? Was waren die Motive? Hat er Missgunst in der Seelsorgeeinheit auf sich gezogen? Wenn ja: warum? Von wem? Und: Was wird nun aus ihm? All das liegt weitgehend im Dunkeln.

Was bleibt

Was bleibt, sind zum einen jahrelange zermürbende Wasserstandsmeldungen über eine äußerst beklemmende, ungute Angelegenheit. Dennoch darf daran erinnert werden, dass Becker als Pfarrer und Mensch mehr war und ist als ein Gegenstand von Ermittlungen. Es geht nicht darum, gegebenenfalls stattgefundene Verfehlungen alternativ zu bewerten. Staatsanwaltschaft und Kirchengericht haben die Ergebnisse ihrer Untersuchungen mitgeteilt. Es gibt nichts hinzuzufügen, nichts zu relativieren. Es geht um einen Blick auf die Gesamtheit von Beckers Wirken. Ein Teil dieser ungewöhnlichen Geschichte bleibt trotz allem, dass Thorsten Becker mit seiner Arbeit als Pfarrer die Seelsorgeeinheit und die Stadt Lörrach auch bereichert hat.