Basler Botaniker schlägt Alarm: Warum sich der Wald dauerhaft verändern wird

Experten sehen im ganzen Juragebiet ein Absterben der äußeren Baumkronenbereiche.
Universität Basel/Frederik Baumgarten- Schweizer Wälder leiden akut: trockenster Sommer in der Nordwestschweiz seit Messbeginn.
- Im Juragebiet sterben äußere Kronen ab – vor allem bei Buchen, teils irreversibel.
- Kurzzeitiger Regen hilft nicht, da Böden ausgetrocknet sind – zwei Wochen Dauerregen nötig.
- Viele Laubverluste deuten auf geschädigte Gewebe hin, zahlreiche Bäume könnten absterben.
- Wälder verändern sich langfristig: weniger Buchen, mögliche Pflanzung sub- bis mediterraner Arten.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Bereits heute sei klar, dass die Wälder der Nordwestschweiz großen Schaden davontragen. Der Wald der Zukunft werde ein anderer sein, ist der Biologe überzeugt.
Herr Kahmen, in Portugal, Spanien und Frankreich haben große Waldgebiete gebrannt. Droht das im trockenen Sommer 2026 auch in der Schweiz?
Nein, in diesem Ausmaß sicherlich nicht. Die Schweiz befindet sich in einem gemäßigten temperaten Lebensraum, wo Waldbrände grundsätzlich keine große Rolle spielen und eher die Ausnahme sind. Wir haben in den letzten Jahren auch immer mal wieder Feuer gesehen, aber die sind üblicherweise nicht so verheerend wie im mediterranen Raum.
Wie geht es denn unserem Wald in der Schweiz in diesem trockenen Sommer?
Überhaupt nicht gut. In der Nordwestschweiz haben wir das trockenste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Es fehlt schlichtweg an Wasser, riesigen Mengen an Wasser, die in absehbarer Zeit auch nicht kommen werden.
Wie viel des aktuellen Schadens ist bereits sichtbar?
Wir sehen schon viel. Ein Baum kippt zwar nicht sofort um, wenn er tot ist. Er ist mit seinen Wurzeln verankert, und die halten ihn auch noch einige Jahre, nachdem er abgestorben ist. Im Moment sehen wir aber ein großflächiges Absterben der äußeren Kronenbereiche im ganzen Juragebiet. Vor allem bei Buchen, welche die vorherrschende Baumart sind. Aber auch andere Arten sind betroffen. Unsere Erfahrungen mit unserem Forschungsprojekt in Hölstein seit 2018 lassen vermuten, dass diese Schäden irreversibel sind. Das Jahr 2026 ist tatsächlich eine Zäsur für unseren Wald.
Wie wird der Wald im kommenden Frühjahr aussehen?
Das Ausmaß der Schäden ist so gravierend, dass wir davon ausgehen, dass viele der Bäume, die jetzt ihr Laub verloren haben, unmittelbar oder in den nächsten Jahren absterben werden. Die Bäume sind so ausgetrocknet, dass sie bereits jetzt ihr Laub abwerfen, das sie eigentlich bis Ende Oktober behalten sollten. Das ist erstmal nur ein Symptom, es deutet aber darauf hin, dass wichtige Gewebe in den Kronen der Bäume geschädigt sind.
Würde ein Sommergewitter Erleichterung bringen?
Nein. Diese Niederschlagsmenge würde für eine dauerhafte Erholung schlicht nicht ausreichen. Ein Wald braucht an einem normalen Sommertag drei Millimeter Wasser. Hochgerechnet auf einen Hektar wären das 30.000 Liter Wasser. Das beantwortet auch die Frage, weshalb man den Wald nicht gießen kann. Außerdem: Wenn Sie sich bei Regen unter einen Baum stellen, bleiben Sie erst einmal trocken. Es braucht also eine gewisse Menge an Niederschlag, bis dieser überhaupt das Kronendach durchdringt und am Boden ankommt. Und weil dieser so stark ausgetrocknet ist, fließt das Wasser auch gleich wieder ab. Was wir bräuchten, sind zwei Wochen flächendeckende, anhaltende Niederschläge, damit der Boden wieder feucht ist und das Wasserdefizit beseitigt wird.
Heißt das, der ganze Wald im Juragebiet stirbt ab?
Was wir heute sehen, konnten sich auch viele Forscher nicht vorstellen: die hohe Frequenz dieser heißen und trockenen Sommer. 2003 sprach man noch von einem „Jahrtausendsommer“. Dieses Phänomen hat sich dann 2015, 2018 und 2019 wiederholt und wird 2026 wohl noch übertroffen. Also, diese Häufigkeit von sehr trockenen Jahren nimmt massiv zu, und viele unserer heimischen Baumarten sind an solche Verhältnisse nicht angepasst.
Verschwindet der Schweizer Wald, wie wir ihn heute kennen?
Unsere Wälder werden nicht komplett verschwinden. Aber diese buchendominierten Wälder, wie wir sie im Moment haben, wird es künftig an vielen Orten so nicht mehr geben. Den Wandel sehen wir seit 2018 in einer erschreckenden Geschwindigkeit voranschreiten. Die heimischen Eichenarten können mit den heute herrschenden Temperaturen zwar noch besser umgehen. Sie haben ein deutlich tieferes Wurzelsystem. Aber auch sie kommen irgendwann an ihre Grenzen. Und dann müssen wir uns damit auseinandersetzen, submediterrane Arten oder sogar mediterrane anzusiedeln.
Kommt das Klima durch das großflächige Absterben der Bäume zusätzlich unter Druck?
Ja. Wenn die Bäume absterben und von Mikroben abgebaut oder vom Menschen verbrannt werden, wird das ganze CO2 freigesetzt, das vorher über Jahrzehnte aufgenommen wurde und in der Biomasse der Bäume gebunden war. Wenn dies in großem Maß passiert, haben wir enorme Mengen an zusätzlichem CO2 in der Atmosphäre, die die Temperaturen zusätzlich anheizen. Solche sich selbst verstärkenden Prozesse können dazu führen, dass der Klimawandel noch schneller voranschreitet.
Welche Aufgaben kommen jetzt auf die Forstbetriebe zu?
Sie müssen entscheiden, welche Baumarten zukunftsfähig sind. Und das ist gar nicht so einfach, denn wir bewegen uns außerhalb unseres Erfahrungsbereiches. Das Anpflanzen nicht heimischer Baumarten führt vielleicht auch zum Konflikt mit dem Naturschutz, der ja per se bewahren möchte. Und das wäre ein Wald, der überwiegend von Buchen dominiert ist. Aber ich denke, wir müssen uns von diesem Leitbild verabschieden. Denn was wir jetzt sehen, ist wirklich dramatisch.
Wie wird der Klimawandel unsere Wälder verändern?
Die Wälder, in denen wir groß geworden sind, die für die Bevölkerung der Schweiz und auch die Bevölkerung Mitteleuropas eine große emotionale Bedeutung haben, wird es nicht mehr geben. Sie werden anders aussehen. Denn unsere Baumarten können mit diesen Bedingungen einfach nicht umgehen.
Was kann man sonst tun, um den Wald zu unterstützen?
Unmittelbar nicht viel, denn das System ist einfach zu groß, um schnell und effizient eingreifen zu können. Langfristig muss sich die Artenzusammensetzung an die neuen Klimaverhältnisse anpassen. Das ist aber nicht einfach umzusetzen, denn wir stehen erst am Anfang einer klimatischen Veränderung. Bäume, die heute gepflanzt werden, sollten auch in 80 oder 100 Jahren, also mit dem dann herrschenden Klima, zurechtkommen.

