Hilfe für stachelige Patienten
: So wird in der Igelstation Lahr verletzten Tieren geholfen

Seit knapp einem halben Jahr gibt es die Einrichtung am Lahrer Flugplatz. Ehrenamtliche pflegen dort verletzte oder kranke Tiere. Ihren Einsatz braucht es, denn Igel sind zunehmend gefährdet.
Von
Herbert Schabel
Lahr
Jetzt in der App anhören
Helferin Denise Dula hatte beim Besuch unserer Redaktion diesen Igel gerade aus seiner Box genommen, um sie zu reinigen.

Helferin Denise Dula hatte beim Besuch unserer Redaktion diesen Igel gerade aus seiner Box genommen, um sie zu reinigen.

Schabel
  • In Lahr hilft die Igelrettung Ortenau verletzten und kranken Igeln in einer neuen Station.
  • Die Station am Lahrer Flugplatz wirkt wie eine Praxis – mit Intensiv- und Behandlungsraum.
  • Ehrenamtliche pflegen rund 40 Igel; im vergangenen Jahr wurden 964 Tiere aufgenommen.
  • Moderne Gartentechnik, Pestizide und Insektenrückgang gefährden Igel zunehmend.
  • Hilfe: Wasser und Futter bereitstellen, Wild-Ecken schaffen, Kontakt per E-Mail und Website.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Behutsam nimmt Ellie Rajnys den wenige Wochen alten weiblichen Igel aus einer Plastikbox, um ihn auf die Waage zu legen. Die zeigt 432 Gramm an, ein paar Gramm mehr als tags zuvor – ein gutes Zeichen. Dann schaut sie sich das Stacheltier genau an. Seine Augen sind klar, das Näschen feucht – alles so, wie es sein soll. Aber hinter den Öhrchen und am Bauch entdeckt Rajnys krustige Stellen – ein Alarmsignal. „Das Tier ist von Milben befallen“, kommentiert die Ruheständlerin. Sie werde ihm Nahrungsergänzungsmittel geben, um den Magen-Darm-Trakt zu stärken, und es außerdem mit einem Hautspray behandeln.

Rajnys ist eine engagierte Ehrenamtliche der vor zweieinhalb Jahren gegründeten Igelrettung Ortenau. Im März 2026 hat der gemeinnützige Verein seine Igelrettungsstation in der Fritz-Rinderspacher-Straße 12 am Lahrer Flugplatz eröffnet. Dort fühlt man sich wie in einer Arztpraxis, mit einem Empfang gleich hinter dem Eingang. Besuchern wird ein Anmeldeformular ausgehändigt, auf dem sie etwa eintragen, wo und wann sie den verletzten oder kranken Igel gefunden haben, den sie gerade vorbeibringen.

Die Einrichtung erinnert an eine Arztpraxis

Der erste Raum rechter Hand ist die Intensivstation – hier werden schwer verletzte oder schwangere Tiere untergebracht, aber auch Igelmamas mit ihren Babys. Dahinter befindet sich der Behandlungsraum, in dem Rajnys gerade das Jungtier untersucht. Hinter dem Tisch, auf dem sie den Igel wiegt und in Augenschein nimmt, befinden sich Fächer und Regale mit allerlei Medikamenten, Pinzetten, Tupfern und Tüchern.

Ellie Rajnys  päppelt dieses vier Wochen alten  Igelmädchen auf. Es ist in der Igelrettungsstation zur Welt gekommen.

Ellie Rajnys päppelt dieses vier Wochen alten Igelmädchen auf. Es ist in der Igelrettungsstation zur Welt gekommen.

Schabel

Ganz hinten im Gang geht es rechts in das Igelzimmer ab. Hier ruhen beim Besuch unserer Redaktion am Dienstagnachmittag Igel in durchsichtigen Plastikboxen, die mit den wichtigsten Daten zu den jeweiligen Tieren beschriftet sind, vergleichbar mit dem Patientenblatt an einem Bett im Krankenhaus. Die dämmerungs- und nachtaktiven Tiere sind aber nicht zu sehen, sie haben sich unter Decken und in ihren Häuschen verkrochen. Beim Besuch unserer Redaktion befinden sich insgesamt rund 40 Igel auf der Station, ist zu hören.

LZ aktuell
Montag - Freitag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Kreis Lahr Montag bis Freitag im kompakten Überblick.

Die Arbeit der Igelretter dürfte vielen Menschen noch gar nicht bekannt sein – trotzdem werden sie mit der Bitte um Hilfe bisweilen fast überrannt. Im vergangenen Jahr, als die Igel noch bei Mitgliedern zu Hause gepflegt wurden, habe man 964 Tiere aufgenommen. In diesem Jahr seien es bisher bereits knapp über 450, sagt Michael Lipps, der stellvertretende Vorsitzende der Igelrettung Ortenau, unserer Redaktion. Der 53-Jährige ist auch Gründungsmitglied des Vereins, der von Geraldine Hoffmann-Tournier aus Kappel-Grafenhausen geleitet wird.

Michael Lipps hat sich erst privat um verletzte Igel gekümmert und war dann einer der Gründungsmitglieder der Igelrettung Ortenau

Michael Lipps hat sich erst privat um verletzte Igel gekümmert und war dann einer der Gründungsmitglieder der Igelrettung Ortenau.

Schabel

Lipps erzählt, dass er vor fünf Jahren einen verendeten Igel gefunden habe, der offenbar von einem Gartengerät tödlich verletzt worden war. Dieses Erlebnis habe ihn so sehr berührt, dass er mehr über die Tiere erfahren wollte und schließlich auch verletzte Igel bei sich aufnahm. „Sie sind faszinierend“, sagt er – obwohl sie wegen ihres Status als Wildtiere nicht als Haustiere gehalten werden dürfen, wie er betont. Kranke oder schwache Igel sowie verwaiste Jungtiere dürfen aber vorübergehend von Menschen in Obhut genommen und gesund gepflegt werden­ – dieser Aufgabe haben sich die Mitglieder der Igelrettung Ortenau verschrieben.

40 bis 50 Ehrenamtliche, vorwiegend Frauen, helfen regelmäßig in der Igelstation aus, erklärt Lipps. Etwa, indem sie die Tiere füttern und die Boxen reinigen. Die Behandlung kranker oder verletzter Tiere übernehmen Mitglieder, die sich damit besonders gut auskennen. Ellie Rajnys war etwa Sekretärin am Ortenau-Klinikum in Offenburg, ihr Mann arbeitete dort als Intensiv-Pfleger – „da bekommt man einiges mit“, sagt sie mit einem Lächeln.

Moderne Gartentechnik ist eine große Gefahr

Die Igelstation hat ein Zwei-Schicht-System, vom Nachmittag bis teils spät am Abend sei eigentlich immer jemand da, sagt Lipps. Man würde sich aber sehr über weitere Helfer freuen. Freiwillige würden in ein intaktes Team kommen und mit ihrem Einsatz Gutes bewirken. Hintergrund ist, dass Igel stark gefährdet sind. Sie stehen auf der Vorwarnliste der Roten Liste gefährdeter Tierarten, wie Lipps betont.

Ein wesentlicher Grund dafür sei moderne Gartentechnik, etwa Tellersensen und Rasentrimmer, die jedes Jahr zu schweren Verletzungen und Todesfällen führten. Lipps appelliert deshalb an alle Gartenbesitzer, Rücksicht zu nehmen. Vor allem vor dem Einsatz von Mährobotern warnt er. Denn die Tiere würden sich bei Gefahr einrollen, statt zu fliehen. Das schütze sie zwar in der Natur, aber nicht vor automatischer Technik.

Aber auch Pestizide, Schottergärten und der Insektenrückgang machen Igeln das Leben schwer. Manchmal würden die Tiere deshalb kaum noch etwas zu essen oder zu trinken finden, bedauert Lipps. Jeder könne ihnen deshalb helfen, wenn er regelmäßig Wasser in einem Schälchen rausstellt. Wer noch mehr für die sympathischen Stacheltiere tun wolle, könne ihnen Katzenfutter, Soldatenfliegenlarven oder getrocknete Mehlwürmer bereitlegen, so Lipps.

Der stellvertretende Vorsitzende der Igelrettung wünscht sich, dass die Menschen den Tieren gute Bedingungen schaffen, etwa, indem sie „wilde“ Ecken in ihren Gärten erhalten – mit hohem Gras, Laub und einem Totholzhaufen als Rückzugsort. Wer Igel in seinem Garten aufnehmen will, solle sich per E-Mail melden, so Michael Lipps. Denn Ziel sei es, auch die Igel wieder auszuwildern, deren Finder sie zur Station gebracht haben, aber nicht mehr auf ihrem Grundstück haben wollten. Auch das Jungtier, das Ellie Rajnys beim Besuch unserer Redaktion untersucht hat, soll eines Tages in die Natur entlassen werden.

Eine Auswilderung werde behutsam vollzogen, erzählt Lipps. In der ersten Woche werde den Tieren zum Beispiel abends noch Futter angeboten. Dafür werde häufig ein kleines Freigehege genutzt, in dem der Igel sich an die neue Umgebung gewöhnen kann. Doch nicht jeder Igel könne sich in der Natur selbst versorgen, etwa weil er blind ist oder ihm ein Füßchen fehlt. Solche geschwächten Tiere wolle man aber nicht einschläfern, betont Lipps. Deshalb suche man nach einem Grundstück, das man selbst zu einer Art Handicap-Garten für alte oder behinderte Igel ausbauen könne. Dafür würde man auch ein Areal mieten oder kaufen.

Kontakt

Igel, die abgemagert aussehen, apathisch sind, in der Sonne liegen, von Fliegen verfolgt werden oder stark husten, Igelsäuglinge ohne Mutter und generell natürlich verletzte Tiere brauchen Hilfe. Wer ein Tier in dieser Verfassung findet, erhält unter E-Mail igelrettungortenauev@web.de eine Beratung. Der Verein finanziert sich durch Spenden, Kuchenverkauf und Veranstaltungen. Es ist auch möglich, eine Patenschaft für ein Tier zu übernehmen und ihm dann einen Namen zu geben. Infos dazu und Mitgliedsanträge finden sich auf der Homepage www.igelrettung-ortenau.de. Weitere Auskünfte gibt es auf Facebook und Instagram.