„Ansprechbar“ in Basel
: Stress und Depressionen - Warum Gespräche schon viel bewirken können

Psychische Probleme gehören für viele Jugendliche zum Alltag. Gleichzeitig fehlt es häufig an unkomplizierten Möglichkeiten, über Sorgen, Ängste oder Einsamkeit zu sprechen. Ein Basler Pilotprojekt setzt auf geschulte Gleichaltrige, die Unterstützung bieten.
Von
Michael Werndorff
Basel
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Psychische Belastungen und Störungen treten bei Jugendlichen zunehmend auf.

Psychische Belastungen und Störungen treten bei Jugendlichen zunehmend auf.

Julian Stratenschulte/dpa/dpa-tmn
  • Basel testet „Ansprechbar“: geschulte Gleichaltrige hören Jugendlichen im Café zu.
  • Ziel ist ein niedrigschwelliges, anonymes Angebot, bevor Belastungen zu Krisen werden.
  • Themen sind Einsamkeit, Liebeskummer, Stress und Konflikte im Freundes- oder Familienkreis.
  • Listeners tragen Buttons, werden zwei Tage geschult und können eine Fachperson hinzuziehen.
  • Drei Einsätze pro Woche in der Markthalle – erste Rückmeldungen sind positiv.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Jule, Michelle und Lorena heften sich Buttons an ihre Kleidung – gelbe Sprechblasen sollen die jungen Frauen als sogenannte Listeners, zu Deutsch Zuhörer, kenntlich machen. Ihre Gesprächspartner: junge Menschen, die im Café Finkmüller in der Basler Markthalle auf offene Ohren für ihre Probleme stoßen. „Ansprechbar“ lautet das Dialogangebot, das sich derzeit in der Aufbauphase befindet.

Das Projekt soll eine wichtige Versorgungslücke für junge Menschen schließen, wie Christina Stadler, leitende Psychologin der Klinik für Kinder und Jugendliche an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK), im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt. Fast jede und jeder Dritte in der Schweiz hat das Gefühl, oft einsam zu sein. Betroffen sind immer häufiger auch Jugendliche. Zudem leiden junge Menschen zunehmend unter Angsterkrankungen und Depressionen. Vor allem Frauen sind betroffen, weiß die Expertin.

„Die Belastungen und der subjektive Leidensdruck bei jungen Menschen sind kontinuierlich gestiegen. Psychische Störungen sind auf dem Vormarsch“, führt Stadler aus. Und anders als früher sei es für Jugendliche schwieriger geworden, ihre Rolle zu finden. Nicht zuletzt kann der Social-Media-Konsum für Stress und Einsamkeit sorgen. Denn der direkte Austausch untereinander bleibe auf der Strecke, zudem seien die Jugendlichen auf der Suche nach Anerkennung in Form von „Likes“ Druck ausgesetzt.

Indes: Nicht jedes Anliegen ist eine klinische Störung, wie die Projektverantwortlichen darlegen. Auch wenn in Basel eine überdurchschnittlich hohe Inanspruchnahme psychischer Unterstützung zu verzeichnen sei, bräuchten nicht alle eine Behandlung. „Ansprechbar“ decke genau diese Lücke durch ein niederschwelliges und präventives Angebot ab, so die Expertin. Jugendliche erhalten die Möglichkeit, sich in einem sicheren, vertraulichen und anonymen Rahmen mit Gleichaltrigen auszutauschen. „Sie sollen sich gesehen und verstanden fühlen und ihre Anliegen gemeinsam mit einer unabhängigen Person auf Augenhöhe sortieren können“, ergänzt Elinor Sager von den UPK Basel.

Junge Menschen können sich öffnen

Mit „Ansprechbar“ wurde in der Markthalle ein Ort geschaffen, wo sich junge Menschen öffnen und über ihre Probleme und Sorgen reden können. „Es besteht ein klarer Bedarf sowie eine Versorgungslücke bei den 15- bis 25-Jährigen“, kommentiert Stadler das Pilotprojekt, an dem die Psychiatriekommission, die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und das Gesundheitsdepartement beteiligt sind. Die Expertin weiß, dass bestehende, oft klinische Strukturen die hohe Nachfrage der Jugendlichen nicht allein auffangen können. Und: Die überdurchschnittliche Inanspruchnahme psychischer Hilfen verdeutliche, wie wichtig frühe Anlaufstellen sind, bevor alltägliche Belastungen in Krisen münden. Egal ob Einsamkeit, Liebeskummer, Stress oder Belastungen im Freundeskreis oder familiären Umfeld: Im gemütlichen Café nehmen sich die geschulten Teilnehmer dreimal pro Woche Zeit für Gespräche. Es brauche weder eine Anmeldung noch Diagnosen, noch gebe es administrative Hürden.

Nutzer bleiben anonym

„Wer das Angebot nutzen will, setzt sich einfach dazu und bleibt anonym“, erklärt Sager. Zudem sei es keine Therapie, sondern ein ungezwungener Austausch. Der entscheidende Unterschied zu anderen Konzepten ist der Peer-to-Peer-Ansatz vor Ort. Jugendliche sprechen nicht mit älteren Experten, sondern auf Augenhöhe mit geschulten Gleichaltrigen. Für das Zuhören werden fortlaufend Listener rekrutiert und geschult. Die jungen Zuhörer werden in einer zweitägigen Schulung ausgebildet. Schwerpunkte sind aktives Zuhören, Gesprächsführung, Rollenverständnis, Abgrenzung sowie der Umgang mit Krisen. Mithilfe von Rollenspielen und Fallbeispielen werden laut der Expertin konkrete Situationen praxisnah geübt. Zudem ist stets eine Fachperson vor Ort, die bei Bedarf hinzugezogen werden kann.

Damit es Betroffenen wieder besser geht

Was die Listener mitbringen müssen? Empathie und die Bereitschaft, zuhören zu wollen, erklärt Michelle. „Vielleicht haben einige Zuhörer selbst eine Hintergrundgeschichte oder kennen Menschen, die psychische Probleme haben. Sie wollen einen Beitrag dazu leisten, dass es Betroffenen wieder besser geht“, erklärt sie die Motivation mancher Teilnehmer. Zuhören allein reiche aber nicht, wie die junge Frau anmerkt. Listeners sollten neugierig sein und im Gespräch auch Fragen stellen. Der Projektauftakt verlief vielversprechend: Den Organisatoren zufolge zeigen erste Rückmeldungen, dass sich die Besucher sehr wohlgefühlt hätten. Das offene Ohr und die neutrale Perspektive würden die Jugendlichen schätzen, so Stadler. Das Projekt „Ansprechbar“ in der Markthalle ist zunächst auf zwei Jahre angelegt.