Lebensraum Oberes Kandertal: Windkraft treibt die Bürger weiter um

In Malsburg-Marzell fand eine Info-Veranstaltung zum Thema Vorranggebiete für Windenergieanlagen statt.
Silke HartensteinDas zeigte die Informationsveranstaltung in der gut besuchten Stockberghalle. Wobei der Zuspruch diesmal geringer war als bei der ersten Infoveranstaltung vor einem Jahr. Von auswärts kamen Kreisrätin Daniela Meier und Vertreter benachbarter Bürgerinitiativen aus Schliengen und dem Kleinen Wiesental. Der Wieser Ortsvorsteher Rolf Vollmer kritisierte das vollständige Fernbleiben von Mitgliedern des Land- und Bundestags.
Gebiete zurückgestellt
Bei der insgesamt ruhig verlaufenen Versammlung informierte Sebastian Wilske, Direktor des Regionalverbands Hochrhein-Bodensee, über den zweiten Vorentwurf der Teilfortschreibung Windenergie. Waren bei der ersten Anhörung noch 411 der 2488 Hektar großen Malsburg-Marzeller Gemarkungsfläche als Vorrangfläche ausgewiesen, sind es jetzt noch 220 Hektar. Zur ersten Anhörung gingen 8550 Stellungnahmen von Bürgern aus dem Verbandsgebiet ein, davon allein 1000 aus dem oberen Kandertal.
Etliche Vorranggebiete Windkraft (VRG) seien nun zurück gestellt worden, sagte Wilske und versicherte: „Wenn wir eine Fläche zurückgestellt haben, bleibt sie zurückgestellt.“ Zwar könnten Kommunen auch bei Erreichen des Flächenziels von 1,8 Prozent auf ihrem Gebiet weitere Windkraftflächen ausweisen, doch sei das hier wohl kein Thema. Viel Spielraum für weitere Zurückstellungen gebe es nicht mehr, stellte er klar. Man liege nur noch knapp über dem Planungsziel von 1,8 Prozent der Fläche des gesamten Verbandsgebiets, das die Landkreise Lörrach, Waldshut und Konstanz umfasst. Bei Nichterreichen der 1,8 Prozent könnten Investoren theoretisch überall WAs bauen – vorausgesetzt, diese seien genehmigungsfähig.
Wie Wilske fortfuhr, sind pro ausgewiesenem VRG mindestens drei Windkraftanlagen (WA) ohne Höhenbegrenzung möglich, möglich ist auch das Überschreiten der VRG-Grenzen durch die Windradrotoren. An der Gemeinderatssitzung am 14. Juli will Wilske teilnehmen.
Ein zentraler Punkt für die Gemeinde sei die Sorge vor negativen Auswirkungen auf die Quellen und somit auf die Wasserversorgung, stellte Bürgermeister Mario Singer fest: „Die Quellschutzgebiete der Wasserschutzzonen I und II sind uns heilig.“ Dort sind jetzt keine VRG mehr vorgesehen. Die Wasserschutzzone III indes konnte nicht vollständig ausgenommen werden – dann, erklärte Wilske, wären zu wenige VRG geblieben. In Zone III gelten Verbote oder Nutzungseinschränkungen etwa für das Ablagern von Schutt, Abfallstoffen und wassergefährdenden Stoffen.
Schwarzwald rausnehmen
IG-Mitglied Karlheinz Beyerle verwies auf zunehmende Meldungen über mit der „Ewigkeitschemikalie“ PFAS belastetem Grundwasser. Der Schwarzwald müsse aus der Windkraftplanung heraus genommen werden, denn: „Wir werden in Zukunft das Wasser aus Rhein oder Bodensee nicht mehr rückstandsfrei trinken können.“
„Wir sagen Nein zu Vorranggebieten und Windenergieanlagen auf bewaldeten Höhenzügen, wo sich ein fragiles Waldökosystem befindet“, lautete die aktuelle Stellungnahme der IG Lebensraum Oberes Kandertal, die deren Sprecherin Birgit-Cathrin Duval verlas. Dem Verband gehe es um 1,8 Prozent, doch: „Für uns und unsere Region geht es um 100 Prozent und die Qualität des Landschaftsschutzgebiets einer gesamten Region. Hier wird der Umbau von Landschafts- und Naturräumen zu Industriegebieten betrieben.“
Verdichtete Trassen bleiben
Beim Bau der Zuwegungen zu den WA blieben verdichtete Trassen in Bundesstraßenbreite. Auf Grundlage des Windatlas Baden-Württemberg, fuhr Duval fort, sei die Verbandsregion hinsichtlich des Windpotenzials und der Topografie eher unterdurchschnittlich für Windenergie-Nutzung geeignet. Laut Erneuerbare-Energien-Gesetz liege die Errichtung Erneuerbarer Energie-Anlagen im überragenden öffentlichen Interesse: „Wann bekommen auch Wälder und Quellen diesen gesetzlichen Status?“
Stellungnahmen
Ende November
will der Regionalverband den Regionalplan Windenergie final beschließen. Zum zweiten Entwurf des Regionalplans können Bürger bis zum 31. Juli ihre Stellungnahmen abgeben, Gemeinden und Behörden haben hierfür Zeit bis zum 12. September. Stellungnahmen können nur noch digital abgegeben werden: per E-Mail an Beteiligung@hochrhein-bodensee.de.