Atomkraft in der Schweiz: Weshalb die Mehrheit neue Atomkraftwerke befürwortet

Die Schweizer Bevölkerung rückt von Atomausstieg ab.
Michael WerndorffAngesichts wachsender Sorgen um die langfristige Stromversorgung spricht sich die Hälfte der Befragten eher für den Bau eines neuen Kernkraftwerks als für eine Vielzahl zusätzlicher Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien aus.
Die am Sonntag veröffentlichte Studie des Forschungsinstituts GFS Bern zeigt, dass 58 Prozent der Bevölkerung über die langfristige Versorgungssicherheit besorgt sind. Das sind sieben Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig bezweifeln 64 Prozent, dass erneuerbare Energien allein ausreichen, um den künftigen Strombedarf der Schweiz zu decken.
Besonders hoch bleibt die Unterstützung für bestehende Atomkraftwerke: 79 Prozent befürworten deren Weiterbetrieb, solange die Anlagen als sicher gelten. Zudem halten 59 Prozent den Bau von Kernkraftwerken der neuen Generation für sinnvoll. Erstmals seit Beginn der Umfragereihe im Jahr 2022 bevorzugt die Hälfte der Befragten ein neues Kernkraftwerk gegenüber zahlreichen zusätzlichen Anlagen für erneuerbare Energien.
Wachsender Zweifel
Die Umfrage zeigt zugleich einen wachsenden Zweifel an der Leistungsfähigkeit von Sonne und Wind. 55 Prozent sind der Ansicht, dass diese die Stromversorgung nicht ausreichend sicherstellen können und es deshalb Kernkraftwerke brauche. Falls der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht ausreiche, würden sich 58 Prozent für Kernkraftwerke als Ergänzung aussprechen, aber nur 26 Prozent für Gaskraftwerke.
Abstriche beim Umweltschutz
Gleichzeitig wächst die Bereitschaft, den Ausbau der Stromproduktion zu beschleunigen. So unterstützen 68 Prozent Einschränkungen bei Beschwerden gegen Energieprojekte, damit diese schneller umgesetzt werden können. Ebenso sind 58 Prozent bereit, zur Stärkung der inländischen Stromproduktion Abstriche beim Umweltschutz in Kauf zu nehmen. Von der gestiegenen Technologieoffenheit profitiert auch die sogenannte Blackout-Initiative.
Für eine sichere Stromversorgung
Würde heute darüber abgestimmt, würden laut Umfrage 55 Prozent der Stimmberechtigten zustimmen, nach 46 Prozent im Vorjahr. Der Bundesrat lehnt die Initiative zwar ab, will mit einem Gegenvorschlag aber das Neubauverbot für Kernkraftwerke aufheben. Generell gewichtet die Bevölkerung die Versorgungssicherheit inzwischen stärker als Klimaschutz oder Strompreise. Für 45 Prozent der Befragten hat eine sichere Stromversorgung oberste Priorität. Zudem unterstützen 66 Prozent weiterhin ein Stromabkommen mit der Europäischen Union. Für die Studie befragte GFS Bern im Auftrag des VSE zwischen dem 23. März und dem 15. April insgesamt 1015 Stimmberechtigte. Der Stichprobenfehler beträgt plus/minus 3,1 Prozentpunkte.
Nationalrat diskutiert
Derweil diskutierte der Nationalrat am Montag über das Verbot des Baus neuer Atomkraftwerke. Er nimmt seine Beratungen zum Gegenvorschlag zur Initiative „Jederzeit Strom für alle (Blackout stoppen)“ auf. Dieser brächte eine Aufhebung des Verbots.
Der Bundesrat will den Bau neuer Atomkraftwerke wieder möglich machen. Der Ständerat schloss sich dieser Haltung an. Im Nationalrat deutet einiges auf knappe Mehrheitsverhältnisse hin. Die zuständige Kommission unterstützte den Gegenvorschlag in der Vorberatung nur äußerst knapp mit 13 zu zwölf Stimmen.
2017 hatte die Schweizer Stimmbevölkerung als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima den Atomausstieg beschlossen. Das letzte Wort bei dem Thema dürften ohnehin die Stimmberechtigten haben. Die Grünen haben bereits ein Referendum angekündigt, sollte das Parlament das Bauverbot für neue AKW aufheben.