Hilfe zur Selbsthilfe: Wie sich der Nepalverein Weil am Rhein hautnah engagiert

An der Armut kommt man in Nepal vor allem in Bergdörfern nicht vorbei. Omari Brüderle, Vorsitzende des Nepalvereins Weil am Rhein, hat 14 Jahre lang in Nepal gelebt.
Omari Brüderle/NepalvereinNepal gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und ist zugleich eines der spektakulärsten für Reisen. Auch Omari Brüderle, die Vorsitzende des Nepalvereins, hat das „Dach der Welt“ zunächst im Urlaub kennengelernt und ist dann „hängengeblieben“, wie sie sagt. 14 Jahre lang hat sie dort gelebt, in einem kleinen Bergdorf am Fuße des Himalaya.
Seinen Beinamen verdankt Nepal dem Mount Everest, mit 8848 Metern dem höchsten Berg der Welt. Er ist für Nepal heilig, mit einer spirituellen Bedeutung für das Volk der Sherpa, und ein wichtiger Teil der nepalesischen Kultur und Wirtschaft. Bergsteiger aus aller Welt kommen nach Nepal, um den Berg zu bezwingen.
Es ist erstaunlich, was Omari Brüderle aus ihrem Leben in Nepal zu erzählen hat. Die Welten, in die man beim Zuhören eintaucht, sind kaum vorstellbar. Eigentlich heißt sie Claudia Brüderle und ist in Zell im Wiesental geboren, den Namen „Omari“ bekam sie in Nepal, wie sie im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt.
Nach ihrer Schulzeit hatte sie die Berufe Konditor und Bäcker gelernt und in beiden die Meisterprüfung abgelegt. Fast 33 Jahre lang arbeitete sie in der Backstube bis ein Skiunfall im Februar 2022 ihr Leben aus der Bahn warf. Mehr als zwei Jahre lang war sie arbeitsunfähig. „Das veränderte mein Leben total“, schreibt sie auf der Webseite des Vereins.
Fünf Jahre später kam der Einschnitt, der sie von ihrer Heimat dann etwa 6500 Kilometer trennte: ab Januar 2007 lebte und arbeitete sie mehr als ein Jahrzehnt lang in Nepal. Dort hat sie die sozialen Projekte des Weiler Nepalvereins „Om Shivom Nepal“, den sie 2009 gemeinsam mit Dieter Pfaff und Heidi Moser gründete, direkt vor Ort betreut.
Zwei Kinderhäuser für je sechs Waisen unterhält der Verein in Hunumath, 20 Kilometer von der Hauptstadt Kathmandu entfernt. Ziel des Vereins „Om Shivom Nepal“ sei es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, anstatt Abhängigkeiten zu schaffen. Deshalb legt er bei Projekten wert auf Nachhaltigkeit und prüft direkt vor Ort, inwieweit sich diese mit den ethischen und moralischen Grundsätzen der Nepalesen vereinbaren lassen. „Om Shivom“ bedeutet laut Brüderle sinngemäß „Transformiere, damit etwas Entstehen kann“.
„Um die Armut kommt man in Nepal nicht herum, auch nicht als Tourist“, sagt Dieter Pfaff. Denn als solcher lernte er das Land kennen, hat in Kathmandu aber einen Freund, weshalb sein Blick von Beginn an über die üblichen Routen und Attraktionen für Reisende hinaus ging. Das Elend habe viele Gesichter in diesem Entwicklungsland, das auch immer wieder von Naturkatastrophen wie Erdbeben und Schlammlawinen erschüttert wird.
Bedürftigkeit überall spürbar
Für den aufmerksamen Touristen sei die Bedürftigkeit der Bevölkerung praktisch überall sichtbar: in Kathmandu ebenso wie in den abgelegenen und teils isolierten Bergdörfern. Sein Freund hatte in der Hauptstadt in den 90er Jahren die Aufgabe, Mülltonnen einzuführen und hat durch den Leitungsbau 700 Menschen den direkten Zugang zu Trinkwasser ermöglicht.
Die Bevölkerungszahl von Nepal wird für 2025 auf rund 30 bis 32 Millionen Einwohner geschätzt, in der Hauptstadt leben nach aktuellen Schätzungen rund 1,5 Millionen. Nepal leidet unter weit verbreiteter Armut, die durch politische Instabilität, Naturkatastrophen, ein geringes Wirtschaftswachstum und niedrige Löhne verschärft wird. Unterernährung, mangelnder Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung sowie die hohe Rate an Kinderarbeit sind gravierende Probleme, die Kinder und Frauen betreffen, erklärten die Vereinsgründer gegenüber unserer Zeitung.

Ein Mädchen im Kinderhaus in Nepal freut sich über eine gespendete warme Decke. Auch für diesen Winter freut sich der Weiler Nepalverein über gespendete warme Decken und Winterkleidung.
Foto: Omari Brüderle„Witwen stehen am Rand der Gesellschaft, weil sie Schuld sind am Tod des Ehemanns“, schildert Brüderle wie das Kastensystem Teile der Bevölkerung noch immer beeinflusst. „Mit der jüngeren Generation verbessert sich dies aber Schritt für Schritt“, sagt sie. Deshalb verteilt der Verein dort auch „Überlebenspakete“ mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln, unterhält Schulprojekte, baut Spielplätze, renoviert Klassenzimmer, ermöglicht Arztbesuche, Medikamente und Krankenhausaufenthalte. Darüber hinaus vermittelt und schafft er Arbeitsplätze.
Patenschaft für ein Kinderhaus-Kind
Auch Gründungsmitglied Heidi Moser kam bei ihren Besuchen in Nepal nicht an der Armut vorbei. Deshalb ist sie seit 14 Jahren Patin eines Kinderhaus-Kindes, wie sie auch die elf weiteren haben. Damit ermöglicht sie ihrem Patenkind mit 15 Euro im Monat in die Schule zu gehen und grundlegende Bedürfnisse wie Ernährung und Gesundheitsversorgung zu decken. Eigentlich beträgt die Schulzeit acht bis zwölf Jahre. Moser unterstützt ihren Schützling nun noch während seiner Studienzeit. „Das ist nicht selbstverständlich und auch kein Muss“, sagt Brüderle.
Alle haben einen Job
Erst im Mai sei laut Brüderle in Nepal ein Kinderhaus-Fest gefeiert worden, zu dem alle zwölf ehemaligen Kinder kamen. „Da konnten wir sehen, was aus ihnen geworden ist.“ Alle haben einen Job, eine junge Frau studiert und steht auf eigenen Füßen, was in Nepal nicht selbstverständlich sei.

Die Gründungsmitglieder (von links) Heidi Moser, Dieter Pfaff und Omari Brüderle.
Foto: Maja TolsdorfAus gesundheitlichen Gründen lebt Brüderle heute wieder in der hiesigen Region. Ihre Aufgabe in Nepal hat sie an einen heute 29-jährigen Mann übergeben, der als Zwölfjähriger vor ihrer Wohnungstür in Nepal stand, auf der Suche nach einem Taschengeld-Job. Dennoch reist sie regelmäßig nach Nepal, um dafür zu sorgen, dass die Spenden auch dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
In Nepal Türen geöffnet
Während ihrer Zeit in Nepal hatte sie aber auch jungen Leuten aus aller Welt so manches Mal die Türen in Nepal geöffnet, denn Omari Brüderle hatte jungen Menschen nach dem Studium dort die Möglichkeit zu sozialem Engagement gegeben. Sie hatten in den Kinderhäusern oder an der dortigen Schule mitgearbeitet.
Dennoch zeigen sich Pfaff, Moser und Brüderle besorgt, dass „der Rentnertrupp“, wie Pfaff scherzhaft sagt, keine jungen Menschen finden könnte, die dieses Engagement für Nepal in die Zukunft führen. Denn, dass der Prozess der Hilfe zur Selbsthilfe und des Aufbaus von innen heraus sich weiterentwickeln kann – das wünschen sich die Gründungsmitglieder sehr.
Kontakt und weitere Infos: www.om-shivom-nepal.com/