Ende für Lörracher Schuhmacherei
: Thomas Granzow schließt sein Geschäft

Er gehört zu den letzten echten Schuhmachermeistern in Lörrach. Doch nun muss Thomas Granzow sein Geschäft in der Tumringer Straße schließen. Warum ist das so?
Von
Gabriele Hauger
Lörrach
Jetzt in der App anhören

Thomas Granzow und seine Frau Sabina im Geschäft in der Tumringer Straße.

Gabriele Hauger

Für uns schließt Thomas Granzow seine Schuhmacherei noch mal auf. Die Glocke ertönt, der Blick fällt auf Regale mit reparierten Schuhen, es riecht so typisch, wie es eben beim Schuster riechen muss. Doch die Zeiten des Familienbetriebs in dritter Generation sind nach 60 Jahren vorbei. Glücklich ist der 58-Jährige darüber nicht.

Denn das Ende liegt keineswegs an mangelnder Kundschaft oder Motivation, wie er erzählt. Gesundheitliche Gründe zwingen ihn dazu. So richtig fassen können weder er noch seine Frau Sabina, dass sie nach 30 Jahren die Türen für immer schließen müssen. Wie es weitergeht? Das wissen sie beide noch nicht. Zu sehr sind sie im Moment noch damit beschäftigt, das Lager zu räumen, die Maschinen zu verkaufen – und sich von ihren treuen Kunden zu verabschieden.

60 Jahre alt ist diese Maschine: Doch sie läuft noch wie eine Eins.

Foto: Gabriele Hauger

Samstags zwischen 10.30 und 14 Uhr ist noch geöffnet, damit Kunden ihre reparierten Schuhe, Gürtel oder Taschen abholen können. Ein Schild an der Tür verweist darauf. Am 26. Juli ist definitiv Schluss, dann wird Nicht-Abgeholtes entsorgt.

Mit Windeln im Schaufenster

Schon als kleiner Junge blickte Thomas Granzow seinem Vater beim Schuhe-Reparieren über die Schulter. 1966 war die Filiale in Lörrach eröffnet worden. Der erste Betrieb war vom Großvater in Rheinfelden gegründet worden.

Der Laden in der Tumringer Straße diente den Granzows damals gleichzeitig als Wohnung. Thoma Granzow ist also quasi zwischen Schuhen und Leder groß geworden. „Als Windelkind saß er sogar mal im Schaufenster“, erzählt seine Frau lachend eine Familien-Anekdote. Dennoch schwankte er zwischen dem Berufswunsch Schreiner oder Schuster. Schließlich wurde er dann letzteres. Die Ausbildung erfolgte beim Vater, der im übrigen bis ins hohe Alter von 82 in der Werkstatt mitarbeitete.

Ein handgefertigter Schuh bedeutet viel Arbeit.

Foto: Gabriele Hauger

„Mit Leder zu arbeiten ist toll“, schwärmt Granzow. Eine besondere Herausforderung: speziell angefertigte Schuhe. Er zeigt uns eines dieser edlen Stücke. Da werden die Leisten am Fuß angepasst, die Brandsohle, das „Herzstück des Schuhs“, wird rangiert, der Rahmen mit der Hand gestochen. Allein das Material für ein Paar koste um die 350 Euro. Eine Woche Arbeitszeit inklusive. Aber: „In solchen Schuhen läuft man ganz anders. Und sie halten ewig“, sagt der Experte. Gerade junge, stilbewusste Männer würden sich diesbezüglich wieder sehr interessiert zeigen, ergänzt seine Frau. Und viele von ihnen pflegten ihre Schuhe. „Oft mehr als die Frauen. Vielleicht, weil sie nicht so viele haben“, lächelt seine Frau, die neben ihrem Job die Buchhaltung im Geschäft erledigte.

Weniger hochwertige Schuhe

Generell aber lasse der Trend zu hochwertigen Schuhen stark nach, bedauert Thomas Granzow. Flipflops und Wegwerfware dominierten bei vielen. „Nur zehn Prozent der Lörracher gehen überhaupt zum Schuhmacher.“ Manche im übrigen sogar nur zum Schuheputzenlassen. „Das hassen viele.“

Der Hinweis für die Kunden

Foto: Gabriele Hauger

In den 60er Jahren gab es in Lörrach noch 30 Schuhmacher. Jetzt ist er quasi allein. Dennoch hatte er bis zum Schluss genügend Kunden, darunter viele Stammkunden. Und das keineswegs hauptsächlich aus der Schweiz.

Viele bedauern die Schließung sehr. Einmal lagen sogar Blumen als Dankeschön vor der Tür. Wobei sein Arbeitsbereich keineswegs nur Schuhe umfasste: Gürtel, Taschen, Auto-Ledersitze, Polstergarnituren, Sättel, Reitstiefel hat er repariert.

Der Meisterbrief

Foto: Gabriele Hauger

Das Schuhmacherhandwerk bedeutet viel Arbeit. „Ich habe sieben Tage die Woche gearbeitet, auch am Sonntag. Da war es immer schön ruhig“, erzählt er rückblickend. Für Hobbys blieb da keine Zeit. Nun aber stehe die Gesundheit im Fokus.

Noch sei er wie in Trance und habe das alles noch gar nicht richtig realisiert, erzählt der Schuhmacher. „Es gibt noch so viel zu tun.“ Wie die Zukunft aussieht, wissen beide noch nicht. „Ich sehe das auch als Chance“, sagt Sabina Granzow – jedoch mit einem verräterischen Glänzen in den Augen.

Auf einen Blick

Geschlossen
ist definitiv ab 26. Juli; bis dahin können Kunden samstags zwischen 10.30 und 14 Uhr ihre zur Reparatur abgegebenen Waren abholen.