Jüdische Fluchtgeschichten
: Erinnerung an jüdische Flüchtlinge in Riehen

Der israelische Botschafter hat bei einem überraschenden Besuch die Gedenkstätte für Flüchtlinge in Riehen gewürdigt. Deren Zukunft steht jedoch auf wackligen Beinen.
Von
Willi Adam
Basel
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Der israelische Botschafter Tibor Shalev Schlosser hat der Gedenkstätte in Riehen einen Überraschungsbesuch abgestattet.

Willi Adam

Eigentlich stand an diesem Abend ein Vortrag von David Hübler auf dem Programmzettel der Riehener Gedenkstätte, die unweit der Grenze das Schicksal vornehmlich jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz während der NS-Herrschaft beleuchtet.

Der Referent beschäftigt sich als Nachkomme von eben solchen Flüchtlingen mit seiner Familiengeschichte, womit er für eine Erinnerungskultur der zweiten Generation steht. Ein geistiges Erbe, das der Gründer der Riehener Gedenkstätte, Johannes Czwalina, gerne weitertragen möchte, denn die Enkel oder Kinder der Geflüchteten würden deren Leid gewissermaßen „noch im Herzen tragen“.

Doch ehe Hüblers Vortrag begann, machte im voll besetzten Vortragsraum der kleinen Gedenkstätte die Nachricht die Runde, der israelische Botschafter könne einen kurzfristig in Aussicht gestellten Besuch wahr machen. Tatsächlich erschien Tibor Shalev Schlosser, der Israel seit dem vergangenen Herbst in der Schweiz vertritt, zu einer Stippvisite.

Sehr berührender Moment

Die ersten Eindrücke, die der Diplomat am Dienstagabend von der Riehener Gedenkstätte, von der dahinter stehenden Initiative Johannes Czwalinas und vom Thema des Abends gewonnen hat, schienen den Diplomaten spürbar bewegt zu haben.

Er selbst sprach von einem „sehr berührenden Moment“ und erzählte, dass auch in seiner Familie Fotos von Holocaust-Opfern aufbewahrt würden – von Erwachsenen aber auch von Kindern, die heute Enkel haben könnten, die aber ermordet wurden, „nur weil sie Juden waren“. Schlosser, der aus einer rumänisch-ungarischen Familie stammt, kritisierte den heutigen „Mangel an Information“. Er stelle aber auch fest, dass junge Leute häufig gar kein Interesse mehr an Fakten hätten.

Die Riehener Gedenkstätte

Foto: Tim Nagengast

Schlosser, der eine Ansprache beim Basler Silent Walk gegen Antisemitismus für seinen Abstecher nach Riehen genutzt hat, nannte zwei dieser Fakten, in deren Spannungsfeld sich auch die Riehener Gedenkstätte bewegt: 24.000 jüdische Flüchtlinge habe die Schweiz in der NS-Zeit aufgenommen, wofür er danke. Aber es seien eben auch 30.000 bis 35.000 zurückgewiesen worden, was diese Menschen sehr häufig ihrer Vernichtung ausgeliefert hat. Mit Blick auf den Schweizer Polizeihauptmann Paul Grüninger, der in der Ostschweiz zahlreiche Juden gerettet hat und dafür von der Schweiz dienstrechtlich bestraft wurde, sagte Schlosser: „Einzelne Menschen können in dunkelster Zeit den Unterschied machen.“

Gegen das Vergessen

Der Riehener Gedenkstätte hielt Schlosser zugute, sie halte diese humane Dimension wach und zeige, dass Geschichte eben nicht nur von Staaten und Kriegen bestimmt sei. „Wir können nicht mehr sagen, wir haben es erlebt“, so Schlosser an Besucher und Engagierte der Gedenkstätte gerichtet, „aber wir können dafür sorgen, dass es nicht vergessen wird.“ Inwieweit die Gedenkstätte Riehen, die im Herbst ihr 15-jähriges Bestehen feiert, diesen selbst gestellten Auftrag in Zukunft noch erfüllen kann, ist derzeit offen.

Zukunft ungewiss

Johannes Czwalina, der als Initiator und Inspirator persönlich für die Gedenkstätte steht, deutete am Ende der Veranstaltung an, er werde sich aus gesundheitlichen Gründen in Zukunft nicht mehr so intensiv wie bisher um die Gedenkstätte kümmern können. Ob und wie es über den Herbst hinaus weitergeht, sei offen.

Über diese aktuellen Ereignisse geriet der eigentliche Anlass des Abends, nämlich der Vortrag von David Hübler, fast etwas in den Hintergrund. Hübler stellte am Beispiel seiner Vorfahren dar, wie der Zufall oder das Glück, im richtigen Augenblick an die richtigen Menschen zu geraten, in jener Zeit über Leben und Tod entschieden haben. Ein Umstand, der ganz greifbar bis in unsere Tage Folgen hat: Denn hätte der besagte Ostschweizer Polizeipräsident Grüninger nicht Hüblers Großeltern und seinen damals fünfjährigen Vater einreisen lassen, könnte er, Hübler, jetzt nicht Zeugnis ablegen von jener Zeit.

In seinem Schlusswort beklagte Czwalina mit Blick auf die ungewisse Zukunft seiner Einrichtung, dass der Gedenkstätte immer vorgeworfen werde, zu sentimental und zu wenig wissenschaftlich zu sein. Wie aber Hübler schnörkelloser Vortrag an diesem Abend bewies, kann Geschichte eben doch über persönliche Geschichten greifbar werden.